Fabriken in Freising eínst und jetzt:Elektronik für den Starfighter und Feuerwehrschläuche für Amerika

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Fabriken in Freising eínst und jetzt: Texas Instruments gehört zu den wenigen Unternehmen, die in Freising noch eigenständig produzieren.

Texas Instruments gehört zu den wenigen Unternehmen, die in Freising noch eigenständig produzieren.

(Foto: Marco Einfeldt)

Hans Lorenzer hat ein Nachschlagewerk über Betriebe in Freising geschrieben. Manche Produkte waren weltweit gefragt, andere ein wenig skurril. Von den 67 beschriebenen Unternehmen sind heute nur noch drei in ihrer ursprünglichen Form existent.

Von Peter Becker, Freising

Vom Bauteil für den Starfighter über die größten Traktoren der Welt bis hin zu wasserundurchlässigen Feuerwehrschläuchen: Die Freisinger Betriebe haben in den vergangenen Jahrhunderten viele innovative Produkte hergestellt und waren, was die Technik anbelangt, oft auf dem neuesten Stand. Der Freisinger Autor Hans Lorenzer hat sich in den vergangenen sechs Jahren mit den Fabrikationsstätten in Freising beschäftigt und die Ergebnisse seiner Recherche in einem Nachschlagewerk für die vergangenen 190 Jahre niedergeschrieben.

Von den 67 untersuchten Betrieben, die sich seit dem Jahr 1200 in Freising niedergelassen hatte, resümiert Lorenzer, produzierten heute nur mehr drei eigenständig. Das sind die Stadtwerke sowie die Firmen HAWE und Texas Instruments. Andere bestehen noch, arbeiten aber unter einem anderen Namen weiter. Weitere produzieren zwar, aber nicht mehr in Freising, weil sie dort nicht mehr expandieren konnten.

Notwendig für die Entwicklung von Fabriken ist Energie. Bis zur Entwicklung der Dampfmaschinen und der Nutzung der Elektrizität nutzten frühe Betriebe die Wasserkraft, um Getreide zu mahlen oder Sägen in Gang zu setzen. Ziegeleien in Vötting, an der Prinz-Ludwig-Straße und in Neustift waren laut Lorenzer seit dem 13. Jahrhundert die ersten Industriebetriebe in Freising. Der Anschluss der Stadt an die Eisenbahn mündete in die Ausweisung eines eigenen Fabrikviertels in der Nähe des Bahnhofs.

Fabriken in Freising eínst und jetzt: Die Firma Hawe Hydraulik existiert noch in ihrer ursprünglichen Form.

Die Firma Hawe Hydraulik existiert noch in ihrer ursprünglichen Form.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Metall verarbeitenden Betriebe nehmen mit 13 Nennungen den größten Teil der Recherche Lorenzers ein. Die bekanntesten darunter sind das Hydraulikwerk HAWE an der Kulturstraße in Lerchenfeld, der Braumaschinen-Hersteller Nerb aus Attaching sowie die Maschinenfabriken Schlüter und Steinecker. Die größte Maschinenfabrik und Eisengießerei in Freising ihrer Zeit betrieb von 1860 bis 1877 Maurus Glas an der Fabrikstraße. Sie ging im Zuge der Weltwirtschaftskrise der Jahre 1873 bis 1896 in Konkurs.

Marktführer in ganz Deutschland in Sachen ölbefeuerter Badeöfen war bis in die Siebzigerjahre hinein die Firma Walmü an der Kepserstraße in Lerchenfeld. Die Ölkrise von 1973 und die Sättigung des Marktes führten zu einem Rückgang der Produktion. Walmü ging schließlich 2002 in der Zeba Gerätebau GmbH auf, die immer noch elektrische Haushaltsgeräte an der Kepserstraße herstellt.

Entlausungsmittel für Krankenwagen

Interessant ist die Geschichte der Waschmaschinenfabrik Anton Huber. Gegründet 1945 zog sie von der Garten- in der Angerstraße um, wo sie bis 2010 existierte. Huber erkannte eine Marktlücke für Waschmaschinen für Großbetriebe wie Reinigungen, Krankenhäuser und Hotels. An der Angerstraße wurden Geschirrwaschstraßen für Werkskantinen sowie Großküchen in Kliniken produziert. Ein weiteres Standbein war in den 60ern die Desinfektion und Entlausung von Krankenwagen.

