bedeckt München 12°
vgwortpixel

Poetry-Slam in der Kirche:Gebete, die an der Zimmerdecke kleben

Lara Ermer hat am Dienstag mit ihrem Gedicht "Hallo Mr. Gott" den Poetry Slam in der Freisinger Christi-Himmelfahrtskirche eröffnet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Kinderarbeit, Klimawandel, Armut, Unterdrückung und Frauke Petry: Beim Poetry-Slam in der evangelischen Christi-Himmelfahrtskirche werden die großen Fragen der Religion einmal ganz anders aufbereitet.

Vor Pfarrerin Anne Lüters hat sich an diesem Dienstagabend eine etwas andere Gemeinde versammelt, als sie die zahlreichen Zuhörer in den dicht besetzten Stuhlreihen der Christi-Himmelfahrtskirche mit den Worten begrüßt: "Man hätte gern immer eine so volle Kirche!" Die Art der Predigten, die das Publikum an diesem Abend erwarten, sind ebenfalls ungewöhnlich: Gedichte, ganz ohne Amen. Der Freisinger Poetry-Slam, der sonst immer im Lindenkeller stattfindet, hat mit seinem besonderen Schauplatz auch ein besonderes Motto bekommen: "Wer('s) glaubt wird selig". Moderiert wird der Wettbewerb von Ko Bylanzky, selber Autor und Literaturveranstalter, und Poetry-Slammer Lars Ruppel.

Zum Reformationsjubiläum 2017 sei oft darüber gesprochen worden, die Kirche habe ein Vermittlungsproblem. Man sage, dass sie eine andere Sprache spreche als der Mensch, erzählt Anne Lüters, die auch die evangelische Leiterin der Hochschulgemeinde Freising ist. Die acht Poetry-Slammer, die nacheinander auf der Bühne ihre Texte vortragen, setzen in ihrer freien Interpretation des Mottos genau bei diesem Problem an: Ebenso skeptisch wie die Redewendung "Wer's glaubt wird selig" befassen sie sich in ihren Texten mit Religion, Kirche, Gott und Glauben.

Für ihr Gedicht ließ sie ihr Religionslehrer in der Schule zwei Mal durchfallen

So läutet Lara Ermer die Runde mit ihrem Gedicht "Hallo Mr. Gott" ein, wofür sie ihr Religionslehrer in der Schule gleich zwei Mal durchfallen ließ. Sie befasst sich mit der immer wieder gestellten Frage: "Wie kann es angesichts all des Übels in dieser Welt überhaupt einen Gott geben?" Marco Michalzik aus Darmstadt knüpft direkt dort an und fragt sich, wo Gott eigentlich sein solle, ob es ihn überhaupt gebe oder ob alle "Gebete nur an der Zimmerdecke kleben bleiben".

Gott wird im Laufe des Abends mit einer Menge konfrontiert: Kinderarbeit, Klimawandel, Armut, Unterdrückung, Gewalt und Frauke Petry. Die Kosten, auf die der Humor der Poeten geht, darf er sich allerdings mit Martin Luther teilen. So dichtet die deutschsprachige U20-Meisterin von 2013, Fee Brembeck, darüber, wie schwer es sein muss, einer pubertierenden achten Klasse die Figur Martin Luther näher zu bringen. Sie erzählt, wie eine ihrer Freundinnen im Religionsunterricht nach dem Luther-Film ganz verliebt in den Hauptdarsteller war und mit anzüglicher Stimme durchs Klassenzimmer rief: "Martin Luther, lass mich deine 95 Thesen sein und nagel mich!" Das Publikum in der Christi-Himmelfahrtskirche brüllt vor Lachen. Sowieso wird beinahe ununterbrochen applaudiert, und zwar so euphorisch, dass sich Moderator Lars irgendwann fragt, ob das Fiepen vom Mikrofon komme oder von dem Tinnitus, den alle schon vom Applaus hätten.

"Milchschnitten sind die neuen Hostien"

Den Wettbewerb in der evangelischen Kirche moderierten der Poetry-Slammer Lars Ruppel (Bild) und der Autor und Literaturveranstalter Ko Bylanzky.

(Foto: Marco Einfeldt)

Im Laufe der Veranstaltung werden einige Vorschläge gemacht, wie man all die Probleme, die mit Religion, der ewigen Frage nach dem richtigen Gott oder seiner Existenz überhaupt einhergehen, ganz einfach lösen könnte. Yannik Sellmann beispielsweise meint, des Rätsels Lösung sei Wladimir Klitschko. Der ukrainische Boxer als Vorzeigemensch schlechthin und gleichzeitig der Konsens, der seit Anbeginn der Weltgeschichte gesucht wird: "Milchschnitten sind die neuen Hostien." Bo Wimmer hingegen, Erfinder des Predigt-Slams, wird einfach selber Papst.

Die jungen Poeten besprechen, belesen, besingen das Thema Religion in den verschiedensten Facetten. Tanasgol Sabbagh zeichnet mit melodischer Stimme ein religiöses Familienporträt, Alex Burkhard lässt eine ganze Partygemeinschaft über den Tod diskutieren, Clara Nilsen erzählt mit vor Scheinwerferlicht oder Erschöpfungstränen glitzernden Augen, was es bedeutet, ein neues Leben in die Welt zu setzen. Die Lautstärke des Zuschauerapplauses, gemessen von den Poetry-Slam-geschulten Ohren der Moderatoren, holt am Ende Fee Brembeck und Clara Nielsen ins Finale. Clara Nielsens Endrundentext beschäftigt sich mit Unsicherheit, mit Untätigkeit und Zweifel, aber auch mit der Produktivität des Nichts-Tuns. Sie schauspielert das Gedicht voller Inbrunst, steht abwechselnd zitternd, mit hochrotem Kopf schreiend und dann wieder heulend auf der Bühne.

Fee Brembeck, die Deutsch und evangelische Theologie für das Lehramt studiert, erzählt mit viel Humor von Vorurteilen gegenüber Theologiestudenten und davon, was es bedeutet, gläubig zu sein und trotzdem zu wissen, wie man Kondome benutzt. Dass sie am Ende den Slam gewinnt, passt zu diesem Abend, an dem so viele verschiedene Welten aufeinanderprallen. Dass sie keine fanatische Heiligenbildchenverkäuferin ist, glaubt man ihr gern. So überreicht eine vom ganzen Abend vollauf begeisterte Anne Lüters ihr am Ende auch kein Weihwasser, sondern eine Flasche Freisinger Domstadt-Sekt.