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Verschuldung:Für immer mehr Haushalte wird es eng

Durch die Corona-Krise haben die Schuldnerberater der Caritas jede Menge Arbeit. Hilfe benötigen inzwischen auch Menschen, die das noch vor kurzem nie für möglich gehalten hätten

Von Gudrun Regelein, Freising

"Corona hat das Thema Verschuldung sicher befeuert", sagt Margit Wander. Sie arbeitet als Schuldnerberaterin bei der Caritas Freising, die Zahl der Klienten, die dort nun Hilfe suchen, ist bereits gestiegen. "Und wir rechnen weiter mit einer deutlich steigenden Nachfrage", sagt Wander. Grund seien vor allem die Kurzarbeit während der Corona-Krise und die gewachsene Arbeitslosigkeit.

"Viele Existenzen sind nun finanziell bedroht", sagt Margit Wander. "Wir sprechen nicht mehr nur über Empfänger von Grundsicherung und Beschäftigte im Niedriglohnsektor. Jetzt drohen auch Menschen in Überschuldung zu geraten, die es vorher niemals für möglich gehalten hätten." Gerade auch Solo-Selbständige, Freiberufler und Gewerbetreibende sind betroffen.

Auf Kante genähte Haushalte geraten ins Wanken, schon jetzt berät sie immer mehr Menschen, die überschuldet sind. Bestehende Verbindlichkeiten könnten von ihren Klienten nicht mehr bedient werden. In vielen Fällen könnten auch die Miete nicht mehr beglichen und die Rechnungen für Strom oder Heizkosten nicht bezahlt werden, erklärt Wander. Die Schuldenspirale setze sich in Gang. "Grundsätzlich sind die meisten Haushaltspläne zwar okay, wenn aber die Kreditraten on top kommen, wird es häufig kritisch."

So wie bei Bernd Müller (Name geändert): Bei ihm lief bis zur Pandemie alles in geregelten Bahnen. Miete und Rechnungen wurden bezahlt, der Kredit wurde bedient - aber dann kam alles anders. Bernd Müller ist als selbständiger Dienstleister am Flughafen München tätig, sein Einkommen brach ihm durch die pandemiebedingte Einstellung des Flugverkehrs im Frühjahr 2020 komplett weg. Er konnte seinen Zahlungen nicht mehr nachkommen, hinzu kam eine Kontopfändung. "Eine fatale Situation", sagt Wander. Der Familie mit einer kleinen Tochter sei es nicht mehr möglich, die in diesem Monat fällige Miete zu überweisen. Inzwischen habe Bernd Müller Wohngeld beantragt, zusätzlich zu seinem inzwischen wieder geringen Einkommen sei damit zumindest seine Existenz gesichert. Nun wird versucht, eine Einigung mit den Gläubigern zu erreichen. Gelinge dies nicht, so bleibe dem Schuldner nur der Weg in ein Insolvenzverfahren - und das werde bei Bernd Müller wahrscheinlich passieren.

Zumindest habe sich dessen Laufzeit von sechs auf drei Jahre verkürzt, sagt Wander. Frühestens in drei Jahren, also im Sommer 2024, wird Bernd Müller also ein neues, schuldenfreies Leben beginnen können. Der negative Schufa-Eintrag aber wird ihm noch länger bleiben: weitere drei Jahre, was Margit Wander für zu lange hält, sie würde sich eine Verkürzung wünschen. Ein Schufa-Eintrag nämlich sei beispielsweise bei der Wohnungssuche ein großes Problem, damit habe man keine Chance, etwas zu bekommen.

Eine Überschuldung bedeute immer eine existenzielle Bedrohung. Die Gläubiger seien oft sehr hartnäckig und würden großen Druck ausüben, ihre Klienten bekämen häufig Anrufe und Briefe, berichtet sie. "Die Aufgaben von uns als Berater sind vielfältig. Für mich ist das Wichtigste, die Existenz zu sichern und den Betroffenen eine Perspektive zu geben, dass es eine Lösung gibt", sagt Wander. Auf diesem Weg werden sie begleitet. Ziel sei aber auch, dass der Klient lernt, mit Geld umzugehen. Dass er mit dem, was er zur Verfügung hat, auch zurechtkommt. Und wenn er etwas möchte, sich das nicht mit einem Kredit ermöglicht, sondern so lange spart, bis er es sich leisten kann. "Ich will ja schließlich nicht, dass ein Klient in ein paar Jahren wieder bei mir sitzt."

Die Schuldnerberatung der Caritas gelangt bereits an ihre Kapazitätsgrenzen. Gut 370 Betroffene wurden 2020 von Margit Wander und drei weiteren Kollegen begleitet, 15 bis 20 neue Klienten könne man jeden Monat zu einem Erstgespräch aufnehmen. Daneben gibt es eine Telefonberatung, in der zumindest schon einige Fragen beantwortet werden können. Die Beratungen dagegen dauern dann teilweise mehrere Monate. Am Ende steht eine außergerichtliche Einigung - oder die Insolvenz. So wie es wahrscheinlich bei Bernd Müller der Fall sein wird.

© SZ vom 14.06.2021
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