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Trickbetrug durch organisierte Banden:Hier spricht die Polizei, sagen sie

Betrüger nutzen Telefonnummern von Polizei und Gerichten

Selten hat es die Polizei bei Trickbetrügern mit Einzeltätern zu tun. Ob Nigeria Connection oder falscher Polizist: Meist agieren hier organisierte Banden.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Trickbetrüger geben sich am Telefon immer öfter als Polizisten aus. Ihre Opfer sind meist ältere Menschen. Doch die dubiosen Anrufer sind leicht zu entlarven, wenn man weiß, worauf zu achten ist.

Das Telefon klingelt. "Hallo, Frau Meier? Hier spricht die Polizei. In ihrer Nachbarschaft hat es in letzter Zeit mehrere Einbrüche gegeben. Ich würde gerne vorbeikommen und mit ihnen über die Sicherheit ihres Hauses sprechen." Ein Blick auf das Telefon verrät: Die Nummer des Anrufers endet auf 110, die Notrufnummer der Polizei. So oder ähnlich fängt er an, der Anruf eines Trickbetrügers. Wer darauf eingeht, hat kurze Zeit später einen vermeintlichen Polizeibeamten vor der Tür stehen, der erklärt, dass Geld und Schmuck im Zuhause nicht mehr sicher seien - und anbietet, es mitzunehmen und vorerst zu verwahren.

Mehr als 500 solcher vermeintlichen Polizeianrufe wurden dem Polizeipräsidium Oberbayern Nord in diesem Jahr bisher zur Anzeige gebracht, mit einem Gesamtschaden von etwa 430 000 Euro. Die Masche der Kriminellen geht dabei längst über den klassischen Fall des Enkels in Geldnot hinaus. "Ganz bekannt ist bei uns beispielsweise auch die sogenannte Nigeria Connection", erzählt Michael Ertl, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Freising. Sie tritt in Abwandlungen auf: Die lockende Erbschaft eines Verwandten in Nigeria, ein amerikanischer Soldat im Auslandseinsatz, der nicht an sein Geld kommt - die ausländischen Anrufer bitten um einen Vorschuss, um die Angelegenheit zu klären. Ob Nigeria Connection oder der falsche Polizist, der zurzeit auf dem Vormarsch ist: "Das ist alter Wein in neuen Schläuchen. Den Trickbetrügern geht es immer darum, ihre abstruse Geschichte glaubhaft zu machen und am Ende abzukassieren", weiß Ertl.

Wie erkennt man einen Trickbetrüger am Telefon?

Woran aber erkennt man einen solchen Trickanruf? "Generell geht das ganz schnell, wenn man sich zwei Fragen stellt: Kenne ich den Anrufer? Ist die Geschichte, die er da erzählt, wirklich plausibel?" Vielen der Betroffenen komme die zweite Frage während des Telefonats nicht in den Sinn, sie seien überrumpelt und dächten erst später nach. Dabei sei vor allem der falsche Polizeibeamte schnell entlarvt: "Die Notrufnummer 110 wird Sie niemals anrufen", macht Ertl klar. Ebenso wenig würde ein Beamter nach den Finanzen oder Schmuck fragen. Falls man sich trotz dieser Kriterien nicht sicher ist, ob man gerade mit der Polizei oder einem Kriminellen telefoniert, hat Ertl noch einen Tipp: "Einfach auflegen, bei der nächsten Dienststelle anrufen und nach dem angeblichen Kollegen verlangen."

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Auch bei dem bisher unbekannten Enkel oder einem toten Erben in Nigeria empfiehlt der Hauptkommissar: Direkt auflegen, wenn die Geschichte nicht ganz koscher klingt. Wer der Polizei bei der Aufklärung helfen will, kann sich auch für ein anderes Vorgehen entscheiden. "Den Betrüger hinhalten, scheinbar auf das Angebot eingehen und die Polizei informieren - dann können wir tätig werden." Und am Ende vielleicht einen Erfolg verzeichnen - eine Seltenheit bei Trickbetrug. "Wir haben keine Kontaktmöglichkeit, die Gegenseite ist oft auch nicht dumm", bedauert Ertl. In den meisten Fällen hat die Polizei es nämlich nicht mit Einzeltätern zu tun: Es handelt sich um organisierte und spezialisierte Banden, die entweder aus dem Ausland tätig werden oder durch Europa wandern und in wechselnden Gebieten zuschlagen.

"Sie nehmen ein Telefonbuch, fangen bei A an und hören bei Z auf"

Das Problem: Die Lukrativität des Trickbetrugs. "Sie nehmen ein Telefonbuch, fangen bei A an und hören bei Z auf. Dabei langt es, wenn alle paar Tage jemand anbeißt", so der Polizeibeamte. Schnell haben die Banden dann Beträge im fünfstelligen Bereich kassiert. Ganz willkürlich wählen sie ihre Opfer allerdings nicht aus, sie suchen gezielt nach älteren Menschen. Aufhänger ist dabei oft der Vorname im Telefonbuch: "Michael, mein Vorname, wurde zum Beispiel vor 50 Jahren sehr häufig vergeben", erklärt Ertl. Betrüger würden die Nummer des Polizisten also möglicherweise wählen, weil sie am anderen Ende einen über 50-Jährigen erwarten.

Wenn jemand hinter Michael Ertl dank solcher Fälle zunächst einen falschen Polizeibeamten vermutet, freut ihn das: "Für uns ist es gut, wenn Leute misstrauisch sind." Man solle auch ruhig von seinem Recht Gebrauch machen, sich den Dienstausweis zeigen zu lassen. "Keiner meiner Kollegen würde da zögern", weiß Ertl. Er beobachtet, dass Bürger mittlerweile tatsächlich sensibilisiert sind, wenn es um Trickbetrüger geht. Die Zahlen bestätigen das: Der Trend im Landkreis ist rückläufig, im Vergleich zu anderen Landkreisen ist Freising am wenigsten betroffen.