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Verladeplatz für Corona-Schutzausrüstung in Garching:Sicherheit für Bayern

In einem Zentrallager bei Garching wird Corona-Schutzausrüstung aus aller Welt umgeladen und von hier aus im ganzen Freistaat verteilt. Um den Ablauf kümmern sich Ehrenamtliche des Technischen Hilfswerks München-Land - in zwei Schichten und fast rund um die Uhr

Von Martin Mühlfenzl, Garching

Ein leichtes Klackern ist aus der Ferne zu vernehmen, das sehr schnell sehr viel näher kommt. Plötzlich rauscht hinter einer Wand aus Kartons ein Mann in blauem Hemd und blauer Hose samt Mundschutz auf einem Roller vorbei, der es merklich eilig hat. Kein Wunder, hier in den Lagerhallen nahe der Stadt Garching muss es schnell gehen - und es gilt, manchmal auch lange Wege zurückzulegen.

Im Auftrag des Freistaats verantwortet hier seit mehr als 30 Tagen das Technische Hilfswerk München-Land (THW) eine der wichtigsten und systemrelevantesten Aufgaben bei der Eindämmung des Coronavirus: Jeden Tag kümmern sich in zwei Schichten je 30 Ehrenamtliche um die bayernweite Verteilung von dringend benötigter Schutzausrüstung für den Pflege- und Gesundheitsbereich. Schutzbekleidung, die Bayern in der ganzen Welt einkauft - vor allem in Asien.

Julia Ascher empfängt an der Einfahrt zum Verteilzentrum, natürlich mit Mundschutz und gebührendem Abstand - und mit einem Lächeln. Die Freisingerin, die früher in Feldkirchen gewohnt hat und bis zu ihrem Umzug beim THW München-Land aktiv war, ist seit dem ersten Tag der Verteilaktion auf dem etwas abgelegenen Areal dabei. Sie führt zu den Hallen, in denen sich das Material teils meterhoch bis unter die Decke stapelt, vorbei an einigen Kollegen, die gerade in der Nachmittagssonne eine Pause einlegen. Die Stimmung unter den Ehrenamtlichen aus dem Landkreis und vielen anderen THW-Ortsverbänden ist gut. "Ein lautes und freundliches "Servus!" schallt den Besuchern entgegen.

Im Verteilzentrum des Technischen Hilfswerks stapeln sich Kartons, die Ehrenamtlichen sind im Dauereinsatz.

(Foto: Claus Schunk)

Julia Ascher ist von Beruf in der Personalabteilung eines Automobilkonzerns tätig. Ihren Job macht sie aktuell meist vormittags, danach geht sie ins Verteilzentrum und abends schaltet sie zuhause wieder ihren Laptop aus dem Büro ein. Es sind lange Tage für Ehrenamtliche beim THW. Auf dem ehemaligen Industrieareal, das von einem Zaun umgeben ist und das von einem Sicherheitsdienst sowie Polizisten der Münchner Hundestaffel bewacht wird, legen die Ehrenamtlichen morgens um acht los.

Zu der Zeit stehen schon die ersten Lastwagen vor der Einfahrt, beladen mit Schutzmasken, Schutzkitteln, Tonnen an Desinfektionsmitteln und allem anderen, was in den Kliniken und Arztpraxen im Freistaat benötigt wird. Das Material wird von den THW-Helfern sortiert und anschließend in den Hallen eingelagert. Anfangs hätten sie nur zwei der lang gezogenen Hallen genutzt, mittlerweile sind fünf in Betrieb, da Deutschland immer mehr Schutzmaterial erreicht.

Julia Ascher und Andreas Frank, Ortsbeauftragter des THW München-Land im Verteilzentrum.

(Foto: Claus Schunk)

Julia Ascher betritt Halle zwei, geht zielstrebig auf eine Wand aus Kartons zu, öffnet einen und zieht eine Packung mit Masken heraus. "Das Material ist unbrauchbar und wird wahrscheinlich vernichtet, das können wir nicht herausgeben", sagt sie und wirft die Plastikpackung zurück. Die Qualität müsse stimmen, sagt sie, und die werde von Mitarbeiter des Bayerisches Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit direkt vor Ort überprüft - erst dann könne die Ware "kommissioniert", also zusammengestellt und für den Transport verladen werden.

An vielen der Kartons und Plastiksäcke prangen chinesische Schriftzeichen und die Herkunftsbezeichnung "Made in China", aber auch aus Deutschland selbst komme immer mehr Material, sagt Ascher; teilweise würden rund um die Uhr Transporter mit neuer Schutzkleidung anlanden. "Am Tag A rein, am Tag B wieder raus. So läuft das hier ab", sagt Andreas Frank, der Ortsbeauftragte des THW München-Land, der sich kurz Zeit genommen hat. Er befindet sich laufend in Gesprächen mit dem Gesundheitsamt, Staatssekretären und Ministerien. Denn das Material, das hier ankommt, wird in Chargen vom Freistaat und vom Bund zugewiesen - und das Gesundheitsministerium entscheidet auch, wo es nach der Kommissionierung hin geliefert wird.

Literweise Desinfektionsmittel wurde auf Paletten verpackt.

(Foto: Claus Schunk)

Es war ein Donnerstagmorgen, erinnert sich Frank, als er das erste Gespräch mit dem Ministerium führte - "und am Abend kam der erste Lkw". Frank ist anzusehen, dass er anpacken kann. Das Technische Hilfswerk wird ja immer dann gerufen, wenn der Katastrophenfall ausgerufen wird. "Es ging schon alles sehr schnell, aber mittlerweile hat sich alles sehr gut eingespielt", sagt Frank. Sein Ortsverband mit 105 Helfern, darunter 35 Jugendliche, sei sehr gut aufgestellt. Frank macht aber auch deutlich, dass das THW den Betrieb nicht auf ewig wird aufrecht erhalten können: "Etwa vier bis acht Wochen noch, aber dann muss ein professioneller Logistiker übernehmen. Aber wir haben erfolgreich die Strukturen aufgebaut."

Das THW ist formal eine Behörde des Bundes und dem Innenministerium unterstellt. Etwa 98 Prozent der mehr als 80 000 Helfer bundesweit sind Ehrenamtliche, stehen mitten im Beruf, haben Familie. Ihre Arbeitgeber müssen sie qua THW-Gesetz für Einsätze freistellen. Meist geschehe das problemlos, sagt Julia Ascher. Ihr Arbeitgeber unterstütze den laufenden Einsatz im zentralen Verteilzentrum sogar mit zwei Fahrzeugen, darunter ein Kombi für sehr dringende Einsätze. "Den brauchen wir, wenn es schnell gehen muss. Da kommt schon mal ein Anruf, dann springe ich ins Auto und fahre mit zwei Beatmungsgeräten in ein Krankenhaus nach Weiden", sagt Ascher. Bayern ist groß - und der Einsatz der THWler ist es auch.

In den Kartons sind unter anderem Schutzkleidung und Masken.

(Foto: Claus Schunk)

Das zweite Fahrzeug ist ein "Caravelle", wie Ascher sagt: ein großräumiges Fahrzeug, in dem die Ehrenamtlichen Abstand halten können. Denn auch die THW-Mitarbeiter müssen auf sich aufpassen. Einen Coronafall unter Kameraden hätten sie schon gehabt, gefolgt von der Quarantäne der Kontaktpersonen. Auch deshalb arbeiteten sie in zwei Schichten, sagt Ascher. Und das oft bis in die Nacht hinein, bis 23 oder 24 Uhr. Bayern braucht Schutzkleidung. Das THW verteilt sie.

© SZ vom 18.04.2020
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