SZ-Serie: Wortschatz, Folge 1 Die Wörtersammlerin

Die junge Lyrikerin Nora Zapf setzt nicht auf Gefälliges. Sie mag sperrige Verse

Von Nicole Graner, Neuhausen

Die Lyrikerin Nora Zapf hat 2017 das Literaturstipendium der Stadt München bekommen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es regnet nicht durch das Dach. Auch der Regenschirm fehlt, der das Manuskript des armen Poeten vor Tropfen schützt. Spitzwegs berühmtes Gemälde huscht nur kurz durch die Gedanken, als man die Wohnung von Nora Zapf betritt. Nicht weil es dort so karg wäre. Totzdem erinnert man sich an die winzige Kammer im Bild, auf deren Holzfußboden sich Bücher stapeln. Was die Bücher betrifft, sieht es auch so aus in der Wohnung der Münchner Lyrikerin: Bücher in Regalen, auf dem Fußboden, verstreut, gestapelt, aufgeschlagen, irgendwo dahinter gerutscht. Sie wohnt seit drei Jahren mit ihrem Lebensgefährten Daniel Bayerstorfer zusammen in Neuhausen, der selber in der Küche an einem kleinen Holztisch einen Roman schreibt.

"Die Eiche ist aus den Zweigen gefallen, Nadel für Nadel . . ." Mit Kreide steht ein lyrischer Vers auf der hinter der Küchenzeile angebrachten Tafel. Ein bisschen verwaschen, und unvollständig. "Ja", sagt Nora Zapf, "da fehlt noch was", und vervollständigt den Vers. " . . . in den Teich." Im Moment stehen da die Zeilen des in Österreich lebenden Lyrikers Oswald Egger, aber alle paar Wochen stünden da neue Kreideverse. Je nach Stimmung, je nach Vorliebe. Die Küche ist der Mittelpunkt der Wohnung. Rote Wände, rote Couch, Plakate an den Wänden, ein aufgeschnittenes Brot auf der Anrichte. Hier wird gedichtet, gegessen, sich ausgetauscht. Kaffee verhilft zu neuen Gedankensprüngen, zu einer Pause, in der die gerade geschriebenen Worte nachklingen können. Worte, die sich im Sinne der 33-jährigen Autorin ständig wandeln müssen, um am Ende einen Klang zu erzeugen. "Rost" ist ein solches Wort oder "Kaffeesatz". "Beide", beschreibt Zapf, "symbolisieren das, was übrig bleibt". Das eine mehr die verschwundene Zeit, das andere die Zukunft. Kaffeegeschichten hat sie daraus gemacht, jeden Tag im Kaffeesatz gelesen. "In deiner iris ist ein zug ankam der war in dämmrung aufbrochen. in gawah steigen leute aus, flirren in versch-richtungen, richtig od. falsch." So beginnt ihr erstes Gedicht, an einem Montag geschrieben, im Lyrikband "Rost und Kaffeesatz", der 2018 herauskommt. Es sind kleine Experimente, wie die 1985 in Paderborn geborene Lyrikerin sagt und lacht. Wohlwissend, dass sie die ganze Aufmerksamkeit des Lesers erfordern. Sperrige Verse? Ja, vielleicht. "Eher gebrochene", sagt Zapf. "Die Verben, die grammatikalisch nicht passen, brechen die Zeit."

Dichtung und Nachhall auch in der Küche: Wechselnde Verse auf der Tafel beflügeln die Inspiration.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Werden wieder viele geliebt haben müssen was andere s. verloren. umso schlimmer ihr stets schweigen das s. für tag für tag an den spiegel gemalt ausnimmt: ein gesicht mit falten, kl. hübsche fältchen, die zu augen s. aufschwingen, von stunden formiert zu fragezeichen." Texte, die sich in Beliebigkeit verlieren, sind nicht die Sache von Nora Zapf. "Immer das gleiche Sujet, so etwas langweilt mich. Ich mag es, wenn Texte kompliziert sind." Die Frau mit dem wachen, fröhlichen Blick weiß genau, was sie ausdrücken möchte. "Ich bin nicht gut im Figurendenken, mein Denken geschieht in Bildern." Man liest also das erste Gedicht, den Montags-Kaffeesatz, noch einmal. Tatsächlich formen sich ihre Worte zu einem Foto, alltägliche Erlebnisse wie das Zugfahren, ein Spaziergang, ein Kinobesuch werden zu Skizzen.

Ein Notizbuch hat Nora Zapf immer dabei.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zug fahren muss Nora Zapf oft. Sie ist Dozentin am Romanistischen Institut der Universität Innsbruck für lateinamerikanische Literatur. Ihre Sprachen sind Spanisch und Portugiesisch. Die Fahrten von München nach Innsbruck und zurück sind Sammelfahrten - nach Wörtern, nach Bildern, die, wie sie sagt, die Welt "erfahrbar" machen. Sie schreibt sie in ihr Notizbüchlein, das sie immer mit sich trägt. Streicht Worte, sucht nach neuen. Das Extrakt gibt sie später in den Computer ein. Was nicht heißt, dass es dann dabei bliebe. Viele Bearbeitungsprozesse gibt es, sagt die 33-Jährige. "Ein Gedicht ist nie ganz fertig, fertig für die Veröffentlichung ja, aber nicht für mich." Wandlung oder besser Verwandlung ist eines ihrer Themen. Die Veränderung des Ichs, der Welt. Das Bleiben und Vergehen. Ovids Metamorphosen, Kafka - natürlich sind das für sie literarische Lieblinge. Vielleicht auch geistige Vorlage für ihren neuen Gedichtband, der gerade erst vor ein paar Wochen erschienen ist. "Homogloben" nennt Nora Zapf ihn. Minotaur, Cyborg, Sphinx oder Golem - ihre Wesen sind am Ende wir selbst in einer existenzbedrohten Welt. "Das meer röchelt mit kleinen lünglein, zünglein lecken sacht am ende der grenze der macht. . ."

Dass sich die Münchner Lyrikerin mit acht Jahren für Lyrik interessiert, mit 15 Jahren zu schreiben beginnt, ist naheliegend. Das Haus war voller Bücher, die Mutter hat vorgelesen. Erst werden Tagebücher gefüllt, dann erste Gedichte geschrieben. Niemandem erzählt sie von ihrer Leidenschaft. Erst viel später. Nachdem sie zum ersten Mal in der Lesereihe "meine drei lyrischen ichs" ihre Texte vorgelesen, sich der Kritik gestellt hat. "Das war ein krasser, ein schmerzhafter Prozess, die Kritik anzunehmen und umzusetzen", erinnert sich Zapf. Von da an weiß sie, dass sie sich Lyrikerin nennen möchte. Heute organisiert sie die Lesereihe mit und den "Großen Tag der jungen Münchner Literatur". 2017 erhält sie das Literaturstipendium der Stadt München.

Gerade erst ist "Homogloben" erschienen. Auf dem Schreibtisch liegt schon wieder eines ihrer Notizbücher, das sie mit Wortbildern füllt. Sie sinniert und blickt aus ihrem Fenster mitten in ein hell erleuchtetes Computergeschäft. Sehr clean, sehr weiß. Nichts für Nora Zapf, die lieber abtaucht. Besonders dann, wenn Texte fertig geworden sind. Dann muss sie mit ihnen alleine sein, "sich selbst haben".