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Studie:Milliardenschäden durch späten Frost

Der Klimawandel bringt mehr Kälteeinbrüche im Frühjahr mit sich - eine zusätzliche Bedrohung für die Wälder und die Landwirtschaft

Von Petra Schnirch, Freising

Der Klimawandel beschert uns nicht nur heißere und trockenere Sommer, sondern auch andere Wetterextreme wie mehr Kälteeinbrüche im Frühjahr. Das zeigt eine internationale Studie, an der auch Wissenschaftler der TU München (TUM) in Weihenstephan mitgewirkt haben. Mit einer Zunahme von Spätfrösten im Frühjahr - und den damit verbundenen Schäden - ist auch in der Region um Freising zu rechnen: Die Wälder liegen laut Forstexperte Hans Pretzsch in einem der Bereiche, die wohl häufiger von diesem Phänomen betroffen sein werden. Pretzsch leitet den Lehrstuhl für Waldwachstumskunde an der TUM.

In den gemäßigten Breiten in Europa und Asien seien die Bäume nicht an diese Art der Temperaturschwankungen angepasst. Im Gegenteil: "Durch die zunehmende Erwärmung wird es im Frühjahr frühzeitig warm und die Bäume bekommen ihre Blätter. Das erhöht jedoch das Risiko, dass die Bäume durch Spätfrost im Frühling schwere Schäden erleiden, da junge Blätter anfälliger für Frost sind", erklärt der Weihenstephaner Professor. Diese Kälteeinbrüche seien eine Bedrohung für die Ökosysteme, aber auch für die Landwirtschaft. In den vergangenen Jahren habe es beim Hopfen und im Obstanbau bereits erhebliche Schäden durch Spätfröste gegeben. Und "das wird vermutlich zunehmen", sagt Pretzsch. In diesem Jahr klagen vor allem die fränkischen Weinbauern über Einbußen. 2017 litten auch viele Obst- und Waldbäume in der Region unter den Folgen eines solchen Kälteeinbruchs.

Mehrere hundert Versuchsflächen untersucht die TU auf den Effekt von Umweltveränderungen

Die TU München unterhält laut Pretzsch seit über 150 Jahren mehrere hundert Versuchsflächen für die Bayerische Forstverwaltung. Auf diesen könne man "den Effekt von Umweltveränderungen auf das Wachstum und die Vitalität von Bäumen beobachten". Bayern verfüge so über eine "einzigartige Datenbasis". Denn nur mit langfristigen Messungen könne man aufzeigen, wie sich das Waldwachstum verändert.

Pretzsch ist Gründungsmitglied der "Global Forest Biodiversity Initiative". Diese trug in den vergangenen Jahren weltweit Informationen von etwa einer halben Million Messflächen im Wald zusammen. Dies ermögliche einen guten Überblick über Wachstum, Schäden oder Kohlenstoffspeicherung in den Wäldern. Der Weihenstephaner Forstexperte lieferte dazu Daten aus Deutschland. In der Studie wurden die stündlichen Temperaturen auf der ganzen Welt über einen Zeitraum von 60 Jahren analysiert und fast 1500 Pflanzenarten auf ihre Frostempfindlichkeit hin untersucht.

Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm: 2017 verursachte ein einziger Spätfrost Verluste von 3,3 Milliarden Euro

Auf diese Weise konnte nachgewiesen werden. "dass das Auftreten solcher Spätfrühlingsfröste zunimmt", sagt Pretzsch - gerade auch in Gebieten, in denen es dieses Phänomen bisher nur selten gab: etwa an einigen Küstenabschnitten und in östlichen Teilen Europas sowie in Ostasien. Viele Bäume dort seien sehr "opportunistisch", wie es Pretzsch nennt, sie treiben schon nach kurzen Erwärmungsperioden aus. Aufgrund der Ergebnisse der Studie erwarten die Forscher, dass etwa 35 Prozent der europäischen Wälder in den gemäßigten Breiten anfälliger für Frühjahrsfröste werden.

Dies wiederum habe einen nachteiligen Effekt für das Klima, da die Pflanze durch die Blattschäden weniger Fotosynthese betreiben könne, schildert der Weihenstephaner Wissenschaftler. Denn sie könne dadurch weniger Kohlenstoff aufnehmen und "trägt somit zu einem Anstieg des Kohlenstoffs in der Atmosphäre bei".

Auch die wirtschaftlichen Schäden können nach seinen Worten enorm sein: "Allein ein einziger Spätfrost im Frühjahr 2017 verursachte in Europa ökonomische Verluste von 3,3 Milliarden Euro, von denen nach Angaben der Münchner Rückversicherung nur 18 Prozent versichert waren."

Publikation: Late spring-frost risk between 1959 and 2017 decreased in North America, but increased in Europe and Asia, Zohner, C. M. Pretzsch H. et al., PNAS, Mai 2020 (www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1920816117).

© SZ vom 22.05.2020/lada

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