Solidarität mit der Ukraine:"Wir machen uns große Sorgen"

Solidarität mit der Ukraine: Das Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche Renovabis hat seinen Sitz auf dem Freisinger Domberg.

Das Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche Renovabis hat seinen Sitz auf dem Freisinger Domberg.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Katholische Hilfswerk Renovabis in Freising ist vom russischen Vorgehen in Osteuropa alarmiert. Im Falle eines Krieges rechnet Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz mit großen Flüchtlingsströmen. Auf diese gilt es, vorbereitet zu sein.

Von Thilo Schröder, Freising

Dass Kremlchef Wladimir Putin die Entsendung von Truppen in die Ostukraine angeordnet hat, dass er die Separatistenrepubliken Donezk und Luhansk nunmehr anerkennt und die russische Regierung einen Freundschaftsvertrag mit diesen Regionen geschlossen hat, sorgt weltweit für Entsetzen. Die Anerkennung sei "eine Verletzung internationalen Rechts und bricht das Minsker Abkommen", sagt die EU-Abgeordnete Angelika Niebler (CSU), die auch den Landkreis Freising betreut, laut einer Mitteilung. "Als starke und geeinte Europäische Union stehen wir der Ukraine solidarisch bei. Unser Ziel bleibt dabei eine friedliche Lösung." Auch Hilfsorganisationen wie das in Freising ansässige Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche in Deutschland, Renovabis, sind durch das russische Vorgehen alarmiert.

"Wir machen uns große Sorgen angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Ukraine", sagt Thomas Schumann der Freisinger SZ. Der 58-Jährige ist Pressesprecher bei Renovabis und glaubt mit Blick auf Russlands jüngste Schritte: "Es könnte in der Folge zu Flüchtlingsströmen kommen. Menschen, die aus der Ukraine kommen, werden große Verluste beklagen. Die wollen da ja nicht weg, sondern werden weggedrängt."

"Ein am Westen orientiertes Volk"

Jene Menschen, die nun womöglich aus Angst um ihr Leben das Land verlassen, nennt Schumann "Europäer, die nach Europa streben, aber sich ihr Europa dort vor Ort aufbauen wollten". Ukrainerinnen und Ukrainer seien "ein am Westen orientiertes Volk", glaubt er. "Da gab es die ganze Zeit eine große Hoffnung auf Europa, selbst nach der Krim-Annexion 2014."

Auch Renovabis-Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz stellt in einer Pressemitteilung klar, "dass die Menschen, die vor dem Einmarsch flüchten, dies gewiss nicht freiwillig tun". Bereits seit der Krim-Annexion gebe es in der Ukraine mehr als 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge, Hunderttausende könnten nun erneut ihre Heimat verlieren - und dabei nicht in der Ukraine bleiben können und "auch in Richtung Deutschland" flüchten. "Wir müssen uns jetzt darauf vorbereiten zu helfen, wo wir können", mahnt Schwartz.

Gefragt ist eine echte "Willkommenskultur der Nächstenliebe"

Wie Niebler nennt er die "neue Eskalationsstufe" im Ukraine-Konflikt einen "Bruch des Völkerrechts". Man könne nur "hoffen, dass Russland die Lage nicht noch weiter eskaliert". Ungeachtet dessen müssten die Verantwortlichen in Deutschland "jetzt schon Vorbereitungen treffen, falls es - je nach weiterer Entwicklung - große Flüchtlingsströme gibt". Gefragt sei "eine echte 'Willkommenskultur der Nächstenliebe'".

Die Partner von Renovabis kümmerten sich in der Ukraine um viele Menschen, die an den Rändern der Gesellschaft leben, erläutert Renovabis-Sprecher Schumann: Ältere, junge Familien mit wenig Mitteln. "Viele sind traumatisiert, es gibt Kriegswitwen, denn es sind seit 2014 rund 13 000 ukrainische Soldaten gefallen. Denen muss man helfen." Die Partner würden Rechtshilfe geben, außerdem Kurse, Weiterbildung ermöglichen, zivilgesellschaftliche Gruppen stärken.

Viele Partner in der Ukraine - auch ein paar in Russland

Die Ukraine gehört im Hilfswerk zu den am meisten unterstützten Ländern. "Seit unserer Gründung 1993 sind rund 820 Millionen Euro in etwa 25 400 Projekte in 29 osteuropäischen Ländern geflossen, davon allein 125 Millionen in 4000 Projekte in der Ukraine", sagt Schumann. "Renovabis ist in der Ukraine anerkannt und hat dort einen guten Namen." Dieser gute Name könnte allerdings nun leiden. "Man darf annehmen, dass durch einen Krieg und seine Folgen vieles zerstört werden wird, was in den letzten Jahrzehnten aufgebaut wurde", so der Renovabis-Sprecher - "mit Auswirkungen für die Projektarbeit auch auf Russland und Belarus".

Denn auch in den vier Diözesen in Russland habe man Projekte, wenn auch wenige. Orthodoxe Kirchen dort würden fast nichts beantragen, da offenbar auskömmliche Unterstützung durch den Staat bestehe. "Um diese Projekte sorgen wir uns natürlich auch, wenn Russland zum Beispiel vom internationalen Zahlungssystem abgekoppelt wird", erläutert Schumann. Einige weitreichendere Mutmaßungen ob möglicher Folgen hat der Pressesprecher nach dem Gespräch mit der Freisinger SZ vorsichtshalber zurückgenommen. "Wir müssen uns sehr vorsichtig verhalten."

Soziale und Bildungsprojekte für alle, nicht nur Gläubige

Schumann betont, dass das Wirken von Renovabis und seinen Partnern nicht ausschließlich im Kirchenumfeld erfolge und dass man nicht missionieren wolle. Gegründet hatte man sich am 3. März 1993 einst als "Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa", wie es auf der Homepage heißt. "Wir kooperieren zwar mit Kirchen, die sozialen oder Bildungsprojekte richten sich aber an alle Menschen", erklärt Schumann. Demnach arbeitet Renovabis mit römisch-katholischen, griechisch-katholischen, teils auch mit orthodoxen Kirchen.

"Wir wollen Menschen nicht im Glauben bekehren - das wird uns manchmal unterstellt. Wir wollen, dass die Menschen aus der christlichen Botschaft heraus solidarische Hilfe erfahren und damit offen für das christliche Menschenbild werden, einander die Werte näherbringen", sagt Schumann. "Renovabis versteht sich als kirchenpolitisches Sprachrohr der Menschlichkeit."

Klare Haltung zu politischen Systemen

Gleichwohl habe man eine klare Haltung zu unterschiedlichen politischen Systemen. "In vielen osteuropäischen Ländern wurde der Kommunismus durch einen Turbo-Kapitalismus abgelöst - das ist auch nicht im Sinne der Kirche. Nur Einzelne haben dort davon profitiert, die Netze sozialer Sicherheit sind nicht so selbstverständlich wie im Westen." Die Pandemie habe die bestehenden sozialen Probleme noch einmal verschärft, weil viele kleine Leute ihre wirtschaftlichen Einkommensgrundlagen verloren hätten.

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