Nachwuchsschwimmer aus Freising:"Im Wasser fühl ich mich frei"

Lesezeit: 4 min

Nachwuchsschwimmer aus Freising: Mit einem Becher voll Wasser auf der Stirn in Rückenlage zu schwimmen, das schaut bei Vincent Weiß aus Freising ganz einfach aus.

Mit einem Becher voll Wasser auf der Stirn in Rückenlage zu schwimmen, das schaut bei Vincent Weiß aus Freising ganz einfach aus.

(Foto: Marco Einfeldt)

Vincent Weiß ist ein hoffnungsvolles Talent. Der Zwölfjährige träumt davon, später mal bei Olympia anzutreten, wie sein großes Vorbild.

Von Thilo Schröder, Freising

Vincent Weiß wirkt routiniert, konzentriert und zugleich abgeklärt, als er an diesem Mittwoch im "Fresch" ins Becken springt, einen mit Wasser gefüllten blauen Plastikbecher auf der Stirn platziert und mit gleichmäßigen Bewegungen in Rückenlage eine erste Bahn zieht. Sein Kopf ganz ruhig, die getönte Taucherbrille bis auf ein paar Sprenkel abperlendes Spritzwasser trocken. Ohne zu wackeln bleibt der Becher in seiner Position.

Es ist erst wenige Tage her, da hat der Zwölfjährige im Schwimmduell mit Olympiasieger Florian Wellbrock in der ARD-Show "Klein gegen Groß" in einem ähnlichen Setting brilliert. Seinem Vorbild eifert der Freisinger fleißig nach, möchte selbst mal an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Sechs Mal pro Woche fährt Vincent Weiß zum Training nach München

Weiß ist ein Schwimmtalent. Schon mit drei Jahren wollte er die Techniken erlernen, erzählt er. "Weil die Schwimmflügel so blöd waren und ich immer ohne die schwimmen wollte. Dann hab ich im Urlaub zwei Wochen lang geübt und mit vier Jahren das Seepferdchen gemacht." Mit sechs Jahren tritt er dem SV 77 Neufahrn bei, inzwischen schwimmt er bei der SG Stadtwerke München und fährt dafür sechs Mal pro Woche mit dem Zug zum zweistündigen Training. Da heißt es dann: Armkreisen, Sit-ups und Kraftübungen zum Aufwärmen, lockeres Einschwimmen, drei Mal pro Woche Belastungsschwimmen ("sehr, sehr anstrengend"), Ausschwimmen.

Auch auf das TV-Duell mit Wellbrock - auf dem Rücken schwimmend einen Wasserbecher auf der Stirn durch einen 13 Meter langen Slalomparcours balancieren - hat Weiß sich über zwei Wochen akribisch vorbereitet. "Ich bin immer um 6.15 Uhr aufgestanden und war vor der Schule von 6.30 Uhr bis 7.30 Uhr im Fresch." Samstagnachmittag und Sonntag habe er außerdem in einem Fitnessstudio in Garching trainiert. Beworben für die Sendung hatte Weiß sich im Mai. Die Herausforderung hat er, der eigentlich vorwiegend Brustschwimmer ist, sich selbst ausgedacht. Reines Becher-Balancieren, bekannt aus dem Training, sei ihm zu einfach erschienen, sagt er. Daher der Slalomparcours.

Nachwuchsschwimmer aus Freising: Im Landeskader des Bayerischen Schwimmverbands ist der Zwölfjährige schon. Langfristig möchte er an die Weltspitze, wie Olympiasieger Florian Wellbrock.

Im Landeskader des Bayerischen Schwimmverbands ist der Zwölfjährige schon. Langfristig möchte er an die Weltspitze, wie Olympiasieger Florian Wellbrock.

(Foto: Marco Einfeldt)

Zwischendurch zahlreiche weitere Hobbies

Ehrgeiz und Einsatz haben Weiß bis in den Landeskader des Bayerischen Schwimmverbands gebracht. 2018 wurde er bayerischer Vizemeister seines Jahrgangs. An diesem Samstag sollten eigentlich die Bayerischen Staffelmeisterschaften stattfinden, an denen er teilnimmt. Wegen der Pandemie-Lage wurden sie verschoben. "Vielleicht finden die im Dezember statt, aber das steht noch nicht fest." Im kommenden Jahr möchte Weiß bei den Deutschen Meisterschaften mitschwimmen. "Die Chancen stehen schon ganz gut", sagt er selbstsicher.

