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Wichtige Forschung:Experte für Waldsterben

Seit einem Jahr lehrt und forscht Rupert Seidl an der TU München in Weihenstephan. Mit dem Baumsterben in Wäldern beschäftigt er sich schon seit mehr als zehn Jahren.

(Foto: privat)

Rupert Seidl, Professor an der TU München in Weihenstephan, gehört zu den meistzitierten Wissenschaftlern in seinem Fachgebiet

Interview von Petra Schnirch, Freising

Er gehört zum Kreis der meistzitierten Wissenschaftler seines Fachgebiets, in der Forschung ist das eine wichtige Größe. Seit gut einem Jahr ist der Forstwissenschaftler Rupert Seidl, 41, Leiter der neuen Professur für "Ökosystemdynamik und Waldmanagement in Gebirgslandschaften" an der TU München (TUM) in Weihenstephan. Promoviert hat er in Wien, nach Auslandsaufenthalten in den USA und in Schweden erhielt er eine Professur an der Universität für Bodenkultur in Wien, bevor er dem Ruf an die TUM folgte. Die SZ sprach mit ihm über seine Arbeit und wie wichtig es ist, möglichst oft zitiert zu werden.

SZ: Ist es etwas Besonderes für Sie, in der Liste der "Highly Cited Researchers 2020" aufzutauchen, die anhand der Datenbank "Web of Science" erstellt wird?

Rupert Seidl: Es fühlt sich natürlich gut an. Es ist schön zu sehen, dass die Arbeit, die man macht, von Kolleginnen und Kollegen rezipiert wird, dass sie von Nutzen ist für andere. Zitationszahlen sind aber bei weitem nicht alles, das sollte man nicht überbewerten.

Warum ist es für Wissenschaftler generell so wichtig, häufig zitiert zu werden?

Es zeigt, dass die Arbeiten wahrgenommen werden. Und es ist ein Indiz dafür, dass die eigenen Ergebnisse oder die Methodik, die man entwickelt hat, global zur Anwendung kommen. Wenn es um die Einschätzung des wissenschaftlichen Beitrages einer Person, zum Beispiel im Rahmen einer Berufung, geht, würde ich aber stark dafür plädieren, nicht nur auf die Zitationszahlen zu schauen.

Welche Punkte in Ihrer Forschung stoßen auf besonders viel Aufmerksamkeit?

Ein Bereich, der in den vergangenen ein, zwei Jahren stark rezipiert worden ist, war das "Waldsterben 2.0". Wir beschäftigen uns schon seit über zehn Jahren mit Fragen der Baummortalität, mit Störungen in Wäldern. In den Dürresommern 2018 und 2019 sind zum Beispiel in Mitteleuropa große Waldflächen abgestorben. Wir können zeigen, dass heute in Mitteleuropa doppelt so viele Bäume sterben als zur Zeit der ersten Waldsterbensdiskussion in den 1980ern. Auch das Thema Artenverlust ist in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Wo kann man hier ansetzen?

Meine Arbeit besteht hier aus zwei Elementen. Zuerst einmal ist es eminent wichtig, grundlegende Prozesse in Ökosystemen zu verstehen. Darauf aufbauend erarbeiten wir dann in konkreten Projekten zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis Maßnahmen, um den Wald zukunftsfit zu machen. Ich unterrichte zudem Waldbau an der TUM, auch da fließen natürlich die aktuellsten Forschungsergebnisse mit ein. Und die Studierenden von heute sind die Entscheidungsträger von morgen.

Was kann man denn tun, um dem Waldsterben etwas entgegen zu setzen?

Divers aufgebaute Wälder sind robuster gegenüber Störungen und bieten einen vielschichtigen Lebensraum. Das betrifft die Baumarten selbst, aber auch die strukturelle Ebene: Man kann Öffnungen im geschlossenen Wald schaffen, kleine neben große Bäume setzen. Das macht das System stabiler und wird teilweise, zum Beispiel von den Bayerischen Staatsforsten, schon umgesetzt. Der Wald ist ein sehr langfristiges System, darum müssen wir in Forschung und Praxis auch versuchen, zukünftige Entwicklungen zu antizipieren.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit konkret?

In einem Projekt geht es zum Beispiel darum zu untersuchen, ob sich großflächig abgestorbene Waldflächen wieder erholen und verjüngen, ob dort also wieder ein geschlossener Wald wachsen wird oder das Land längerfristig offen bleibt. Wir erforschen dazu auf europäischer Ebene basierend auf Satellitendaten, wie der Wald auf Störungen reagiert. Im Rahmen eines zweiten Projektes richten wir im Nationalpark Berchtesgaden ein Biodiversitätsmonitoring ein, um besser zu verstehen, wie sich der Klimawandel auf die Artenvielfalt auswirkt. Bis auf eine Seehöhe von über 2200 Meter nehmen wir Pflanzenarten und Pilze auf, wir haben Horchboxen, um Vogelstimmen aufzuzeichnen, wir haben Insektenfallen und Fotofallen für größere Tiere. Mit dieser Breite an beobachteten Artengruppen untersuchen wir auch mögliche Dominoeffekte: Wenn einzelne Arten verloren gehen, kann das die Nahrungskette verändern und stark negative Auswirkungen auf viele andere haben. Wir haben dieses Projekt trotz pandemiebedingter Einschränkungen in diesem Jahr mit viel Elan begonnen und werden in den nächsten zwei Jahren ganz intensive Feldarbeiten dazu durchführen. Der Aufwand ist enorm. Die Insektenfallen müssen zum Beispiel alle zwei Wochen geleert werden, bis hinauf auf die Berggipfel. Aber gleichzeitig birgt der starke Umweltgradient in Berchtesgaden eine einmalige Chance, Erkenntnisse zu gewinnen, was im Klimawandel auf uns zukommt.

© SZ vom 28.11.2020/beb
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