Urteil soll am Mittwoch fallen:Abgeblitzt

Anwältin will über Bewährung für ihren Mandanten reden. Der Staatsanwalt lehnt ab

Von Alexander Kappen, Landshut

Im Prozess gegen einen 47-jährigen Mann aus dem südlichen Landkreis Freising, der 2012 und 2014 zwei türkische Lastwagenfahrer mit Tabletten betäubt und ausgeraubt haben soll, ist die Verteidigerin am Freitag erneut mit ihrer Bitte um ein Verständigungsgespräch abgeblitzt. Sie wollte in einer Unterredung mit Staatsanwalt und Richtern einen so genannten Deal für ihren Mandanten aushandeln. Bereits am zweiten Verhandlungstag am Donnerstag hatte sie ein Rechtsgespräch angeregt, war aber auch da an der ablehnenden Haltung des Staatsanwalts gescheitert.

Ziel der Verteidigerin war es, eine Bewährungsstrafe oder gar eine Geldstrafe für den Angeklagten zu erwirken. "Eine Bewährungsstrafe ist nicht erreichbar", sagte der Staatsanwalt bereits am Donnerstag. Am Freitag regte die Verteidigerin erneut an, ein Rechtsgespräch mit allen Prozessbeteiligten zu führen. Der Staatsanwalt schüttelte abermals den Kopf und machte damit klar, dass eine Bewährung für ihn nicht in Frage kommt. "Dann macht ein Verständigungsgespräch keinen Sinn", sagte Vorsitzender Richter Markus Kring.

In der Sitzung am Freitag sagte der Lastwagenfahrer aus, der im August 2014 vom Angeklagten auf einem Parkplatz in Eching angesprochen worden ist und anschließend mit ihm ein Casino in Neufahrn besuchte, wo der Beschuldigte - so lautet der Vorwurf - ihm eine Tablette in den Kaffee gemischt und ihn dann ausgeraubt haben soll. Der 59-Jährige bemerkte in seinem Kaffee nach eigener Aussage nichts Ungewöhnliches. "Für mich hat der ganz normal geschmeckt, aber ich trinke nicht oft Kaffee, für gewöhnlich trinke ich Tee", sagte er. Die forensische Toxikologin der Münchner Rechtsmedizin berichtete, dass der Stoff Oxazepam, der im Blut des 59-Jährigen gefunden wurde und eine beruhigende, schlafffördernde, angst-, und spannungslösende sowie muskelentspannende Wirkung habe, eigentlich bitter schmecke. "Aber mit Milch und Zucker kann man das überdecken."

Der Lastwagenfahrer berichtete, dass er im Casino den Leuten beim Spielen zugeschaut habe. Ab dem Zeitpunkt habe er einen Filmriss. Die Erinnerung setzte erst 30 Stunden später wieder ein, als er voll bekleidet in seinem Lastwagen aufwachte und sich "wie betrunken" fühlte. Auch das passe, so die Gutachterin, zu Oxazepam. Tabletten mit diesem Wirkstoff wurden beim Angeklagten gefunden, der diese offenbar gegen Depressionen und Angstzustände verschrieben bekam.

Den Angeklagten erkannte der Lastwagenfahrer im Gerichtssaal nicht eindeutig wieder. Er konnte aber nicht ausschließen, dass der Angeklagte der Mann vom Casino-Besuch war. "Ich habe den Mann damals ja nur etwa eine Stunde gesehen und es war dunkel." Das zweite Raub-Opfer, das 2012 mit seinem 40-Tonner unter der Einwirkung des in seinem Blut gefundenen Oxazepams in einen Garten in Dietersheim raste und knapp ein Wohnhaus verfehlte, konnte nicht als Zeuge vernommen werden. Er sei, so der Richter, in der Türkei nicht greifbar. Kommenden Mittwoch soll der Prozess mit den Plädoyers und der Urteilsverkündung abgeschlossen werden.

© SZ vom 20.05.2017
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