Multiresistente Keime sind weltweit ein großes Problem. Jedes Jahr sterben bereits bis zu 1,5 Millionen Menschen an Infektionen, weil Antibiotika nicht mehr wirken. In den nächsten 25 Jahren könnte diese Zahl laut einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf bis zu zehn Millionen jährlich steigen. Am neuen Zentrum für Infektionsprävention der TU München (TUM), das in Freising eröffnet wurde, wollen Wissenschaftler nun neue Strategien entwickeln, damit dieses erschreckende Szenario für 2050 nicht Wirklichkeit wird.
Eine Besonderheit des neuen Zentrums der TUM ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Gesundheit von Mensch und Tier steht gleichermaßen im Fokus. Ein wichtiger Punkt sei die Prävention, damit es gar nicht erst zu Erkrankungen komme, erklärte Dietmar Zehn. Er hat an der TUM den Lehrstuhl für Tierphysiologie und Immunologie inne und leitet das neue Zentrum. „Wir haben hier ein Haus, ein Dach und können Leute zusammenbringen“, sagte er. Denn viele Fragen kann die Wissenschaft bisher nicht beantworten: Man müsse verstehen lernen, warum einige Menschen schwer erkranken – und warum andere Schutzmechanismen entwickeln.
Das Zentrum für Infektionsprävention stelle sich nicht nur wissenschaftlichen Herausforderungen, „sondern auch einer der größten gesundheitspolitischen Aufgaben“, betonte TUM-Präsident Thomas Hofmann bei der Eröffnung. Grundlagenforschung sei hier essenziell – vom Tierwohl bis zur Verbrauchergesundheit. Die Erkenntnisse gelte es, effizient in Innovationen zu überführen. Die Forschung müsse in der Landwirtschaft und bei den Menschen ankommen.
Im Vordergrund stehen im neuen Zentrum multiresistente Keime. Ziel ist es, den Einsatz von Antibiotika zu minimieren. Einer der Ansatzpunkte sind Phagen – das sind Viren, die ausschließlich Bakterien infizieren. Therapeutisch eingesetzt, könnten sie solche Bakterien, die dem Menschen gefährlich werden können, ausschalten. Vermutlich gebe es für jedes Bakterium eine passende Phage, sagte Zehn. Auch in die personalisierte Medizin setzen die Forschenden Hoffnung. Könnte künftig festgestellt werden, ob eine Person ein besonderes Risiko für eine Infektion mit resistenten Keimen in sich trägt, dann ließe sich die Behandlung von Anfang an darauf abstellen.

Den Löwenanteil des 60 Millionen Euro teuren Neubaus an der Liesel-Beckmann-Straße übernimmt der Freistaat. Er bewilligte 40 Millionen, den Rest steuert der Bund bei. Ministerpräsident Markus Söder sprach von einem zentralen Baustein im Kampf gegen „eine der größten, schleichenden Gefahren“. In 25 Jahren könnten mehr Menschen an resistenten Keimen sterben als an Krebs. Innovationen wie hier im Zentrum für Infektionsprävention seien nicht nur eine wirtschaftliche Chance, sondern eine große ethische Herausforderung.
Ebenso breit aufgestellt wie die Forschung ist das interdisziplinäre Leitungsteam. Die Idee, an der Schnittstelle zwischen Tier- und Humanmedizin zu forschen, hat der Humanmediziner Percy Knolle (Molekulare Immunologie) maßgeblich mitentwickelt. Mit dabei sind zudem die Professoren Li Deng (Prävention mikrobieller Infektionskrankheiten), Bernhard Küster (Proteomik und Bioanalytik) und Benjamin Schusser (Biotechnologie der Reproduktion). Ihre Expertise reicht vom Mikrobiom und der Mikrobiologie über Immunologie und Technologie bis hin zur Datenanalyse.

Im neuen Zentrum werden etwa 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen. Ihnen stehen moderne Labore der biologischen Sicherheitsstufe drei – der zweithöchsten Stufe – zur Verfügung. Dank spezieller baulicher Schutzvorkehrungen kann dort mit Krankheitserregern geforscht werden. Die Abluft wird gefiltert. Der Bürobereich ist offen und mit viel Glas gestaltet, um die Forschenden zum gegenseitigen Austausch zu animieren. TUM-Präsident Hofmann appellierte an alle, „keine Mauern um sich zu bilden“. Lösungen für derart komplexe Aufgaben erforderten eine interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit.
Die Räume werden nun schrittweise bezogen. Mit den Planungen war 2021 begonnen worden, mit dem Bau zwei Jahre später. Im April 2026 wurde das Gebäude termingerecht fertig, wie das Staatliche Bauamt Freising mitteilt. Die Nutzfläche beträgt 2700 Quadratmeter. Durch eine horizontale Gliederung der Fassaden aus recycelbaren Keramik-Elementen und umlaufenden Wartungsstegen erhielt das Gebäude eine „unverwechselbare Identität“. Das Ziel sei gewesen, eine „starke Präsenz des neuen Laborgebäudes auf dem Campus zu schaffen“. Die Flachdächer sind begrünt und werden zudem für Photovoltaik genutzt.

