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Trotz Rente:Alt und arm

Zu kämpfen haben vor allem allein lebende Frauen, die eine geringe Rente bekommen - und ihre Zahl nimmt zu. Trotz Grundsicherung haben sie kaum Reserven für Heizkosten, Brillen, Zahnersatz oder Medikamente

Von Gudrun Regelein, Freising

Immer mehr alte Menschen in Deutschland sind auf Grundsicherung angewiesen. Laut dem Statistischen Bundesamt waren es im ersten Quartal 2015 bereits über eine Million Bürger, die Sozialhilfe bezogen, da ihre Rente nicht ausreicht. Besonders betroffen sind Frauen, die oftmals wegen der Kindererziehungszeiten Lücken im Berufsleben haben oder nur in Teilzeit gearbeitet haben. Auch im Landkreis Freising erhalten überwiegend Frauen die Grundsicherung im Alter: 191 der insgesamt 280 Bezieher sind weiblich. Ein Großteil, nämlich 160, lebt alleine, wie Eva Dörpinghaus, Pressesprecherin des Landratsamtes, berichtet. Derzeit beträgt der monatliche Regelsatz für Alleinstehende 399 Euro, dazu kommen dann noch "angemessene" Mietkosten.

"Wir kennen das Thema", sagt Günter Miß, Leiter der Sozialen Beratung der Caritas Freising. Menschen, die an der Grenze zur Grundsicherung leben, seien mit Sonderausgaben, etwa für Heizöl oder anderen unerwarteten Zahlungsverpflichtungen, vollkommen überfordert. "Das zerreißt den ganzen Haushaltsplan." Wie bei Frau R. beispielsweise, einer 66-jährigen Witwe, die nicht wusste, wie sie ihre GEZ-Rechnung über 400 Euro begleichen sollte und die deshalb in die Beratung kam. Zwei Jahre hatte sie die Gebühren einfach nicht bezahlt, nun bekam sie plötzlich ein Schreiben und war verzweifelt, erzählt Miß. Frau R. muss mit einer sehr geringen Witwenrente auskommen, selber hat sie keine Rentenansprüche. Erst als ihr Antrag auf Grundsicherung bewilligt wurde, erhielt sie eine Gebührenbefreiung. "Es sind vor allem Frauen, die in ihrem Berufsleben häufiger Brüche haben", sagt Miß. Das mache sich im Alter bemerkbar. Gerade, wenn sich ein Ehepaar dann noch trennt, oder der Mann stirbt, sei die finanzielle Situation äußerst angespannt.

"Die Altersarmut trifft vor allem Frauen", bestätigt Beate Drobniak, Leiterin der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit (Kasa) im Diakonischen Werk Freising. Zu ihr kommen immer mehr Rentnerinnen und bitten um Unterstützung - auch wenn es ihnen nicht leicht falle. "Die Scham ist sehr groß", berichtet Drobniak. Viele versuchten sehr lange, es irgendwie alleine zu schaffen, reduzierten beispielsweise ihr Essen auf ein Minimum, bis sie schließlich doch um Hilfe bitten müssen. Themen, die in ihrer Beratung immer wieder auftauchen, seien die Heizkosten, aber auch Zahnersatz, Brillen, Medikamente, die nicht bezahlt werden können. "Gerade bei Frauen, die oft nur eine sehr geringe Rente bekommen, wird es schnell brenzlig." Viele würden diese zwar durch die Grundsicherung aufstocken, könnten sich solche Ausgaben aber dennoch nicht leisten. "Die Zahl der betroffenen Frauen nimmt zu, das ist ein großes Problem", sagt Drobniak.

Auch Heidi Kammler, Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Freising, weiß von vielen Frauen, die von ihrer geringen Rente kaum die Miete und Energiekosten bezahlen können. Viele hätten zwar ihr Leben lang gearbeitet, aber wegen der Kinder oft nur in Teilzeit oder in schlecht bezahlten Jobs. Viele arbeiteten auch im Alter noch. "Trotzdem ist bei den meisten das Geld knapp." Egal ob bei der Tagespflege, dem Pflegedienst oder bei den Treffen in der AWO: Immer wieder erfährt sie gerade von alten Frauen, dass sie sich diese Pflegeleistungen oder auch den gemeinsamen AWO-Ausflug nicht leisten können. Mit Spendenmittel werde dann versucht, zu helfen, sagt Kammler.

Zu der Tafel in Freising kommen derzeit 44 über 65-jährige Rentenbezieher. Weit über die Hälfte, nämlich 30, sind Frauen, berichtet Vorsitzender Peter Bach. Allerdings seien insgesamt etwa 75 Prozent der rund 390 Kunden weiblich. Bach vermutet, dass es eigentlich noch viel mehr Seniorinnen gebe, die bei der Tafel einkaufen dürften. "Die Dunkelziffer ist sicherlich hoch." Viele aber schämten sich zu kommen, "weil sie sich dann outen würden". Viele versuchten, es irgendwie zu schaffen, wollten keine Hilfe in Anspruch nehmen. "Niemand sollte aber Scheu haben, bei uns zumindest anzufragen", betont Bach. Jeder erhalte ohne Rücksicht auf die Herkunft eine ihm zustehende Lebensmittelkiste. Ganz wichtig sei ihm auch klarzustellen, dass die immer wieder aufgestellte Behauptung, die Tafel verteile die gespendete Ware nur an Asylbewerber und für andere Besucher bleibe deshalb nichts mehr übrig, "jeglicher Substanz entbehrt".

© SZ vom 21.09.2015
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