ZeitgeschichteDie verfolgten Professoren von Weihenstephan

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An vier in der NS-Zeit entlassene Professoren erinnert die TU München im zentralen Hörsaalgebäude am Campus Weihenstephan.
An vier in der NS-Zeit entlassene Professoren erinnert die TU München im zentralen Hörsaalgebäude am Campus Weihenstephan. Astrid Eckert/TUM

Anton Fehr, Hans Raum, Carl Sachs und Kurt Trautwein wurden von den Nationalsozialisten aus dem Dienst entfernt, weil sie politisch missliebig waren.  Nun erinnert die Technische Universität München auf dem Freisinger Campus mit Gedenktafeln an ihre Geschichte – als Akt der Wiedergutmachung und Mahnung für die Zukunft.

Von Petra Schnirch, Freising

Sie sind jetzt dauerhaft an den Platz zurückgekehrt, den sie einst unfreiwillig verlassen mussten: Die Technische Universität München erinnert in Weihenstephan mit Gedenktafeln an vier ihrer Professoren, die in der NS-Zeit entlassen und verfolgt wurden. Im Foyer des zentralen Hörsaalgebäudes ist ein Gedenkort für die Hochschullehrer Anton Fehr, Hans Raum, Carl Sachs und Kurt Trautwein entstanden.  Sie mussten gehen, weil sie politisch aktiv waren oder wie Trautwein eine jüdische Ehefrau hatten.

Die Technische Universität, die in den Dreißigerjahren Technische Hochschule hieß, arbeitet seit Jahren ihre Verstrickungen im Nationalsozialismus auf. Auf dem Stammgelände an der Arcisstraße in München wurden 2024 vor dem Physiklehrsaal 17 Tafeln für entlassene Professoren angebracht. 2018 hatten der damalige Präsident Wolfgang Herrmann und Winfried Nerdinger, emeritierter Professor für Architekturgeschichte und Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München, eine Ausstellung initiiert und das Buch „Die Technische Hochschule München im Nationalsozialismus“ herausgebracht.

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Seit wenigen Tagen hat auch der Freisinger Campus der Universität einen Gedenkort. Drei der vier verfolgten Weihenstephaner Professoren wurden nach 1945 rehabilitiert und kehrten zurück an die Hochschule, einer aber ist an den Schikanen und Repressalien zerbrochen.

Eine bekannte Persönlichkeit ist Hans Raum (1883-1976). Er wurde 1921 auf die Professur für Pflanzenzüchtung und Pflanzenbau in Weihenstephan berufen und 1934 aus politischen Gründen in den Ruhestand versetzt, weil er sich in der Bayerischen Volkspartei engagiert hatte. 1946 holte man ihn zurück als Ordinarius und Direktor des Instituts für Acker- und Pflanzenbau. Der Wissenschaftler verfasste viele überwiegend praxisorientierte Schriften. Nach der NS-Zeit war er wieder politisch tätig und gehörte 1946 für die CSU der Verfassungsgebenden Versammlung in Bayern an. In Freising ist eine Straße nach ihm benannt. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof in Vötting.

Hans Raum war Professor für Pflanzenzüchtung und Pflanzenbau in Weihenstephan.
Hans Raum war Professor für Pflanzenzüchtung und Pflanzenbau in Weihenstephan. TU München

Der gebürtige Allgäuer Anton Fehr (1881-1954) machte sich einen Namen als Agrarwissenschaftler, Politiker und NS-Gegner. 1919 erhielt er die Professur für Milchwirtschaft in Weihenstephan. Im Juni 1929 wurde er für den Bayerischen Bauernbund in den Reichstag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. 1922 war er kurzzeitig Minister für Ernährung und Landwirtschaft und von 1924 bis 1930  Landwirtschaftsminister in Bayern.

Anton Fehr war Hochschullehrer, Politiker und NS-Gegner.
Anton Fehr war Hochschullehrer, Politiker und NS-Gegner. TU München

1935 wurde Fehr nach einer Kampagne von Julius Streicher und dessen Hetzblatt Stürmer wegen angeblicher Bestechung durch einen jüdischen Fabrikanten zwangspensioniert, schreibt Andreas Eichmüller in einer Kurzbiografie für das NS-Dokumentationszentrum. Anfang der frühen Vierzigerjahre schloss Fehr sich einem konservativ-monarchistischen Widerstandskreis an. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde Fehr verhaftet. Er kam ins KZ Ravensbrück, wurde aber wenige Wochen später wieder entlassen. Nach dem Krieg erhielt er seinen Lehrstuhl zurück.