Huber entwickelte die Idee weiter und konzentrierte sich in der Folge auf Apparate für die Desinfektion und Sterilisation von pharmazeutischen Artikeln. Weil er keinen Erben hatte, verkaufte er 1986 den Betrieb an Dietwart Völpel. Da der Name "Huber" sich einen Weltruf erworben hatte, blieb er bestehen. Zur Überwachung und Qualitätskontrolle der Reinigungsgeräte setzte er zunächst Lochstreifenmaschinen, später Computer ein. Zu den Hauptabnehmern zählten Höchst und Bayer und die Nasa.

Unter der Rubrik "Bau" listet Lorenzer die Sägewerke und Ziegeleien auf, die es in Freising bereits seit dem Mittelalter gab. Ältestes Sägewerk ist das von Conrad Brey, das bis 1990 am Sondermüllerweg existierte.

Fabriken in Freising eínst und jetzt: Bis heute existiert in Lerchenfeld das einstige Sägewerk Scholbeck, nur in anderer Form.

Bis heute existiert in Lerchenfeld das einstige Sägewerk Scholbeck, nur in anderer Form.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bis heute existiert in Lerchenfeld das einstige Sägewerk Scholbeck, nur in anderer Form. Gegründet wurde es dort im Jahr 1899. Ein Kuriosum ist, dass Josef Scholbeck 1912 von der marokkanischen Regierung den Auftrag erhielt, hölzerne Lastkähne zu bauen. Die wurden wieder in Einzelteile zerlegt und nach Marokko verschickt. Weil sich dort niemand im Stande sah, diese wieder zusammenzubauen, musste Scholbeck mit Mitarbeitern dort hinreisen, um diese Aufgabe zu erledigen. 1990 gab die Firma Scholbeck das Sägewerk auf und verlegte sich auf den Holzhandel.

Noch heute prägen Freising Bauten, die auf die Aktivitäten der Ziegelei und des Bauunternehmers Alois Steineckers beruhen. Die stand nahe der Mainburger Straße und gehörte zunächst Ludwig Biber. Leonhard Steinecker ersteigerte den Betrieb. Die "Steinecker-Dynastie" stammt ursprünglich aus Attaching. Leonhard Steinecker, Sohn des Zimmermanns Johann, siedelte 1800 nach Neustift über und erwarb das "Realrecht" auf den "Ziegelstadl", schreibt Lorenzer. Das war die ehemalige Hofziegelei an der späteren Prinz-Ludwig-Straße. Baumeister Leonhard II. Steinecker riss den "Ziegelstadl" ab und baute dort eine Villa. In der residiert heute die Prinz-Ludwig-Apotheke. Sein Sohn Alois führte das Baugeschäft weiter. Unter seiner Regie entstanden die Vimykaserne, das Finanzamt, Schulen und Villen an der Prinz-Ludwig-, Hayd- und Heckenstallerstraße.

Drei Elektronikfirmen listet Lorenzer auf. Weltbekannt ist natürlich Texas Instruments in Lerchenfeld. Die Firma Driescher aus Moosburg errichtete an der Angerstraße, wo jetzt ein neues Stadtviertel entsteht, ein Zweigwerk. Von 1949 bis 1975 produzierten dort Mitarbeitende Bauteile aus Epoxidharz für das Hauptwerk. 1975 erwarb die Baywa das Gelände.

Willy Schlieker gehörte zu den schillernden Figuren der "Wirtschaftswunderkinder"

Nur den wenigsten Freisingerinnen und Freisingern dürfte die Firma Schlieker noch in Erinnerung sein. Eigentlich war der Betrieb aus Norddeutschland auf Stahl- und Werftbau spezialisiert. Inhaber Willy Schlieker gehörte zu den schillerndsten Figuren der "Wirtschaftswunderkindern" der Nachkriegszeit. Neben seiner Werft in Hamburg besaß er viele weitere Unternehmen an der Ruhr.

Der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß holte den Unternehmer nach Freising. Die Schlieker-Zweigstelle sollte an der Kepserstraße das Cockpit des Kampfflugzeugs Starfighters bauen und dessen Fluginstrumente, unter anderem den "künstlichen Horizont" verbessern. Die Schlieker-Fabrik entstand auf einer Kleingartenlage in Lerchenfeld. Im Januar 1962 war Baubeginn. Mit etwa 20 Spezialisten wurde das Werk eröffnet. Schon 1963 kam das Aus für die Schlieker-Dependance in Freising. Der Firmeninhaber hatte sich mit all seinen Unternehmungen verzettelt.

