Erst vor ein paar Tagen war eine alleinerziehende Mutter bei ihr. „Sie war total verzweifelt“, erzählt Regina Simnacher von der Sozialen Beratung der Freisinger Caritas. „Ihr drohte die Stromsperre, wenn sie nicht innerhalb von vier Tagen weit über 2000 Euro an ihren Versorger zahlt.“ Der Fall der jungen Mutter sei zwar extrem, aber kein Einzelfall: In einem ohnehin kostspieligen Landkreis wie Freising seien die steigenden Energiepreise und explodierenden Lebenshaltungskosten für immer mehr Menschen nicht mehr zu finanzieren. Immer mehr suchen sich Hilfe in der Sozialen Beratung.
SZ: Wie haben sich die Zahlen zuletzt entwickelt?
Regina Simnacher: Die Tendenz ist stark steigend. 2014 hatten wir noch vier Anfragen pro Woche. Inzwischen sind es täglich sechs. Wir haben aber nur 33 Wochenstunden für diese Beratung, vor ein paar Jahren waren es noch 42 – neun fielen den Kürzungen zum Opfer. Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass es Wartezeiten von bis zu vier Wochen gibt – leider. Das ist für die Betroffenen, die in einer existenziell bedrohlichen Lage sind, irrsinnig lang.
Welche Menschen kommen zu Ihnen?
Zuletzt viele Seniorinnen und Senioren. Sehr häufig sind es Frauen, die kein lückenloses Erwerbsleben hatten und deshalb eine nur sehr geringe Rente beziehen. Viele Alleinerziehende – auch hier sind es vor allem die Mütter. Menschen in Wohnungsnot oder mit multiplen Belastungen, aber auch Familien. Erst vor Kurzem war eine bei mir: Der Vater arbeitet in Vollzeit im Niedriglohnsektor und hat zusätzlich einen Minijob, die Mutter jobbt auch, aber das Geld reicht einfach nicht aus. Auffällig ist, dass die Klienten in den meisten Fällen nicht mehr nur ein Problem haben, sondern es geht immer häufiger um eine multikomplexe Problemlage. Also beispielsweise Schulden plus psychische Erkrankung plus drohende Arbeitslosigkeit.
Sie haben gerade die alten Menschen angesprochen: Obwohl viele ihr Leben lang gearbeitet haben, reicht die Rente nicht aus?
Ja, viele suchen sich tatsächlich im Alter noch einen Minijob, helfen beispielsweise in Supermärkten beim Auffüllen der Regale. Bei den alten Menschen muss man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Die Hürde, sich Hilfe zu suchen, ist gewaltig, die Scham sehr groß. Viele glauben, sie müssen es irgendwie alleine schaffen und sparen eisern. Die drehen dann im Winter auch bei Kälte kaum die Heizung hoch und legen sich früh ins Bett. Oder essen tagelang nur Nudeln, weil das billig ist. Wir verweisen zwar die Senioren wie auch viele andere unserer Klienten an die Tafel Freising, aber auch deren Kapazitäten sind erschöpft. Dort gibt es seit Längerem einen Zwei-Wochen-Rhythmus – das bedeutet, dass sich dort jeder Kunde nur noch jede zweite Woche mit Lebensmitteln versorgen kann. Auch das hilft natürlich, deckt aber nicht jeden Bedarf ab. Wir selbst haben auch Notrationen zum Ausgeben, diese sind aber immer sehr schnell verteilt.

Wie helfen Sie Ihren Klienten konkret?
Es gibt verschiedene Stellschrauben, die wir auch alle nutzen. Das beginnt oft mit einem gemeinsam erstellten Haushaltsplan, um zukünftig den Überblick über die Finanzen bewahren zu können. Je nach Fall vermitteln wir an andere Ansprechpartner, fast immer ist das die Schuldnerberatung. Viele meiner Klienten wissen auch gar nicht, dass sie Ansprüche auf eine staatliche Leistung haben. Das Teilhabe- und Bildungspaket für Familien ist beispielsweise kaum bekannt. Und falls doch: Die bürokratischen Hürden, um eine Unterstützung zu bekommen, sind für viele sehr hoch, viele sind damit überfordert. Ich unterstütze sie bei der Beantragung.
Reichen die staatlichen Leistungen denn aus?
Die Frage ist schnell beantwortet: nein. Der Regelsatz des Bürgergelds für alleinstehende Erwachsene beträgt derzeit 563 Euro, bei einem Ehepaar bekommt jeder 506 Euro. Die angemessenen Kosten für die Unterkunft werden vom Jobcenter übernommen. Stromkosten dagegen müssen vom Regelsatz bezahlt werden, genauso wie der Telefonanschluss und natürlich Lebensmittel und Kleidung. Also viel sind 563 Euro im Monat da nicht. Im Paritätischen Armutsbericht 2024 heißt es übrigens, dass ein Alleinstehender mindestens 813 Euro monatlich bekommen müsste, um vernünftig über die Runden zu kommen.
Die Verzweiflung ist bei vielen sicher sehr groß?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche sind spürbar am Ende, weinen – andere sind zumindest nach außen hin gefasst. In einer sehr schwierigen Situation sind definitiv alle. Es hilft vielen aber schon, das Gefühl zu haben, dass ihnen jemand zuhört und versucht zu helfen. In absolut existenzbedrohenden Situationen können wir auch mit Spendengeldern eine Soforthilfe leisten, aber nur bis zu einer bestimmten Höhe. Inzwischen stellen wir deutlich mehr Anträge für Spenden- oder Stiftungsgelder als früher.
Die Klientenzahlen steigen, Ihre Stunden reichen jetzt schon nicht aus. Eigentlich müsste die Sozialberatung doch ausgebaut werden, aber nun droht ihr sogar erneute Kürzungen. Wie ernst ist es?
Wir bieten ein sehr niedrigschwelliges Angebot, ein Türöffner zu Hilfe und Beratung. Jetzt ist diese Beratung akut bedroht. Dass soziale Träger drastisch unterfinanziert sind, ist zwar nichts Neues. Aber zuletzt wurden die Kürzungen immer größer, immer mehr Kosten bleiben ungedeckt. Wenn es uns aber nicht mehr gibt, fehlt eine wichtige Anlaufstelle für Menschen in Not. Schon jetzt steigen die Klientenzahlen massiv, unsere Möglichkeiten zu helfen aber werden nicht mehr.
Frau Simnacher, wissen Sie denn inzwischen, was aus der jungen alleinerziehenden Mutter, von der Sie zu Beginn erzählt haben, geworden ist?
So kurzfristig konnten wir die Stromsperre leider nicht mehr abwenden. Inzwischen sitzen sie und ihr Kind wahrscheinlich im Dunkeln. Aber wir versuchen natürlich, ihr zu helfen, ein Termin mit der jungen Mutter ist bereits vereinbart.
So können Sie spenden
Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind im SZ Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1.OG., Marienplatz 11, möglich. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr. Sicher online spenden können Leserinnen und Leser im Internet unter www.sz-gute-werke.de.