Die Studenten boykottierten die Vorlesungen von Kurt Trautwein.
Die Studenten boykottierten die Vorlesungen von Kurt Trautwein. TU München

Kurt Trautwein (1881-1958) war außerordentlicher Professor für theoretische Gärungsphysiologie. Bereits im Mai 1933 griff ihn die NS-Studentenschaft wegen seiner kritischen Haltung zum Nationalsozialismus und der Ehe mit der jüdischen Malerin Marie Edith Cohen, einer Britin, an. Am 20. März wurde Trautwein aus politischen Gründen in den Ruhestand versetzt. Auch der Mikrobiologe wurde schließlich rehabilitiert und kehrte 1946 an die Braufakultät zurück.

Diese Genugtuung blieb Carl Sachs (1890-1958) versagt. Als außerordentlicher Professor lehrte er in Weihenstephan Agrarpolitik und Volkswirtschaftslehre. Auch gegen ihn starteten Studierende eine Kampagne wegen kritischer Äußerungen zum NS-Regime und weil er marxistische Wirtschaftstheorien nicht verwarf. Sachs wurde am 1. April 1934 in den Ruhestand versetzt. Von ihm konnte die Technische Universität nicht einmal ein Foto organisieren, nach dem Krieg kämpfte Sachs vergeblich um Wiedergutmachung. Er war verarmt und gesundheitlich angeschlagen. Erst ein Jahr nach seinem Tod wurde er 1959 als Gegner des Nationalsozialismus anerkannt, wie Joachim Ziche in der Publikation „Zerbrochenes und vergessenes Leben“ schreibt.

Besonders schockierend ist für den Weihenstephaner Dekan Martin Klingenspor, dass die NS-Studentenschaft damals einer der Treiber der Entwicklung war. Sie boykottierte Vorlesungen missliebiger Professoren und denunzierte sie. Aus dem Kollegenkreis konnten die Hochschullehrer nicht auf Unterstützung hoffen. Einige drängten sich skrupellos auf die frei werdenden Stellen, wie Nerdinger bei der Vorstellung des Gedenkorts schilderte. Es habe damals keine „ideologiefreie Wissenschaft“ gegeben. Dies sei eine Legende, die man vor sich hergetragen habe.

Die Forschung auch in Weihenstephan war nach seinen Worten „Teil der Wehrwirtschaft“. Sie sei nicht missbraucht worden, vielmehr „gab es eine umfassende Selbstmobilisierung von Wissenschaftlern“, die in die NSDAP hineindrängten. Staat und Institutionen seien innerhalb weniger Wochen nach der Machtübernahme 1933 in der Hand der Nationalsozialisten gewesen. „So schnell kann ein Rechtsstaat verschwinden“, warnte er mit Blick auf die heutige Zeit.

In der NS-Zeit floss viel Geld nach Weihenstephan

26 Institute der Technischen Hochschule seien direkt für die Wehrmacht tätig gewesen, auch die Agrarwissenschaftler stellten sich in den Dienst von Autarkiepolitik und Kriegsvorbereitung. Ein Ziel war, die Milchmenge und den Fettgehalt zu erhöhen. Es floss viel Geld nach Weihenstephan, um die „Eiweiß-, Fett- und Faserlücke“ zu schließen.  Auf den Versuchsfeldern wurden Zwangsarbeiter eingesetzt.

Der neue Gedenkort sei wichtig, betonte Jeanne Rubner, Vizepräsidentin der TU München, „er kann auch ein Ort der Reflexion sein“. Sie habe Sorge vor der Zukunft, wenn die letzten Zeitzeugen sterben – in einer Zeit, in der „leider nationalsozialistisches Gedankengut wieder hoffähig wird“. Die Gedenkstelle „soll ausstrahlen“, hofft Nerdinger und zum Nachdenken über Verantwortung einladen.

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