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Tipps vom Experten:Das kleine Einmaleins für Eltern

Erster Schultag in der Schweiz

"Kinder lernen eigentlich gerne, und sie tun das am besten, wenn sie Spaß daran haben", sagt der Freisinger Schulleiter Peter Neurohr.

(Foto: dpa)

Der erste Schultag ist für die Erstklässler eine aufregende Sache. Wie die Erwachsenen ihre Kinder unterstützen und selbst die Nerven behalten können, weiß der Lerchenfelder Rektor Peter Neurohr.

"Eltern sagen gerne: Jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Das ist Unsinn. Jetzt beginnt der Spaß des Lebens", erklärt Peter Neurohr. Er ist Leiter der Grundschule St. Lantbert und findet, viele Eltern schildern ihrem Kind die Einschulung mit zu viel Ernsthaftigkeit. Das könne dazu führen, dass Kinder Angst vor der Schule entwickeln würden.

Für alle Eltern, die am Dienstag ihren Schützling zum ersten Mal in die Schule schicken, hat er ein paar Tipps bereit - denn das ist nicht nur für das Grundschulkind eine neue Situation, sondern auch für die Eltern selbst. "Kinder lernen eigentlich gerne, und sie tun das am besten, wenn sie Spaß daran haben", stellt Peter Neurohr fest. Das sollten ihre Eltern unterstützen und das Leben als Schulkind nicht negativ darstellen.

Bei Trennungsängsten müssen Eltern mit ihren Kindern den Abschied vor dem Schulgebäude langsam einüben

Bei Kindern, die unter Trennungsängsten leiden und sich gegen den Abschied vor dem Schulgebäude wehren? "Da gibt es leider keine kurzfristige Lösung, das muss langsam eingeübt werden", weiß der Lehrer. In seinen Augen kein leichtes Unterfangen, denn die Eltern dürften weder zu sehr darauf eingehen, noch zu streng sein. Vielmehr müssen die Kinder mit sanftem, gut gemeintem Druck an die Trennung gewöhnt werden: Ein Tag bei den Nachbarskindern, ein Wochenende bei den Großeltern oder anderen Verwandten. Vom Schulbeginn an müssen Eltern aber in jedem Fall darauf achten, die Kinder ganz zuverlässig pünktlich von der Schule abzuholen. Müsse das Kind nach Schulschluss alleine vor der Schule warten, fühle es sich in seiner Trennungsangst bestätigt, so Neurohr, der dritte und vierte Klassen unterrichtet.

Genau andersherum, beobachtet der Lehrer, verhält es sich beim Schulweg. Hier hätten oft die Eltern zu viel Angst. Zumindest in der ersten Woche sollten sie den Weg zur Schule zwar gemeinsam mit ihrem Kind begehen, danach könne der Schüler aber alleine gehen. "Viele Eltern sind leider oft zu ängstlich, dabei ist dem Kind das ruhig zuzutrauen", ermuntert Neurohr. Für die Kleinen sei das außerdem ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Selbständigkeit.

Ähnlich sei das mit den Hausaufgaben. Anfangs empfiehlt Neurohr, sich gemeinsam hinzusetzen und die Hausaufgaben zusammen zu machen. Später genüge es dann, die Aufgaben zu kontrollieren. Wichtig sei ihm vor allem: "Dem Kind ernst gemeintes Lob auszusprechen. Man muss nicht für alles loben, aber wenn der Sprössling etwas gut gemacht hat, sollte er das auch wissen." Genauso verhalte es sich aber auch mit sanfter Kritik. Die dürften Eltern bereits ab der ersten Klasse äußern.

Neben Rechnen, Lesen und Schreiben müssen Erstklässler plötzlich auch das Stillsitzen üben

Eine weitere neue Disziplin für Erstklässler, neben Rechnen, Lesen und Schreiben - das Stillsitzen. Das falle vielen Kindern anfangs schwer, sie seien es gewohnt, sich bewegen zu dürfen. Tipp des Lehrers ist es deshalb, auch das vermehrt Zuhause zu üben. Die Kinder dürften dann nicht einfach aufstehen, sondern müssten zum Beispiel nach dem Essen warten, bis die Eltern es erlauben würden. Dann gehe das mit der Zeit auch in der Schule leichter.

An den Schulalltag angepasst werden sollte außerdem der Konsum von Fernsehen, Handy und Tablet. "Man merkt, wenn Kinder viel Zeit mit Medien verbringen. Sie haben öfter Probleme, sich zu konzentrieren und sind schwerer zugänglich." Neurohr empfiehlt eine Einschränkung auf 30 bis 60 Minuten pro Tag.

Ganz neu ist auch die Klassensituation. Während die Kinder im Kindergarten noch eine Handvoll Freunde hatten, sind sie jetzt mit 20 Mitschülern in einer Klasse konfrontiert. Früher oder später führt das zwangsläufig zu Konflikten, die besonders die Kleinen vor Herausforderungen stellt. Hier nehmen die Eltern eine besondere Rolle ein: "Eltern sind dazu geneigt, bedingungslos hinter ihrem Kind zu stehen", so Neurohr. Davon solle man sich lösen, das Problem offen mit dem Kind besprechen, Fehler erkennen und Lösungen anbieten. Diese Art der sozialen Konfliktlösung sei für die Kinder noch fremd, sie seien deshalb auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen. Denn auch das müssten sie im Laufe der Schulzeit erst lernen.

Wer seinen Erstklässler über den Schulstoff hinaus fördern will, dem empfiehlt der Schulleiter den gesunden Mittelweg: Wenn Lücken erkannt würden, könnten die gerne Zuhause aufgefüllt werden. Er warnt Eltern aber davor, zu viel Ehrgeiz an den Tag zu legen und den Druck zu früh zu erhöhen. "Kinder sind schnell überfordert und verlieren dann den Spaß am Lernen." Eher wünscht er sich, dass die Eltern mit der Schule mitziehen und ihrem Kind vor allem viel Zeit geben. Denn: "Wenn man am Gras zieht, wächst es auch nicht schneller", betont Neurohr gerne.

© SZ vom 09.09.2017/zim
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