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Vor Landshuter Landgericht:Schmuggel-Lager in Kranzberg und Freising

Ein 40-Jähriger steht vor dem Landgericht, weil er Mitglied einer Bande war, die mit gefälschten Zigaretten handelte

Von Alexander Kappen, Landshut

Es ist ein nicht alltägliches Verfahren - und ein sehr altes noch dazu. Weil er Teil einer Bande gewesen sein soll, die zwischen 2003 und 2005 gewerbsmäßig Zigaretten und Markenimitate unverzollt und unversteuert einführte und von Lagerhallen im Kreis Freising aus zum Verkauf in Großbritannien weiter transportierte, muss sich ein 40-jähriger ehemaliger Lastwagenfahrer seit Montag am Landshuter Landgericht verantworten. Der verursachte Schaden geht in die Millionenhöhe. Dass der in vollem Umfang geständige Angeklagte erst jetzt auf der Anklagebank sitzt, liegt daran, dass er sich zwischenzeitlich in die Türkei abgesetzt hatte.

Dabei war der heute 40-Jährige in der Bande ein verhältnismäßig kleines Licht. Oder wie es die Vorsitzende Richterin Inken Bouabe sagte: "Er war Umverpacker und nicht der Besteller." Und offenbar von Anfang an geständig, nachdem die Bande bei Zollkontrollen im Jahr 2005 aufgeflogen war. Zwischenzeitlich hatte der Angeklagte in Untersuchungshaft gesessen, ehe der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt wurde und 2007 schon einmal eine Hauptverhandlung begann. Als der Prozess ausgesetzt wurde, um notwendige Gutachten einzuholen, setzte sich der gebürtige Münchner mit seiner Familie in die Türkei ab. Zum Unverständnis der Staatsanwältin. "Sie waren immer geständig, warum sind Sie in die Türkei geflüchtet und haben sich nicht gestellt?", fragte sie zum neuerlichen Prozessauftakt am Montag. "Ich hatte Angst vor der Inhaftierung, meine beiden Kinder waren damals noch so klein", antworte der Angeklagte. Nachdem der 40-Jährige, der keinen Beruf erlernt hat, in der Türkei finanziell nicht auf die Beine gekommen und mit einem Dönerladen gescheitert war, kam er mit seiner Familie 2020 zurück. Er habe gedacht, seine Kinder - genauso wie er in Deutschland geboren - hätten hier eine bessere Zukunft, erzählte der türkische Staatsbürger.

Letztlich holte ihn seine Vergangenheit ein. Es wurde erneut ein Haftbefehl erlassen, der inzwischen wieder außer Vollzug gesetzt ist.

Der Angeklagte zeigte sich in der Verhandlung deutlich gezeichnet von einem Schlaganfall, den er nach seiner Rückkehr nach Deutschland erlitten hatte, gab aber dennoch bereitwillig Auskunft. In die Schmuggel-Bande sei er über zwei Brüder geraten, die er über seinen früheren Job als Lastwagenfahrer kennengelernt habe. Er habe mitgemacht, weil er verschuldet war: "Wir hatten zwei Kinder, ich war Alleinverdiener, das Geld reichte nicht." So trat er der Bande bei, die zunächst auf dem Landweg aus der Türkei unter Tarnladungen versteckt Zigaretten in den Landkreis Freising schaffte, dort umverpackte und unter anderer Tarnladung versteckt nach Großbritannien brachte. Später ließ die Bande laut Anklage See-Container in China und Malaysia mit Zigaretten, die Imitate von in Großbritannien handelsüblichen Marken enthielten, befüllen. Als Tarnladung enthielten die Container zudem Kabelschächte oder Lebensmittel, etwa Nudeln oder getrocknete Pilze. Als Umschlagplätze dienten Lagerhallen in Kranzberg und Freising. Der Angeklagte hatte in Kranzberg eine Firma auf sich zugelassen, "um der Sache einen offiziellen Anstrich zu verleihen", wie es in einer Erklärung des Angeklagten hieß. De facto der Geschäftsführer sei als führender Kopf der Bande aber einer der genannten Brüder gewesen, dieser habe auch alle Kosten der Firma getragen. "Ich habe nur meinen Namen hergegeben und Unterschriften geleistet", sagte der Angeklagte. Sein Job sei es lediglich gewesen, beim Umladen der Zigaretten zu helfen, dafür habe er jeweils rund 400 Euro bekommen.

Von den ursprünglich 17 Anklagepunkten sind einige verjährt, in anderen wurde das Verfahren eingestellt, weil eine Beteiligung des Angeklagten nicht nachzuweisen ist. Acht Fälle blieben übrig. Der Prozess wird fortgesetzt.

© SZ vom 16.03.2021
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