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Freising:Zwist über Entlohnung der Pflegekräfte

Altenpflege Pflege

Für eine bessere Bezahlung in der Altenpflege sollte ein neuer Flächentarifvertrag der Gewerkschaft Verdi sorgen. Die Caritas hat diesen jedoch abgelehnt.

(Foto: dpa)

Der Verdi-Verein Flughafenregion attackiert die Caritas, weil sie den Flächentarifvertrag für die Altenpflege ablehnt, und schaltet sogar Kardinal Marx ein. Der Verband kontert und hält der Gewerkschaft handwerkliche Fehler vor.

Von Johanna Pichler, Freising

Für eine bessere Bezahlung in der Altenpflege sollte ein neuer Flächentarifvertrag der Gewerkschaft Verdi sorgen. Die Caritas hat diesen jedoch abgelehnt. Deshalb hat sich der Ortsverein Verdi-Flughafenregion mit einem Protestbrief an Kardinal Reinhard Marx gewandt. Verdi zeigt sich darin entsetzt. Die Gewerkschaft habe einen Flächentarifvertrag erarbeitet und alle großen Organisationen hätten zunächst mitgespielt. "Doch die Caritas hat einen Rückzieher gemacht und deshalb ist das Ganze nicht zustande gekommen", kritisiert Andreas Faltermaier, Sprecher der Gewerkschaft in der Flughafenregion.

Die Ablehnung des Flächentarifvertrags bedeutet laut Faltermaier für alle Pflegenden "einen enormen Rückschritt und einen Schlag ins Gesicht". Die Möglichkeit, die Arbeit in der Pflege finanziell besser zu stellen und wertzuschätzen, sei vertan worden. "Die Caritas wurde dafür heftig kritisiert, denn gerade die Kirchen sollten sich für gerechten Lohn und menschenwürdige Arbeit einsetzen", so Faltermaier weiter.

Ein Verdi-Sprecher sieht keine klaren und überzeugenden Gründe für die Entscheidung der Caritas gegen einen neuen Flächentarifvertrag

Auf den Brief an Kardinal Marx bekam Verdi auch eine Antwort. "Kardinal Marx ist quasi oberster Dienstherr der Caritas, die ja auch zur katholischen Kirche gehört. Marx steht über den Dingen", sagt der Gewerkschaftssprecher. Laut Faltermaier schreibt der Erzbischof, er habe keinen Einfluss auf die Entscheidung, sei damit aber auch nicht ganz glücklich. Der Ortsverein hofft nun auf ein Umdenken und womöglich einen neuen Anlauf in ein paar Monaten oder Jahren. "Einen schnellen Erfolg können wir jedoch nicht erwarten. Wir versuchen das Thema aber weiterhin am Köcheln zu halten." Faltermaier sieht keine klaren und überzeugenden Gründe für die Entscheidung der Caritas, die dafür viel Kritik einstecken musste.

"Wir können die Verärgerung vieler Menschen durchaus nachvollziehen, denn angesichts der unseres Erachtens teilweise recht verkürzten Berichterstattung könnte durchaus der Eindruck entstehen, die Caritas möchte, dass Pflegekräfte schlecht bezahlt werden", erklärt dazu Bettina Bäumlisberger, Leiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Caritasverband der Erzdiözese München und Freising. "Aus unserer Sicht ist der von Verdi ausgehandelte Tarifvertrag handwerklich schlecht gemacht und inhaltlich äußerst dünn. Da hat sich Verdi keine Mühe gegeben", kritisiert Bäumlisberger. Die Diakonie sehe das genauso, habe aber bei der Abstimmung gekniffen, nachdem sie den Shitstorm gesehen habe, der über die Caritas hereingebrochen sei.

"Verdi schreit laut Feuer, aber es brennt an einer ganz anderen Stelle", kritisiert eine Caritas-Sprecherin

Obwohl Verdi nur rund 70 000 Beschäftigte in der Altenpflege vertrete, wollte die Gewerkschaft den Tarifvertrag vom Bundesarbeitsministerium für allgemein verbindlich erklären lassen. Dies wäre laut Arbeitnehmerentsendegesetz nur möglich gewesen, wenn die Arbeitsrechtlichen Kommissionen von Caritas und Diakonie zugestimmt hätten. Die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit kam nicht zustande, die Diakonie stimmte erst gar nicht darüber ab. "Verdi ist sehr gut, was Kampagnenarbeit angeht, aber bei ihrer Campact-Aktion haben sie mit Fake-News gearbeitet und die Caritas falsch dargestellt. Verdi schreit laut Feuer, aber es brennt an einer ganz anderen Stelle", sagt Bettina Bäumlisberger.

Bei der Aktion wird die Caritas dazu aufgerufen, ihr Votum zurückzunehmen und dem allgemein verbindlichen Tarifvertrag zuzustimmen. Doch der Caritas fehlt in dem Flächentarifvertrag insbesondere eine Differenzierung in Gehaltsstufen, eine Altersabsicherung, eine Systematik zu Schichtzulagen und ein ordentliches Weihnachtsgeld, wie der Verband mitteilt. Zudem äußert er grundsätzliche Bedenken, da der Tarifvertrag nur geringe Mindestbedingungen regele. "Wir wollen vielmehr, dass das Personal in der Altenhilfe angemessen bezahlt wird und nicht mit einem Billiglohn abgespeist wird", lautet das Statement der Caritas. "Der Vertrag würde im Endeffekt dafür sorgen, dass Pflegekräfte noch schlechter bezahlt werden. Eine Tarifbindung wäre ein besserer Weg, der die Gehälter nach oben treiben würde", erklärt Bäumlisberger. "Davon abgesehen ist es keinem Arbeitgeber verboten, seine Leute besser zu bezahlen".

Die Caritas zahle seit Jahrzehnten ihre Beschäftigten nach einem eigenen Tarifvertrag. Die Bezahlung der Pflege- und Pflegehilfskräfte der Caritas kann laut Bäumlisberger als gut bezeichnet werden und liegt viel höher als das, was Verdi ausgehandelt hat. "Wir haben mit unserer Entscheidung eine Zementierung schlechter Arbeitsbedingungen in der Pflegebranche gerade verhindert", sagt die Caritas-Sprecherin.

© SZ vom 22.04.2021
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