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SZ-Umfrage:Kostenloser Nahverkehr, etwas für Freising?

Das Konzept des kostenlosen ÖPNV soll in den kommenden Monaten in Städten wie Bonn, Essen, Herrenberg, Reutlingen und Mannheim getestet werden. Die SZ hat sich dazu in Freising umgehört.

(Foto: Marco Einfeldt)

Mehr Züge und Busse, eine verbesserte Taktung und eigene Fahrspuren nur für Busse, die dann am Stau vorbeifahren könnten: Pendler, Fachleute und Politiker haben viele Ideen für den ÖPNV.

Ohne Ticket in den Bus oder den Zug zu steigen - für viele Pendler ist das eine schöne Vorstellung, gerade im Landkreis Freising mit seinen hohen Tarifen. Kritiker aber bemängeln die schwierige Umsetzung und die hohen Kosten eines solchen Gratis-ÖPNV. Grund für die Überlegungen sind drohende Fahrverbote - in 20 deutschen Städten wird es in den kommenden zwei Jahren wohl nicht gelingen, die EU-Grenzwerte für Stickoxide einzuhalten. Die Bundesregierung muss deshalb mit einem hohen Bußgeld rechnen. Das Konzept des kostenlosen ÖPNV soll in den kommenden Monaten in Städten wie Bonn, Essen, Herrenberg, Reutlingen und Mannheim getestet werden. Die Freisinger SZ hat sich dazu in Freising umgehört.

Tobias Eschenbacher, Oberbürgermeister von Freising

"Kostenloser Nahverkehr klingt erst einmal sehr interessant. Es gibt viele Punkte, die dafür sprechen: Der ÖPNV würde dadurch attraktiver werden. Andererseits gibt es Kapazitätsgrenzen - der MVV im Raum München ist im Bestand nahezu am Anschlag. Für die Kommunen stellt sich natürlich die Frage, wie das Ganze finanziert werden soll, inwieweit es eine Kostenbeteiligung vom Bund geben würde. Bei der ÖPNV-Abgabe, die im Gespräch ist, frage ich mich, ob sie gerecht wäre. In ländlichen Gebieten nutzt jemand den Bus vielleicht zweimal am Tag, in den Städten sind es dagegen mehrmals den ganzen Tag über verschiedene Verkehrsmittel.

Vielleicht wäre es ja eine Alternative, den ÖPNV deutlich erschwinglicher zu machen. Welche konkreten Konsequenzen ein Gratis-ÖPNV aber haben würde, kann man noch nicht absehen. Wahrscheinlich käme es zu einer Verkehrsentlastung - aber voraussichtlich nicht in dem Maße, dass dadurch der Ausbau von Umgehungsstraßen gänzlich hinfällig wäre."

Josef Hauner, Freisinger Landrat

"Die Frage, ob der ÖPNV kostenlos angeboten werden sollte, ist aus dem Stand nicht so leicht zu beantworten. Denn dabei sind viele Aspekte zu bedenken, Vor- und Nachteile sollten genau abgewogen werden. Aus ökologischer Sicht wäre es wünschenswert, den ÖPNV auszubauen und den Individualverkehr zu reduzieren. Wird ein kostenloses ÖPNV-Angebot eingeführt, wird es dennoch faktisch für den Bürger nicht kostenfrei sein.

Im Landkreis Freising geben wir im Jahr 2018 rund 9,3 Millionen Euro nur für den Regionalbusverkehr aus. Etwa 6,3 Millionen Euro davon fließen als Einnahmen zurück. Fallen diese Einnahmen weg, muss der Landkreis den vollen Betrag leisten, der bei steigender Nachfrage noch weiter ansteigen wird. Die Refinanzierung kann nur über die Kreisumlage oder über staatliche Zuschüsse gehen - letztlich zahlt das dann der Steuerzahler. Meines Erachtens sollten stattdessen mehr Kapazitäten im ÖPNV geschaffen und in Tangentialverbindungen und in die Ausstattung der Fahrzeuge und die Pünktlichkeit investiert werden. Ich befürworte auch den Ausbau von Radschnellwegen, wie etwa aktuell geplant von Freising nach Garching und von dort nach München."

Alfred Schreiber, Verkehrsclub Deutschland, Kreisvorsitzender

"An sich ist die Idee gut, sie ist aber aus zwei Gründen nicht umsetzbar: Weil es viel zu viele Fahrgäste für viel zu wenige Busse und Züge geben würde. Und weil die Einnahmen durch die Fahrgäste fehlen würden, die dringend für einen Ausbau notwendig wären. Man muss stattdessen Geld in den Ausbau der Taktungen und in mehr Züge und Busse investieren.

