Süddeutsche Zeitung

Martin Bartl in Sünzhausen:"Es gibt noch 100 Schwarze Bergschafe in Bayern - wir haben 40 davon"

Nebenerwerbslandwirt Martin Bartl findet Schafe faszinierend. Darum hat er sogar den Job gewechselt.

Interview von Petra Schnirch, Freising

Drei Rinder der robusten Rasse Murnau-Werdenfelser beweiden derzeit in einem Pilotprojekt eine Fläche im Freisinger Moos. Die Tiere gehören Martin und Evi Bartl aus Sünzhausen, Landwirte im Nebenerwerb, in erster Linie aber halten sie Schafe. Seit gut einem Jahr beschäftigt sich Martin Bartl als Geschäftsführer des Landesverbands Bayerischer Schafhalter auch hauptberuflich mit der Schafhaltung und Beweidungskonzepten. Die SZ sprach mit ihm über den Jobwechsel und die Vorteile einer Landschaftspflege durch Tiere.

SZ: Sie haben lange in der Sparkasse in Freising gearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen, den Job an den Nagel zu hängen und sich auch beruflich ganz dem Thema Schafhaltung zu widmen?

Martin Bartl: Schon als ich fünf Jahre alt war, wollte ich Schafe haben und habe sie dann auch bekommen. Seitdem habe ich mich der Schafzucht verschrieben, vor allem den bedrohten Rassen, das war schon immer Hobby und ein bisschen Leidenschaft von mir. Wir haben drei davon am Hof, das Braune, das Schwarze und das Weiße Bergschaf. Als Quereinsteiger habe ich auch die Schäferausbildung gemacht, parallel zu meiner Arbeit in der Sparkasse. Als dann die Stelle im Landesverband Bayerischer Schafhalter ausgeschrieben war, hat mich das einfach gereizt. Die Kombination meiner bisherigen kaufmännischen Tätigkeit und die Verbindung zur Schafzucht - das hat ganz gut gepasst.

Der Wechsel war für Sie also kein so großer Schritt?

Ich habe mich im Ehrenamt schon immer in dieser Richtung engagiert und für Beweidungskonzepte interessiert, drum war ich in dem Thema schon drin. Am Anfang war es ungewohnt, weil ich in Freising sehr verwurzelt bin. Aber der jetzige Job ist sehr breit aufgestellt und sehr interessant, denn es geht auch viel um politische Themen.

Was fasziniert Sie so an Schafen?

Es heißt immer, das ist der Schafvirus. Mein Großonkel hatte Milchschafe, das war für mich einfach faszinierend. Wir haben jetzt ungefähr 70 Muttertiere mit Nachzucht, die Schafe haben zum Schäfer eine ganz enge Bindung, auch zu unseren Kindern schon. Wenn sie unsere Stimmen hören, dann kommen sie, es ist ein wahnsinniges Vertrauen da. Uns gefällt auch die Zucht und die Arbeit für die bedrohten Rassen. Von den Schwarzen Bergschafen gibt es noch 100 Stück in ganz Bayern, wir haben 40 davon. Das ist natürlich auch eine Herausforderung: Wir wollen die Rasse bekannter machen und neue Betriebe mit aufbauen. Es ist schön, wenn man sieht, dass man andere Leute dafür begeistern kann.

Was ist das Besondere an diesen alten Schafrassen?

Sie waren in Bayern seit Jahrhunderten heimisch, vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die Rassen dann relativ dezimiert, weil man im Dritten Reich eine Einheitsrasse haben wollte. Gott sei Dank hat es Betriebe gegeben, die sich dagegen gewehrt haben und Restbestände behalten haben. Das Besondere ist: Die Tiere sind extrem angepasst an unsere Gegend, sie kennen das Klima, sind total robust, brauchen wenig Kraftfutter, kommen mit dem zurecht, was auf der Wiese wächst. Unsere Rassen haben außerdem braune, schwarze Wolle, daraus wird Naturloden gemacht, der ist sehr atmungsaktiv, nimmt viel Feuchtigkeit auf, man muss ihn nicht färben. Das ist wieder sehr im Kommen. Anders ist das bei der weißen Wolle. Der Markt ist zusammengebrochen.

Sie setzen sich sehr für Beweidungskonzepte ein. Was können Tiere besser als der Mensch?

Für den Deichschutz zum Beispiel ist es wichtig, dass eine dichte Grasnarbe entsteht, dafür muss eine intensive Beweidung stattfinden. Das heißt, das Gras muss oft abgefressen werden, mit Maschinen wäre die Pflege sehr teuer. Und das Besondere bei der Tierbeweidung ist, dass kein zu großer Bodendruck entsteht, der die Grasnarbe schädigt. Es ist wie eine leichte Walze und festigt den Untergrund. Und man tut etwas für die Biodiversität, weil bei Schafen viel Samen und Kleininsekten durch die Wolle transportiert werden. Weil die Tiere von Weide zu Weide getrieben werden, vernetzen sie Biotope miteinander und verbreiten die Pflanzen.

