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Erster Schultag:Rani hat sich akribisch vorbereitet: Schreibübungen inklusive

Rani Abdulaziz Ahmed geht von Dienstag an in die Paul-Gerhardt-Grundschule in Freising.

(Foto: Marco Einfeldt)

Vor zwei Jahren ist Rani mit seiner Familie aus dem Irak geflüchtet. Nun kommt er in Freising in die Schule. Seine Eltern wundern sich über Deckweiß und die Preise von Schulranzen.

"Deckweiß? Wozu braucht Rani denn eine weiße Decke?" Ratlos sitzt Abdulaziz Ahmed Jadaan am Esstisch. Vor ihm eine Liste mit all den Sachen, die er seinem Sohn für die Schule besorgen soll. Denn morgen ist es soweit: Der kleine Rani Abdulaziz Ahmed hat seinen ersten Schultag an der Paul-Gerhardt-Grundschule in Freising. Vor knapp zwei Jahren kam er mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland, seit Januar 2016 leben sie im Containercamp an der Wippenhauser Straße.

Von dort aus wird Rani von dieser Woche an jeden Morgen in die Schule gehen. Auf dieses neue Abenteuer hat sich der Sechsjährige gewissenhaft vorbereitet: An der Wand des zwölf Quadratmeter großen Zimmers hängt ein selbstgeschriebenes Alphabet, sein neuer Eisbären-Schulranzen steht fertig gepackt in der Ecke. Stolz präsentiert Rani dessen Inhalt: Schere, Stifte, Sportbeutel, sogar ein Regenüberzug für den Ranzen. Und eine kleine Schatzkiste. Rani öffnet sie, in ihr befinden sich seine Spielfiguren. Die müssten jetzt aber Platz machen, dann kämen seine Stifte in die Truhe. Ob er die Spielsachen in der Schule nicht mehr braucht? Rani schaut ganz irritiert: "Da muss ich doch nicht spielen, da bin ich doch zum Lernen!"

Und darauf freut sich der frisch gebackene Grundschüler. So sehr, dass er mit dem Lernen nicht bis zum ersten Schultag warten wollte. "Wir haben ihm zur Vorbereitung ein Buch gekauft, und er hat sich jeden Tag hingesetzt und eine Seite gemacht", erzählt sein Vater, nicht ganz ohne Stolz. "Ich bin schon über die Mitte, bis P!", ruft Rani und grinst. In dem Buch kann er das Alphabet üben, eine Seite für jeden Buchstaben. Was beim Buchstaben A noch nach wackliger Krakelei aussieht, ist bei N schon eine selbstbewusste Schrift.

Im Irak gibt es keinen klassischen ersten Schultag

Seine Eltern machen sich deshalb auch keine Sorgen, dass er in der Schule nicht klarkommt. "Rani ist sehr fleißig, hat sich gut vorbereitet und spricht gut Deutsch - besser als ich", behauptet seine Mutter, Jawaher Khaleel Qaso. Sogar Englisch kann Rani schon ein bisschen, denn er schaut sich Zuhause gerne Kindervideos auf Deutsch und Englisch an, auf dem Handy seiner Eltern.

Auch mit den deutschen Traditionen hat sich die Familie im Voraus vertraut gemacht: Nicht nur sein Schulranzen ist schon einsatzbereit, eine Schultüte hat Rani auch. Blau ist sie und hat Piraten vorne drauf. "Die hab ich mir selber ausgesucht, im Kindergarten", erklärt Rani. Bräuche wie diesen kannten seine Eltern aus dem Irak nicht. "Da gibt es nicht mal wirklich einen ersten Schultag. Man bringt sein Kind zwar zur Schule und meldet es an - manche machen das aber erst nach Wochen, andere sogar nach Monaten", schildert Abdulaziz. Er und seine Frau sind deshalb froh, dass Rani jetzt in Deutschland zur Schule gehen kann.

150 bis 200 Euro kostet ein Schulranzen. Der Preis hat den Vater schockiert

Ein weiterer Unterschied, der die Familie verwundert hat, ist die Aufregung um den Schulranzen: "Der Kindergarten hat uns mehrere Seiten gegeben, mit Ranzen in allen möglichen Farben und mit unterschiedlichen Motiven", erzählt Abdulaziz. Solch eine Auswahl gebe es im Irak nicht. Vor allem aber hat ihn der Preis schockiert. "150 oder 200 Euro soll das kosten! Das können wir uns nicht leisten." Von Freunden hat Rani deshalb einen alten Schulranzen bekommen, mit Mäppchen und passendem Turnbeutel. Hilfe erhält die Familie auch von der Schule, Rani bleibt nach dem Unterricht dort zur Hausaufgabenbetreuung. "Ich würde das gerne mit ihm machen, aber das geht halt nicht so gut", sagt Jawaher bedauernd.

Rani scheint das nicht wirklich zu stören, er möchte am liebsten alles alleine machen. Seine Mutter sieht das nicht ganz so gelassen: "Er möchte auch gerne selbst zur Schule gehen, aber er ist doch noch so klein." Am ersten Tag geht die Familie deshalb auf jeden Fall gemeinsam zur Schule, danach bringt ihn dann immer ein Elternteil. Rani plant derweil schon fleißig über den Schulalltag hinaus: Schon seit etwa einem Jahr trainiert der Sechsjährige im Fußballkindergarten der SG Eichenfeld, jetzt möchte er gerne Klavierstunden nehmen. "Das geht im Moment aber nicht. Wir können vielleicht eine Wohnung in Erlangen bekommen und wissen nicht, wie lange wir noch hier sind", erklärt Abdulaziz.

Die Familie ist anerkannt worden und muss ihren Platz im Containercamp bald räumen. Rani diese Dinge zu erklären, sei nicht immer einfach. "Er fragt öfter, warum er kein eigenes Zimmer hat. Seine Freunde im Kindergarten hätten doch auch alle eins", bemerkt Jawaher. Das zwölf Quadratmeter große Zimmer im Containercamp teilt sich die Familie zu dritt.

Jetzt freut sich Ranis Familie aber erstmal auf die Schule, wo auch einige seiner Kindergartenfreunde hingehen. Bis zuletzt hat er den BRK-Kindergarten Prinzenpark in Freising besucht, er war in der Schmetterlingsgruppe. Vermissen werde er den Kindergarten aber nicht, erklärt Rani grinsend. Schließlich sei er jetzt zu groß dafür, er müsse jetzt in die Schule.

© SZ vom 11.09.2017/zim
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