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Tassilo:Endlich wieder auf der Bühne

Das Finanzierungs-Konzept beim Kultursommer im Schafhof war denkbar schlicht: Der Eintritt war frei, die Musiker verzichteten auf Gagen.

(Foto: Marco Einfeldt)

All jene, die im vergangenen Corona-Sommer in Freising auf der verzweifelten Suche nach Live-Musik waren, sind im Schafhof fündig geworden. Dort wurde der Café-Betreiber Joaquin von Dehn zum Kulturveranstalter.

Von Alexandra Vettori, Freising

Dass ein Wirt für einen Kulturpreis nominiert ist, überrascht all jene nicht, die im vergangenen Corona-Sommer in Freising auf der verzweifelten Suche nach Live-Musik waren. Denn viele von ihnen wurden auf einem malerischen Hügel am Stadtrand fündig, wo Joaquin von Dehn im europäischen Künstlerhaus "Schafhof" das Café Botanika betreibt. Als für die Gastronomie nur noch die Außenflächen blieben, machte der 58-Jährige aus der Not eine Tugend. Fortan gab es im ebenso lauschigen wie großzügigen Garten des Schafhofs Speisen, garniert mit Musik.

51 Konzerte, bis zu vier an einem Wochenende, haben stattgefunden, es traten Bands aus Freising auf, aus München und der Region. Joaquin von Dehn, den viele nur Kim nennen, hat Buch geführt. Besonders gern erinnert er sich an die Auftritte von Organ explosion, der Band Verykte Kapelle mit jiddischer Musik, die Balkan-Profimusiker von Acoustic caravan, an Masseltov, Oans no oder an diesen strahlenden Sommertag, an dem Christoph Eglhuber und Mitspielerinnen mit ihren traditionellen Instrumenten das Auditorium in vergangene Zeiten entführten. Und als Mark Dorendorf mit seiner Jimmy Hendrix Tribute Band zufälligerweise am 50. Todestag des großen Musikers im Schafhof aufspielte, schwebte der Woodstock-Geist über dem Schafhof-Garten.

Bis aus Rosenheim und Augsburg seien Anfragen von Bands gekommen, "die wollten einfach auf einer Bühne stehen", sagt Dehn

Während Joaquin von Dehn diesen besonderen Kultursommer Revue passieren lässt, kommt er auch auf die Anfänge zu sprechen. Ein Bekannter sei bei ihm gewesen, tätig in der gehobenen Münchner Gastronomie, der ihm riet, etwas ähnliches auch am Schafhof anzubieten. Nach dem Treffen sei er, Dehn, dann im Garten gesessen und habe gespürt, "das bin ich nicht". Und genau in diesem Moment sei Trommelmusik von nebenan aus dem Internationalen Garten erklungen, gleichzeitig wehte der Duft nach Gegrilltem herüber. Und da habe er gewusst, "ich möchte hier ein Musikfestival machen. Und ab da ist alles wie von selbst gelaufen". Bis aus Rosenheim und Augsburg seien Anfragen von Bands gekommen, "die wollten einfach auf einer Bühne stehen", so Dehn.

Einer, ohne den es nicht gegangen wäre, ist Tonmeister Otto Lipp, der Bühne und technische Ausstattung beisteuerte. "Er war mein Hauptsponsor", sagt von Dehn dankbar. Sonst war das Finanzierungs-Konzept denkbar schlicht: Der Eintritt war frei, die Musiker verzichteten auf Gagen, und bekamen dafür den Inhalt des herumgehenden Hutes. Dehn finanzierte den Rest, auch die personalintensiven Corona-Auflagen, aus Speisen und Getränken.

Joaquin von Dehn finanzierte den Rest, auch die personalintensiven Corona-Auflagen, aus Speisen und Getränken. Seine Reserven sind jetzt aufgebraucht.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Gastro-Lockdown, die unregelmäßig und spärlich fließenden Ausgleichszahlungen haben seine Reserven aufgezehrt

Trotz des Erfolgs wird der zweite Corona-Kultur-Sommer anders. "Ich kann es mir nicht mehr leisten, das Ganze for Free zu bieten", sagt Joaquin von Dehn freimütig. Der gastronomische Lockdown, die unregelmäßig und spärlich fließenden Corona-Ausgleichszahlungen haben seine finanziellen Reserven aufgezehrt. Der Bezirk als Träger des Schafhofs hat ihm immerhin die Pacht während des ersten Lockdowns erlassen, für diesen Sommer aber eine Obergrenze von 15 Konzerten gesetzt. Dehn ist ein wenig enttäuscht, hat aber Verständnis, "ich weiß, ich habe meine Möglichkeiten voll ausgereizt".

Wie der Kultursommer im Café Botanika aussieht, könne derzeit niemand sagen. Auf jeden Fall denkt er über eine Ticket-Reservierung nach, denn das war eine unschöne Entwicklung im Vorjahr, dass manche zwar online reservierten, dann aber, weil es ja nichts kostete, nicht kamen. "Es wird etwas geben", sagt er, "aber ich bin ein bisschen demoralisiert". Er denkt auch an Sponsoren, solche, die hinter seiner eigenen ökologisch und sozial orientierten Linie stehen. Der Tassilo-Kulturpreis, sagt er mit einem Lächeln, täte ihm gut, "weil er mir einen unheimlichen Motivationsschub geben würde". Ansonsten vertraut Joaquin von Dehn einmal mehr auf den Geist des Schafhofs, "der wird die Menschen irgendwie wieder herbringen".

© SZ vom 04.05.2021/ilos
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