Sind Ihre Schafe auch im Einsatz?

Ja, wir pflegen das tertiäre Hügelland mit seinen relativ steilen Flächen und Photovoltaikanlagen, wir übernehmen die Moorbeweidung, also Flächen, die schwer zu mähen wären. Wir haben einen sehr großen Hänger. Immer wenn der kommt, wissen die Schafe, dass es wieder Arbeit gibt - und sie machen das gern. Man muss eher schauen, wenn man die Klappe aufmacht, dass sie nicht zu stark reindrücken.

Zurzeit pflegen drei Ihrer Rinder eine Fläche im Freisinger Moos, das ist ein Pilotprojekt. Glauben Sie, dass das in den nächsten Jahren Schule machen könnte?

Ja, wir hoffen sehr. Mein Vater hat vor 20 Jahren mit der Beweidung im Moos wieder angefangen, das war ganz zum Erliegen gekommen. Er wusste noch von früher, dass das gut funktioniert hat, im Herbst wurden die Rinder ins Moos getrieben. Diese spezielle Beweidung in Nassflächen ist eher ungewöhnlich, aber ich bin überzeugt, dass wir gute Effekte feststellen. In Freising gehören viele solcher Flächen der Stadt, dem Landkreis oder auch dem Flughafen. Mein Wunsch wäre, dass diese wieder durch mehr Beweidung gepflegt werden. Ich bin überzeugt, dass sie eine viel größere Artenvielfalt aufweisen.

Sonst würde eine Verbuschung drohen?

Im Moos hat man gesehen: Die Weide ist eine sehr invasive Pflanze, die man früher gern in Moorlandschaften angebaut hat. Nach einigen Jahren sind die Flächen zugewachsen. Außerdem trocknen sie noch stärker aus, weil die Weiden relativ viel Wasser nach oben transportieren. Gerade in heißen Jahren wie 2018/19 werden sie extrem entwässert. Die Kombination einer Beweidung mit Rind und Schaf funktioniert dort sehr gut. Auch in Gegenden wie dem Altmühltal oder den Alpen würde es ohne diese Landschaftspflege überhaupt nicht gehen.

Kann dies in Zukunft auch eine wirtschaftliche Perspektive für Landwirte sein?

In den großen Schäfereien ist es schon jetzt so, dass die Haupteinnahmequelle der Vertragsnaturschutz ist. Bei kleineren Projekten ist das extrem schwierig, da ist der Aufwand fast größer als die Einnahmen, aber es ist ein Versuch. Ich hoffe, dass man das auch mal in einem größeren Umfang machen kann und das dann entlohnt wird. Selbst bei unseren großen Betrieben arbeiten alle - dazu gibt es eine Studie, die vom bayerischen Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde - umgerechnet auf die Arbeitszeit unter Mindestlohnniveau. Die Entlohnung allein durch Fleisch ist zurzeit sehr gering, der Verdienst müsste wirklich über die Landschaftspflege kommen.

Wo im Landkreis wird Landschaftspflege durch Schafe betrieben?

Im Landkreis wird derzeit der Isardeich bei Moosburg von Schafen beweidet, außerdem die Radarstation in Haindlfing, der Landschaftspflegeverband ist im Ampertal sehr aktiv. Es wäre schön wenn es mal Betriebe geben würde, die das in größerem Umfang machen. Ich glaube, dass das ein großer Gewinn wäre.

Wollen Sie Ihren Betrieb noch weiter ausbauen?

Das wird ein Nebenerwerb bleiben. Ich bin beruflich in ganz Bayern und Deutschland unterwegs, da lastet viel auf meiner Frau. Es ist jetzt schon sehr aufwendig, vor allem wenn die Schafe lammen und 140 Lämmer da sind. Unser Ziel wäre ein Stallbau mit 100, 200 Tieren - und uns reizen spezielle Projekte wie im Freisinger Moos, die etwas zeitintensiver sind und wo man Pionierarbeit machen muss. Wer weiß, was die Zukunft bringt.

Ist die ganze Familie schon mit dem Schafvirus infiziert?

Evi Bartl: Ja, unsere Kinder sind auch schon ziemlich dabei. Sie füttern die Flaschenlämmer und beim Umtreiben der Herde kommen sie mit ihren Schäferstecken (lacht).

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Quelle:
SZ vom 14.09.2020/nta
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