Ist das gut gemacht, und das Angebot verbessert, wird von Haus aus mehr öffentlich gefahren. München hat zum vergangenen Fahrplanwechsel den Takt verdichtet. Das wäre auch für Freising denkbar, so wie in Dachau. Wir hatten in Freising schon den 10-Minuten-Takt, aber wegen des Sparzwangs wurde der wieder eingestellt und es kam der 30-Minuten-Takt. Und dann wundert man sich, warum der Park-and-Ride-Platz überquillt. Eigene Spuren für Busse wären sinnvoll, damit sie an den Autos im Stau vorbeifahren können. Dass mit dem kostenlosen ÖPNV sozial Schwächere wieder mobil würden, kann der ÖPNV nicht leisten. Das ist Aufgabe des Staates."

Vinzenz Adldinger, 35, Pendler

"Ich fahre mit dem Bus vom Dorf nach Freising und dann weiter nach München zur Arbeit. Deswegen finde ich es wichtig, dass vor allem überall eine gute Taktung eingerichtet wird - auch auf dem Land, jede Stunde etwa. Und alternative Konzepte müsste man fördern, zum Beispiel stehen Leute in einem Ort an der Straße, warten auf den Bus und es fahren zig Autos vorbei, wo nur einer drin sitzt. Fahrgemeinschaften wären gut. Es gibt ja schon ausgeschilderte Bänke, wo sich alte Menschen drauf setzen können, dann kann man sie mitnehmen. So etwas sollte man ausbauen. Der kostenlose ÖPNV wäre trotzdem gut. Aber vielleicht klärt sich das in Zukunft von selbst, wenn Fahrzeuge nur noch autonom fahren. Da könnte man per Flatrate einfach einsteigen."

Michael Stanglmaier, Sprecher des ADFC-Kreisverbands

"Die wichtigste Voraussetzung wäre natürlich, die entsprechende Infrastruktur zu schaffen und zu finanzieren. Ob der ÖPNV dann wirklich kostenfrei wird, ist zweitrangig, es würde auch schon langen, wenn er günstiger würde. Ganz wichtig wäre ein vernünftiges System: Wir brauchen eine deutlich verbesserte Anbindung an den ländlichen Raum. Und der Nahverkehr muss schnell, pünktlich und bequem werden, damit die Menschen ihn auch nutzen. Bund und Länder müssen den Kommunen ausreichend Geld für einen Ausbau zur Verfügung stellen.

Von der diskutierten ÖPNV-Abgabe halte ich nicht soviel. Wenn das auf die Menschen umgelegt wird, schafft das eine psychologische Barriere und der ÖPNV wird negativ belegt. Wir Grüne fordern seit Langem den Ausbau eines attraktiven Nahverkehrs. Das hätte nicht nur positive Auswirkungen auf die Umwelt. Wenn dieser Ausbau früher geschehen wäre, dann hätten die Freisinger Umgehungsstraßen - die Westtangente und die Nord-Ost-Umfahrung - verhindert werden können.

Als Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs in Freising ist für mich der zweite Baustein beim Thema ÖPNV der Ausbau des Radverkehrs. Im Landkreis Freising betrug der Anteil der Radler bei der letzten Zählung 2008 gerade acht Prozent. In München liegt er derzeit bei 17, in Kopenhagen bei 50 Prozent. Da gibt es bei uns ein Riesenpotenzial nach oben. Wir müssen konsequent den Radverkehr fördern: Radwege ausbauen und an Bahnhöfen und Haltestellen viel mehr und hochwertige Fahrrad-Abstellanlagen schaffen."

Josef Demmel, Polizei, Verkehrssachbearbeiter

"Ich würde das auf alle Fälle befürworten, gerade im Landkreis Freising, in dem die Straßen vollkommen überlastet sind. In der Johannis- und der Saarstraße in Freising sind täglich etwa 28 000 Fahrzeuge unterwegs. Man kommt doch gar nicht mehr richtig voran. Mit einem entsprechenden, funktionierenden Nahverkehrsnetz würden die Straßen entlastet werden - und es wäre gut für die Umwelt. Ich pendle schon jetzt häufig von München, wo ich wohne, mit dem Zug nach Freising: Das ist nicht nur bequemer, sondern dauert auch kürzer."

Stephanie Mayer, 45, Pendlerin:

"Ich fände die Idee auf jeden Fall gut, wenn Zugabstände und das ganze System besser ausgebaut wären. Eine ÖPNV-Abgabe wäre dann eine vernünftige Steuer, auch um die Straßen zu entlasten. Früher bin ich mit dem Zug gefahren, aber inzwischen fahre ich Auto, weil ich damit schneller bin und sonst nicht rechtzeitig wieder in Freising wäre, um die Kinder abzuholen. Klar ist ab und zu Stau, aber trotzdem: In dem Verlag, bei dem ich in München arbeite, habe ich eine Garage und von Garage zu Garage brauche ich eine halbe Stunde. Mit dem Zug eineinviertel Stunden."

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