Neben dem Schwimmen hat Vincent Weiß diverse weitere Hobbys. Freitags trainiert der Gladbach-Fan bei der SG Eichenfeld Freising das Fußballspielen, am Wochenende stehen Spiele oder Turniere an. Zwischendurch, im Garten und während trainingsfreier Sommerpausen, spielt er gern Akustikgitarre, ist Ministrant in der Neustifter Kirche, springt Trampolin, macht Turmspringen und fährt Scooter. Sport ist für Weiß auch Freizeit, dort trifft er Freunde.

"Ich friere eigentlich immer, weil mir so schnell kalt wird"

Sein Alltag ist eng getaktet. Zum Interview erscheint er um Punkt 14 Uhr, nach der Schule und einer kurzen Mittagspause. Im Anschluss geht es zum Training nach München, um 16.10 Uhr fährt der Zug ab. Der erste Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 hat ihn zeitweise ausgebremst. "Die ersten drei Monate durften wir gar nicht trainieren, da haben wir via Zoom Athletik-Training gemacht", sagt Weiß. "Aber dann hat der Bayerische Schwimmverband erreicht, dass der Landeskader trainieren darf. So ab Mai, Juni durfte ich dann wieder schwimmen" - mit sehr strengen Auflagen, wie dem Tragen einer Maske bis zum Beckenrand.

Die Schule gehe natürlich dennoch vor, betont er. Neben Sport mag der Siebtklässler des Josef-Hofmiller-Gymnasiums besonders die Fächer Kunst, Mathematik und Französisch. Lernen tut er unter anderem im Zug nach München. Bislang mit dem Familien-Tablet, bei "Klein gegen Groß" bekam er nun ein eigenes geschenkt. Das Schwimmen sei aber "meine größte Leidenschaft und macht mir auch am meisten Spaß".

Paradox daran: "Ich friere eigentlich immer, weil mir so schnell kalt wird." Der Zwölfjährige grinst, wenn er das sagt. Wäre es möglich, würde er wahrscheinlich den ganzen Tag im Becken verbringen. "Im Wasser fühl ich mich so frei, als würde ich schweben", sagt Vincent Weiß, ohne lange zu zögern. "Und wenn man sich angestrengt hat und dann locker schwimmt, dann ist das entspannend."

Ob es für eine Olympia-Teilnahmen reicht, wird sich zeigen

Ob und wann es für das Freisinger Schwimmtalent tatsächlich für eine Olympia-Teilnahme reicht, wird sich zeigen. Er scheint aber auf einem guten Weg zu sein. Sein Vorbild Florian Wellbrock, selbst erst 24 Jahre alt, hat er jetzt immerhin schon in einem Wettbewerb besiegt - und dabei seine Leistungen aus dem Training übertroffen. Höchstleistungen unter Wettkampfbedingungen und unter den Augen eines Millionenpublikums erbringen, das klappt also. Der Olympiasieger habe ihm anschließend Tipps für die weitere Entwicklung gegeben, erzählt Weiß. Etwa auf die Eliteschule des Sports in München zu gehen. Außerdem schenkte Wellbrock ihm eine Badekappe von sich. "Die hat er auch irgendwann mal getragen bei einem Wettkampf."

Als angehender Schwimmstar mit großen Ambitionen konnte Weiß am vergangenen Samstag auch schon mal ein bisschen Promi-Luft schnuppern. Neben Wellbrock traf er beispielsweise Schlagersängerin Helene Fischer, Schauspieler Heino Ferch und Comedian Kurt Krömer. "Es war richtig cool. Ich war zwar ein bisschen nervös, mit den ganzen Promis, aber es hat richtig viel Spaß gemacht", sagt er. Im Vorfeld der Sendung hatte ein Fernsehteam mit ihm einen ganzen Tag lang für einen Clip gedreht. Vincent Weiß, daran gewöhnt, neue Grenzen auszuloten, zeigt sich rückblickend unbeeindruckt. "Am Abend war ich echt müde, aber so anstrengend war's nicht."

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Bronze für Florian Wellbrock
:Das Warten geht weiter ...

... und hat sich trotzdem gelohnt. Als erster Mann seit 1988 wollte Florian Wellbrock wieder Gold für Deutschland im Olympiabecken holen. Am Ende wird er über die 1500 Meter Freistil Dritter - und ist mit der Medaille zufrieden.

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