Eine fast ebenso schillernde Figur wie Schlieker ist der Unternehmer Hans Lothar Joseph, Gründer der Chemischen Fabrik an der Klebelstraße. Bundesweit geriet er in die Schlagzeilen, weil er sich weigerte, die Kirchensteuer seiner Mitarbeitenden an die "Religionskonzerne" abzuführen. Auf dem Gelände der ehemaligen Aktienbrauerei erwarb Joseph das Sudhaus. Zuerst produzierte er in Lizenz das Produkt "Hermekon-Einkochtropfen". In den Nachkriegsjahren machten viele Menschen Obst und Gemüse für den Winter ein. Eine Methode, das Einmachgefäß luftdicht zu verschließen, bestand darin, Hermekon-Tropfen auf die Innenseite des Deckels zu träufeln und anzuzünden. Diesen legte man auf das Einmachglas, das dann durch den Gummiring luftdicht verschlossen wurde.

Die Chemische Fabrik produziert für die Nato und die US-Streitkräfte

Später verlegte sich Joseph auf Spezialprodukte wie Enteisungs- und Löschmittel für Flughäfen der US- und Nato-Streitkräfte in Europa. Außerdem entwickelte er eine Spezialflüssigkeit, die Haarrisse auf den Flügeln von Flugzeugen sichtbar macht. Neun Unternehmen aus der Textilbranche listet Lorenzer auf. Überlebt hat in gewissem Sinne nur die Handschuhfabrik von Friedrich Taubert. Gründungsjahr ist 1947. In Freising und Waldmünchen, dem zweiten Standort in Deutschland, arbeiten noch 75 Beschäftigte für Taubert, 50 weitere in China. Die Tuchfabrik Feller bestand von 1907 bis 1974 an der Landshuter Straße in Neustift.

Fabriken in Freising eínst und jetzt: Bei der Firma Taubert in Lerchenfeld sind lange Zeit Handschuhe, Unterwäsche und Bademäntel für Frauen hergestellt worden.

Bei der Firma Taubert in Lerchenfeld sind lange Zeit Handschuhe, Unterwäsche und Bademäntel für Frauen hergestellt worden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Zwölf Betriebe zählt Lorenzer auf, die sich mit der Herstellung von Lebensmitteln beschäftigt haben. Erstaunlich ist dabei in einer Brauereistadt wie Freising die breite Palette von alkoholfreien Getränken. Die Limonadenfabrik von Josef Achatz bestand von 1928 bis 1998. Die Firma "Fegi" stellte von 1918 bis 1963 "hochqualifizierte" alkoholfreie Getränke wie Limonaden, Sirup, Punsch und Essenzen her. In Lizenz produzierte das Unternehmen die Markenfruchtsäfte "Libella" und das "Rio-Kola".

Eine Schokoladenfabrik gab es von 1950 bis 1953 an der Alten Poststraße. Gegründet hat sie Alfred Oehm. Sein Türkischer Honig und seine als Verkehrszeichen gestalteten Lutscher waren Verkaufsschlager. Weil Oehm in Freising nicht erweitern konnte, baute er seine Maschinen in den ehemaligen Baracken des Stalag-Lagers in Moosburg auf. Der Betrieb existiert heute noch in der Erzgebirgstraße in Moosburg. Discounter schätzten die Qualität von Oehms Waffeln. Anfang der 90er belieferte er mit seinen Kokosmakronen Aldi Süd.

Seilwarenfabrik erlangt Weltruhm

Zu Weltruhm gelangte die Mechanische Gurtweberei und Seilwarenfabrik Anton Bigerl, die zuletzt an der Wippenhauser Straße residierte. Gründer war 1903 Georg Bigerl, damals war das Unternehmen noch an der Unteren Hauptstraße ansässig. 1933 wurde sein Sohn Anton zum Freisinger Feuerwehrkommandanten gewählt. Der machte sich Gedanken zu seinen damals produzierten Hanfschläuchen. Die hatten zwei Nachteile. Sie mussten nach Gebrauch getrocknet werden, sonst fingen sie an zu faulen. Zu Beginn des Löschens war der Wasserverbrauch erheblich, weil sich der Hanf erst ausdehnen musste, um den Schlauch abzudichten.

1965 zog der Betrieb an die Wippenhauser Straße um. Dort fertigen 25 Personen bis zu 4000 Meter Schlauch am Tag. Bigerl kam auf die Idee, das Innere der Schläuche aus Gummi anzufertigen und sie mit flexiblen Synthetik-Gewebe zu umhüllen. So entstand ein wasserdichter, druckfester Schlauch. Die Produkte wurden in ganz Deutschland verschickt. Einige Lieferungen gingen auch in die USA. Der Betrieb wurde 1975 aufgelöst.

Das Werk ist im Freisinger Buchhandel erhältlich.

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