TU München zieht Großprojekt an Land In Weihenstephan wird die Zukunft gestaltet

Thomas Hofmann leitet den Lehrstuhl für Lebensmittelchemie und molekulare Sensorik.

(Foto: TUM/Andreas Heddergott)

"Food-Connects" will den Lebensmittelsektor umkrempeln, auch weil zu viele Nahrungsmittel auf dem Müll landen

Von Petra Schnirch, Freising

Auf Empfängen am Campus betonen Professoren gern, Freising sei ja eigentlich ein Teil Weihenstephans, weil die Hochschulen auch im Ausland ein Begriff sind. Ein großer Forschungsverbund unter Federführung der TU München (TUM) sorgt nun dafür, dass Freising-Weihenstephan in einer Reihe mit Brüssel, London, Madrid und Warschau auf der europäischen Landkarte auftaucht - als Sitz eines der fünf Zentren des Konsortiums "Food-Connects".

Gemeinsam mit 49 Partnern, darunter große Unternehmen wie Siemens oder Nestlé, aber auch Start-ups und andere Forschungseinrichtungen aus 13 Ländern, ist es der TUM gelungen, das Europäische Institut für Innovation und Technologie (EIT) von ihrem Konzept zu überzeugen und das mit 400 Millionen Euro dotierte Großprojekt "EIT Food" an Land zu ziehen. Die Ziele sind hoch gesteckt: Der Lebensmittelsektor soll umgekrempelt werden, um Lösungen für drängende Probleme liefern zu können. Denn zu viele Nahrungsmittel landen auf dem Müll, auch der Zuckergehalt vieler Produkte ist zu hoch.

Am Campus wird davon zunächst wenig sichtbar sein. Kommissarischer Leiter am Standort Freising ist bis Mitte des Jahres Thomas Becker, Dekan des Wissenschaftszentrums Weihenstephan der TUM. Die fünf Mitarbeiter, die das Projekt von hier aus koordinieren, bekommen vorerst im Internationalen Getränkewissenschaftlichen Zentrum Räume für Büros und Seminare. Später sollen sie in den 20 Millionen Euro teuren Neubau der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie (DFA) an der Lise-Meitner-Straße umziehen. TUM-Präsident Wolfgang Herrmann hofft, dass er schon in zwei Jahren eingeweiht werden kann. Das ist ehrgeizig, noch ist nicht einmal ein Bauantrag gestellt. TU München und DFA, die schon jetzt im ehemaligen Degussa-Gebäude unter einem Dach zusammenarbeiten, sollen dann noch besser vernetzt werden. Die DFA bleibt zwar ein Leibniz-Institut, soll aber in die TUM eingegliedert werden. Die Technische Universität habe den Ehrgeiz, in der Lebensmittelchemie "Standards zu setzen", so Herrmann.

Damit nicht genug: Dem Standort würde "eine Art Konsumentenforschungszentrum" gut tun, sagte Thomas Hofmann bei einem Pressegespräch. Der TUM-Vizepräsident leitet den Lehrstuhl für Lebensmittelchemie und molekulare Sensorik und war Antragsteller von "Food-Connects". Demnächst sind Gespräche mit dem zuständigen Ministerium geplant. Ein solches Haus, in dem man in Laboratorien direkt mit Verbrauchern arbeiten könnte, "wäre ein Zugewinn". Bisher forscht an der TUM nur Professorin Jutta Roosen in diesem Bereich, sie leitet den Lehrstuhl für Marketing und Konsumforschung.

Weihenstephan zeichnet sich laut Hofmann dadurch aus, dass es die Wertschöpfungskette von der Pflanzenzüchtung bis zum fertigen Lebensmittel abdeckt. Die Entwicklung neuer Sorten - ohne Gentechnik - wird ebenso Thema des Großprojekts sein wie eine personalisierte Ernährung. Eine wichtige Rolle wird aber auch die Digitalisierung spielen, beispielsweise bei der Müllvermeidung. So sollen Konsumenten künftig beispielsweise per Smartphone am Produkt ablesen können, ob es noch frisch ist. Denn das angegebene Mindesthaltbarkeitsdatum sei oft irreführend, sagte Hofmann. Hier werden auch andere TUM-Fakultäten wie die Informatiker ihr Knowhow einbringen. Einbezogen werden auch die Studenten. Für sie sollen Summer Schools stattfinden, denn "viele der innovativen Ideen kommen von den jungen Leuten". Start-ups sollen gezielt gefördert werden, in der Lebensmittelbranche sind sie bisher die Ausnahme.

Zu den Projekt-Partnern zählt mit dem Flughafen München auch ein Unternehmen aus der Region. Da es sich um "einen der sensitivsten Sektoren überhaupt" handele, gerade was neue Technologien angeht, sollen die Verbraucher eingebunden und informiert werden, schilderte Hofmann. Weil den Airport täglich mehr als 100 000 Passagiere nutzen, könne eine Wanderausstellung dort ebenso wie im Deutschen Museum beitragen, das Thema "sichtbarer und begreifbarer" zu machen.