Moosburger Talentschmiede Kleine Hymne für Schwarzfahrer

"Blank/GBC" (von links) trägt gern dick auf. Konstantin Franz ist das jüngste Signing des Moosburger Labels "New Word Order", das Patrick Soyer (rechts) und seine Freundin Petra Richter betreiben.

(Foto: Katharina Jaksch)

Zleyr alias André Horn und Ali Affront rappen mit viel Wortwitz über ihr Versteckspiel mit Kontrolleuren. Beide erscheinen auf dem Moosburger Label "New Word Order", das Horn zusammen mit Patrick Soyer gründete

Von Peter Buchholtz, Moosburg

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass es eine Deutschrap-Veröffentlichung in die Top 10 Album-Charts schafft - auch in dieser Woche waren die Plätze eins und zwei mit den Platten von der Hamburger 187 Straßenbande und dem Düsseldorfer Rapper Kollegah belegt. Deutscher Hip-Hop ist populärer denn je, doch es fehlt ihm an Plattformen abseits des Internets. Das Moosburger Label "New Word Order" arbeitet seit drei Jahren gegen diesen Trend an und unterstützt Sprechgesangstalente aus der bayerischen Provinz.

2014 gründet der gebürtige Münchner Patrick Soyer mit dem Erfurter André Horn, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Zleyr (gesprochen wie Slayer), das Label. Horn kam zum Studieren nach München, Soyer hatte schon zuvor in einigen Labels mitgearbeitet. "Ich wollte Talente fördern und den Fokus nicht verlieren", sagt Soyer, "ich will, dass der Künstler das macht, wozu er steht und nicht das, was gerade gut läuft." Weil es für ihn schwierig war, mit seinen damaligen Partnern auf einen Nenner zu kommen, startete er das Projekt "New Word Order".

Seine Freundin Petra Richter, ursprünglich aus Berlin, stieß 2016 offiziell als Gesellschafterin hinzu, obwohl sie schon zuvor zu einem festen Teammitglied geworden war. "Ich bin ein sehr vergesslicher Mensch, deswegen haben wir damit angefangen, dass Petra die organisatorischen Sachen übernommen hat", sagt Patrick Soyer. Der 31-Jährige kümmert sich um die musikalische Linie des Labels, wozu das Sichten der Demos gehört, die das Label regelmäßig von neuen Künstlern zugeschickt bekommt. Auch online beschäftigt sich Soyer ausgiebig mit neuer Musik: "Ich verbringe gefühlt jeden Tag vier Stunden auf YouTube."

Das Label ist im Netz sehr aktiv, hat zahlreiche eigene Musikvideos auf YouTube, 8000 Likes auf Facebook und auf Instagram folgen fast 2500 dem Label-Kanal. Die Künstler sind teils zwiegespalten, was die Selbstvermarktung im Internet betrifft. Obwohl auch sie auf Facebook aktiv sind oder fleißig über Instagram Stories aus ihrem Alltag berichten, sehen sie das Internet als zentralen Schauplatz für Veröffentlichungen und Diskussionen kritisch: "In der Hinsicht ist Hip-Hop wirklich tot - es fehlt der Vibe", sagt Christopher Blank, der als Künstler unter den Pseudonymen Blank und GBC bei dem Label unter Vertrag steht und vor kurzem den dritten Platz beim Jugendkulturpreis des Landkreises belegte. Dem 23-Jährigen fehlt es in Moosburg an Plattformen, die er aus seiner Zeit in Berlin kennt, "Open Mics oder Jams", bei denen Leute wöchentlich zusammenkommen und Musik machen.

"Musik machen" ist das Stichwort für Konstantin Franz, als Mosaik das jüngste Signing bei dem Label aus Moosburg. Der 19-Jährige studiert in Regensburg Psychologie und fühlt sich oft mit alten Klischees konfrontiert, wenn er sich selbst als Rapper outet. Viele würden Rap nicht richtig als Musik sehen, Sätze wie: "Das kann doch jeder", habe er schon häufig gehört. Um wirklich gut zu sein, müsse man viel investieren. Und die vier Label-Künstler, Blank/GBC, Mosaik, Zleyr und Ali Affront, unterscheiden sich sowohl optisch als auch stilistisch so sehr, dass es für den größten Schubladen-Liebhaber schwierig wird, die passende für die vier Rapper zu finden.

Zleyr und Ali Affront haben mit ihrem 2015 veröffentlichten Song "Schwarzfahrer", in dem sie mit Wortwitz über ihr Versteckspiel mit den Kontrolleuren rappen, inzwischen 40 000 Klicks gesammelt und eine kleine Hymne für alle Unverbesserlichen geschaffen. Mosaik, der es mit seiner ersten Veröffentlichung "Charakter zum Mitnehmen" im Vorjahr in die iTunes Charts auf Platz 97 schaffte, trägt die Jeans eng und reflektiert in seinen Texten mal nachdenklich, mal melancholisch sein junges Leben zwischen Hoffnung, Liebe und Schmerz. Blank/GBC trägt dagegen dick auf: "Blankovic, dicker Traumschwiegersohn, aber ich brauch' ne Million, der Aufwand soll sich lohnen", heißt es in seinem Juni veröffentlichten Track "Blankovic", der als Vorläufer zu seinem zweiten GBC-Album "Clown II" erschien.

Für die Millionen müssen die Künstler allerdings noch Klicks sammeln und Songs verkaufen. "Für uns ist das bisher ein reines Ehrenamt, wir stecken jeden Rubel, der rollt, wieder in neue Projekte", sagt Patrick Soyer. Trotzdem mache es unheimlich viel Spaß, bestätigt Petra Richter. "Wir stecken alles rein, was an Freizeit da ist. So wie andere Pferdesport als Hobby haben, haben wir das Label. Nur dass es für uns mehr als ein Hobby ist", sagt die 33-jährige Moosburgerin.

München und Umgebung seien zwar ein schwieriges Pflaster, es gebe aber gute Ansätze wie das Utopia Island Festival in Moosburg. "Wenn Eier aus der Region sind, dann finden das alle supercool - aber Musik aus der Region?", sagt Patrick Soyer und grinst. Daher plädiert er weiterhin dafür, lokale Musiker noch mehr in Veranstaltungen und Festivals miteinzubinden, zum Beispiel als Eröffnungs-Act. Damit könne man dann wiederum Zuschauer aus der Region anziehen.