Teilhabechancengesetz Nahezu eine Revolution

Seit gut einem Jahr kümmert sich Andreas Örmeny um die Bücherspenden in der Etappe und berät Kunden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Sozialarbeiter coachen künftig Langzeitarbeitslose, die eine neue Beschäftigung haben, und Betriebe erhalten fünf Jahre lang Zuschüsse. Das bietet Menschen wie Andreas Örmeny und Manuela Bichlmeier ungewohnte Perspektiven.

Von  Jasmin Siebert, Freising

Andreas Örmenyi war schon sechs Jahre arbeitslos, als er eine Arbeitsgelegenheit, früher auch Ein-Euro-Job genannt, im Buchcafé "Etappe" begann. Die Caritas betreibt das Café, in dem gebrauchte Bücher verkauft werden, um langzeitarbeitslosen Menschen eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten. Seit gut einem Jahr nimmt Örmeny, 56, Bücherspenden entgegen, sortiert und bepreist sie und berät Kunden. Das Wichtigste für ihn: wieder einen geregelten Tagesablauf haben, etwas Sinnvolles machen und 120 Euro zum Arbeitslosengeld II hinzuverdienen.

Ins Buchcafé hatte der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising eingeladen, um mit Experten und Betroffenen über die Perspektiven von langzeitarbeitslosen Menschen zu diskutieren. Eine, die beide Seiten kennt, ist Manuela Bichlmeier. Die 32-Jährige kam vor vier Jahren zum Gebrauchtwarenhof "Rentabel" der Caritas. Zunächst eine Teilnehmerin einer Beschäftigungsmaßnahme ist sie inzwischen selbst praktische Anleiterin. Mit ihren Klienten spricht sie auch über deren private Probleme. "Vieles kommt mir bekannt vor", sagt sie. Nie sei es so, dass die Menschen nicht arbeiten wollten, sie könnten es oft einfach nicht - wegen psychischer oder gesundheitlicher Probleme. Auch sie selbst war in ein Loch gefallen, nachdem sie ihren Job im Supermarkt verloren hatte. Immer antriebsloser sei sie in den eineinhalb Jahren zu Hause geworden, "sogar duschen fand ich damals anstrengend" sagt sie.

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Die Unterstützung endet künftig nicht mehr, sobald jemand einen Job hat

Dass langzeitarbeitslose Menschen besondere Unterstützung benötigen, ist hinlänglich bekannt. Bisher endete die Hilfe jedoch in der Regel, wenn jemand anfing zu arbeiten. Das soll sich mit dem Teilhabechancengesetz, das zum Jahreswechsel in Kraft tritt, ändern. Raphael Steinberger, Leiter des Teams Markt und Integration im Jobcenter Freising, erklärte die Gesetzesänderung. Er selbst bezeichnet sie als "gute Idee", Caritas-Mitarbeiterinnen preisen sie gar euphorisch als "Revolution": Jobcenter stehen künftig nach Arbeitsantritt weiter als Ansprechpartner bereit, zusätzlich sollen die neuen Arbeitnehmer durch Sozialarbeiter gecoacht werden. Die fast noch wichtigere Neuerung der Gesetzesänderung ist jedoch, dass Betriebe, die langzeitarbeitslose Menschen einstellen, künftig fünf Jahre lang Eingliederungszuschüsse erhalten. In den ersten beiden Jahren übernimmt das Jobcenter den Lohn komplett, dann fährt es die Förderung jährlich um zehn Prozent zurück. Steinberger sagt: "Wir wollen das Förderinstrument beim Jobcenter Freising auf jeden Fall nutzen." Denn das Problem sei nicht, Menschen in Arbeit zu bringen, sondern sie dort zu halten.

In Freising sind momentan nur etwa 940 Menschen seit mehr als zwei Jahren ohne Arbeit. In der Region fehlt es nicht an Arbeitsplätzen. Doch mehr als die Hälfte der Arbeitgeber beachte Bewerbungen von Menschen, die länger arbeitslos sind, gar nicht, sagt Spela Humljan Urh, Referentin bei der Caritas. Nur ein Viertel von ihnen finde zurück in den regulären Arbeitsmarkt. So stagniere die Zahl der Arbeitslosen, wenngleich auf niedrigem Niveau. In Bayern sind 50 000 Menschen seit mehr als einem Jahr ohne Arbeit.

Der Fokus verschiebt sich auf die Ressourcen der Betroffenen

Ein Problem sei, dass viele Betriebe keine schwerbehinderten Menschen einstellen möchten, ergänzt Steinberger vom Jobcenter. Auch wenn die gesundheitlichen oder körperlichen Einschränkungen bei der Tätigkeit ohne Belang seien. Deswegen bemühen sich Steinbergers Leute darum, "den Kunden ein Schleifchen zu verpassen". Dass Arbeitgeber künftig nicht mehr die "Minderleistung" eines ehemals langzeitarbeitslosen Mitarbeiters definieren müssen, um Zuschüsse zu erhalten, bezeichnet Steinberger dabei als sehr hilfreich. Denn so verschiebt sich der Fokus weg von dem, was die Menschen nicht könnten, hin zu den Ressourcen, die sie mitbringen.

Bei Örmenyi und Bichlmeier ist das zum Beispiel die Fähigkeit, sich um Angehörige zu kümmern. Bichlmeier tat das schon früh. Als sie zwölf war, erkrankte ihre Mutter an Schizophrenie. Bichlmeier übernahm den Haushalt und wurde zur Ersatzmutter für den acht Jahre jüngeren Bruder. Die Großeltern waren irgendwann zu alt, um sie zu unterstützen, ihr Vater selbst ein Pflegefall. Sie verließ die Hauptschule ohne Abschluss, den holte sie erst später nach, und jobbte. Im Gebrauchtwarenhof absolviert sie nun eine Ausbildung zur Verkäuferin und macht außerdem den Ausbilderschein, um andere anlernen zu können. Dank ihrer eigenen Geschichte bringt sie die nötige Empathie und Geduld mit.

Örmenyi war 2009 aus dem Rheinland nach Freising zu seiner Lebensgefährtin gezogen. Sie ist Autistin und braucht Unterstützung im Alltag, er selbst habe Rückenprobleme. In normalen Firmen fehle es an Verständnis, sagt der Mann mit dem graublonden Schnauzer. Im Buchcafé dagegen "geht man unheimlich gut miteinander um." Deswegen hofft er nun darauf, vom neuen Teilhabechancengesetz zu profitieren und mindestens die nächsten fünf Jahre im Buchcafé zu bleiben.