Frühkindliche Bildung:Eine Atmosphäre der Zuwendung aufbauen

Lesezeit: 3 min

Claudia Auer und Nora Schulz (rechts) organisieren die Vorlesestunden für fünf- bis acht- und drei bis vierjährige Kinder in der Stadtbibliothek Freising. Der Stofftier-Rabe begleitet die Vorlesestunden. (Foto: Marco Einfeldt)

Vorlesen fördert bei Kindern den Wortschatz, die Sprachentwicklung, Konzentration und Bindungen. Es geht dabei aber auch um die Freude an der gemeinsam verbrachten Zeit.

Von Marius Oberberger, Freising

Gutes Vorlesen muss nicht fehlerfrei sein, auch Versprecher stören Kinder nicht: Viel wichtiger ist es, spannend und fesselnd vorzulesen, zwischen verschiedenen Stimmen zu wechseln, Stimmhöhe und Lautstärke zu variieren und auf die Bilder in Bilderbüchern einzugehen, wie Claudia Auer erklärt. Sie organisiert in der Stadtbibliothek Freising zweimal monatlich die Vorlesestunden für fünf- bis achtjährige Kinder. Am Mittwoch las sie aus "Drachenmeister" vor, wo der achtjährige Drake zum Drachenmeister ausgebildet wird.

Die anwesenden Kinder hören gespannt zu und basteln anschließend mit Auer kleine Drachen aus Wäscheklammern, "Wäscheglupperl", wie sie auf bayerisch sagt. Ihr ist es wichtig, jede Vorlesestunde mit ähnlichen Ritualen zu beginnen und zu beenden, damit die Kinder sich wohlfühlen. Dazu gehört auch, nach dem Vorlesen über das Buch zu sprechen und gemeinsam zu basteln oder zu malen.

Vorlesen hilft, die Freude am Lesen zu erhalten und fördert die Konzentrationsfähigkeit

Wenige Maßnahmen der frühkindlichen Bildung werden so unumstritten positiv gesehen wie das Vorlesen. Claudia Auer führt aus, dass Vorlesen Sprachentwicklung und Wortschatz, aber auch die Konzentrationsfähigkeit bei Kindern fördert. Susanne Beck, Leiterin der Stadtbibliothek, ergänzt, dass vom Vorlesen begeisterte Kindern bald gerne selbst anfangen zu lesen. Das Vorlesen zuhause baue eine "Atmosphäre der Zuwendung auf, dadurch ist das Lesen allgemein positiv besetzt".

Das ist auch Auer sehr wichtig: Sie hat ihren drei Kindern jeden Abend vorgelesen, als ein Ritual, mit der Familie gemeinsam Zeit zu verbringen. Sie beobachtet, dass Kleinkinder sehr viel Spaß am Vorlesen hätten, dies sich aber ändere, sobald sie zur Schule gingen: Lesen werde dann mit Arbeit verbunden, der Spaß gehe verloren. Deshalb geht es für sie beim Vorlesen zuerst darum, gemeinsam als Familie ein schönes Erlebnis zu gestalten: "Es soll einfach nur Spaß machen!"

Claudia Auer glaubt, dass durch moderne Medien und insbesondere die Tonie-Hörspielfiguren das Vorlesen in den vergangenen Jahren abgenommen habe. Susanne Beck beobachtet, dass diese Figuren sowie Hörspiele bei der Ausleihe der Stadtbibliothek sehr beliebt sind, aber dies sei natürlich kein Ersatz für Vorlesen: "Es fehlt die persönliche Beziehung, die man zuhause aufbauen kann." Gerade da Eltern beim Vorlesen auf die Kinder eingehen, ihnen Fragen stellen, die Kinder sich mit den Personen identifizieren und auch einmal länger Bilder betrachten: "Das Interaktive ist das Wichtige beim Vorlesen." Sie empfiehlt Eltern das Portal lesestart.de, ein aus Bundesmitteln gefördertes Programm zur Sprach- und Leseförderung bei Kinder von einem bis drei Jahren, das Ideen zum Vorlesen, Basteln und Buchempfehlungen vorstellt.

Susanne Beck leitet die Stadtbibliothek Freising. Seit Beginn der Corona-Pandemie fehlen der Bibliothek Ehrenamtliche für die Vorlesestunden. (Foto: Marco Einfeldt)

Ein Drittel der Eltern liest selten oder nie vor, ein Sechstel liest allgemein nicht gerne vor

Laut der Vorlesestudie 2021 der Stiftung Lesen liest fast ein Drittel der Eltern zuhause selten, also weniger als einmal wöchentlich, oder gar nicht vor oder erzählt den Kindern Geschichten. Gemäß der Vorlesestudie 2019 gehören zahlreiche Aktivitäten, die viele Eltern nicht mit Vorlesen verbinden, eindeutig zum Vorlesen: Etwa Bilder in einem Buch zu betrachten und dazu Geschichten zu erzählen, Wimmelbücher anzusehen oder digitale Bücher vorzulesen. Auch freies Erzählen von Geschichten oder Märchen ist laut der Studie dem Vorlesen sehr ähnlich, während beispielweise das Hören von Hörbüchern wenig mit Vorlesen zu tun hat, wenngleich es trotzdem die Sprache anrege. Vorlesen ist also vielfältiger, als viele denken - und könnte damit auch das knappe Sechstel der Eltern ansprechen, das von sich sagt, es lese nicht gerne vor.

Alle Interessierten können die Vorlesestunden der Stadtbibliothek besuchen, die wöchentlich abwechselnd für die drei- bis vier und fünf- bis achtjährigen Kinder angeboten werden. Meistens werden diese von Ehrenamtlichen, vor allem weiblichen Vorleserinnen gestaltet. Seit der Corona-Pandemie sind einige Engagierte nicht mehr dabei, weshalb die Bibliothek nach neuen Vorleserinnen und Vorleser sucht, sagt Susanne Beck. Eltern können mit ihren Kindern einfach vorbeikommen und die Kinder auf eine Vorlese-Reise zum Kleinen Raben Socke, Drake dem Drachenmeister oder anderen Heldinnen und Helden mitnehmen.

Die nächste Vorlesestunden für Drei- bis Vierjährige findet am Dienstag, 27. September, um 15.30 Uhr, und für Fünf- bis Achtjährige am Mittwoch, 5. Oktober um 15 Uhr statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht nötig.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: