Studenten betreuen Flüchtlinge Raus aus dem Hörsaal

Astrid Lux-Endrich (links) vom Dekanat des Wissenschaftszentrums Weihenstephan leitet das Seminar.

(Foto: Lukas Barth)

An der TU in Freising kümmern sich 56 Studenten als so genannte "Tandempartner" jeweils um einen jungen Flüchtling. Inzwischen ist daraus ein reguläres Lehrangebot samt Prüfung und Zertifikat geworden

Von Katharina Aurich, Freising

Sie wollten nicht länger nur in Vorlesungen sitzen und für Prüfungen lernen, sondern aus der Hochschule herausgehen und Flüchtlinge unterstützen. Dieser Wunsch einiger Studenten fiel an der TU München in Freising auf fruchtbaren Boden - inzwischen ist daraus unter der Leitung von Astrid Lux-Endrich vom Dekanat des Wissenschaftszentrums Weihenstephan sowie Pfarrerin Anne Lüters eine Lehrveranstaltung mit Prüfung und Abschlusszertifikat geworden. Das Wichtigste ist jedoch, dass die Studenten nicht nur einen "Tandempartner" für das Projekt fanden, sondern intensive Freundschaften zwischen ihnen und jungen Flüchtlingen entstanden sind, die womöglich viel länger dauern, als nur ein Semester.

Der Kontakt zu den Flüchtlingen kam über die Freisinger Helferkreise zu Stande. Im Sommersemester startete das Pilotprojekt, über das Internet wurden Studenten gesucht, die neben ihrem Studium Zeit mit Flüchtlingen verbringen wollten. "Die Resonanz war überwältigend", erinnert sich Lux-Endrich: "Wir mussten die Liste nach 24 Stunden wieder schließen, als sich bereits 56 Studenten angemeldet hatten, 60 stehen auf der Warteliste." Diese Zahlen widersprächen dem gängigen Bild, dass Studenten unpolitisch seien und sich nur auf ihr Studium konzentrierten, betont Lux-Endrich, die nach einem Semester Laufzeit hofft, dass das Projekt im Wintersemester in eine neue Runde starten kann.

Annemarie Krauss und Maria Lehnardt studieren Biologie, Christian Metz Agrarwissenschaften. Die drei begeisterten sich sofort für das Seminar mit dem sperrigen Titel "Integration und Gesellschaftsprozesse mit Asylsuchenden". Zunächst machten sie sich fit für ihre Aufgabe als Betreuer, Ansprechpartner und Anker für junge Flüchtlinge bis 22 Jahre, die in Freising leben. Der theoretische Teil umfasste vier Tage Vorlesungen zu Themen wie politische Hintergründe für Flucht, rechtliche Grundlagen und Verfahrensabläufe für die Anerkennung sowie Diversity-Kompetenz.

Schließlich lernten die Studenten in den Räumen der Hochschulgemeinde ihre Tandempartner kennen. "Wir haben uns auf Deutsch, Englisch und mit Händen und Füßen verständigt", erinnert sich Annemarie Krauss. Ihre 20-jährige Tandempartnerin stammt aus Nigeria, sie treffen sich einmal in der Woche zum Deutschunterricht oder gehen gemeinsam in den Staudengarten. "In der Flüchtlingsunterkunft geht es meist laut und quirlig zu, meine Partnerin sehnt sich nach Ruhe, deshalb zeige ich ihr die Orte in Freising nicht weit vom Containerdorf, wo sie hin laufen und in Ruhe sein kann", schildert die Biologiestudentin. Christian Metz nimmt seinen Partner, einen 18-jährigen jungen Mann aus Afghanistan, oft mit zum Sport. Zur Sprache kämen kulturelle Fragen, wie man sich im Alltag verhalte, aber das Wichtigste sei für ihn, gemeinsam Spaß zu haben, sagt Metz. Aber er erfahre auch, dass den jungen Leuten, die es geschafft haben, die Krisengebiete zu verlassen, ihre Familien fehlten und sie oft Heimweh hätten. Maria Lehnardt trifft ihren Partner, einen jungen Mann aus Syrien, mindestens einmal in der Woche, meist in den Räumen der Hochschulgemeinde. Dort gibt es auch eine Küche, wo Flüchtlinge und Studenten gemeinsam kochen. Lehnardts Partner hat inzwischen Gasthörerstatus an der TU. Sie besprechen Fragen zu Religion, aber auch, wie man junge Frauen charmant anspricht, schließlich wolle er nicht ins Fettnäpfchen treten, schildert Lehnardt.

Als Abschlussarbeit für dieses besondere Seminar erstellen die Studenten Flyer, die über scheinbar banale Themen wie Abfalltrennung, Tischsitten oder das Verhältnis Mann/Frau aufklären und Flüchtlingen vielleicht manches erklären und erleichtern. Auch eine App "Integreat", mit vielen praktischen Informationen wie Ämteröffnungszeiten und Ansprechpartner, die es bereits in Augsburg gibt, wird zurzeit von Studenten in Kooperation mit dem Landratsamt für den Landkreis erarbeitet. "Wir erweitern unseren Horizont, erfahren viel aus anderen Teilen der Welt und sind persönlich reicher geworden," sind sich die drei Studierenden einig.