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Stolze Preise in der Moosburger Neustadt:Vorbildliche Öko-Siedlung in der Kritik

Im Stadtrat fürchtet man zusätzlichen Verkehr und ist sauer, dass die Stadt den geplanten Kindergarten nun doch selbst bauen soll

475 000 Euro für knappe 90 Quadratmeter, ein stolzer Preis für drei Zimmer in der Neustadt. Doch die Verkäufer haben gute Argumente für ihre 34 neuen Wohnungseinheiten: Sie sollen sich - zumindest, was die Energieversorgung angeht - fast komplett selbst versorgen. Deshalb überrascht es auch nicht, dass ein Großteil der Häuser bereits vor Baubeginn vergeben war. Immerhin: Die Drei-Zimmer-Wohnung ist noch zu haben.

Citrin Solar ist kein Noname im Landkreis Freising. Seit 2002 produziert das Unternehmen Solaranlagen in Moosburg. Umso mehr dürfte es die Stadt freuen, dass die heimische Firma auf ihrem 1,2 Hektar großen Grundstück neben der CS-Zentrale nun Wohnraum für 34 Parteien schafft. Auf der Fläche, die etwas mehr als der Rasenfläche der Allianz-Arena entspricht, sollen unter anderem auch ein Spielplatz sowie ein städtischer Kindergarten gebaut werden. Wohnen werden in dem Quartier sowohl Familien als auch kinderlose Paare und Singles. Mit dem modernen Neubauprojekt stampft Citrin Solar eine komplette Siedlung für sich aus dem Boden - das nachhaltige Wohnquartier in Moosburg, wie es im Werbeprospekt betitelt wird. Energieautark sind die Häuser durch Fotovoltaikanlagen mit Akkuspeicher sowie einem Nahwärmenetz mit Solarthermie und Biomasse. Zudem wird es ein quartierseigenes Carsharing E-Auto inklusive E-Schnellladestation geben. Als Zuckerl oben drauf gibt's Glasfasernetz.

Klingt soweit alles nachhaltig, zukunftsorientiert und vorbildlich - wären da nicht die kritischen Stimmen zum Sonnenquartier. So machte Ex-Stadtrat Erwin Köhler (UMB) jetzt bekannt, dass die Stadt besagten Kindergarten selbst bauen muss, weil der Investor, obwohl es vertraglich festgeschrieben war, dieser Pflicht wohl nicht nachkommen will. Alfred Wagner, der für die Grünen im Stadtrat sitzt, bringt einen weiteren Kritikpunkt vor. Er befürchtet eine Belastung für die Straßen in der ohnehin schon dicht bebauten Neustadt: "Die Sonnenhaussiedlung wird dies natürlich verstärken." Hinzu kämen die vielen Neubauten in der benachbarten Sudetenlandstraße.

Hanns Koller, ehemaliger Geschäftsführer bei Citrin Solar, betreut das Projekt seit knapp fünf Jahren. Er lobt die Zusammenarbeit mit Moosburgs Verwaltung: "Die Kooperation hat stets gut funktioniert." Und die Stadt schmücke sich "schon gern mit unserem Leuchtturmprojekt", so Koller - gleich, wenn es von privater Hand gestemmt werde. Ein Vorteil im Konzept der Sonnenhäuser: Citrin Solar ist nicht nur Bauherr, sondern auch Hersteller. Die Energieversorgung der Wohnhäuser kann so gut im Auge behalten werden.

Defizite in der Rohstoffkette zeigt der beauftragte Architekt Rudolf Heinz auf: "Mit dem Bauen beginnt die Produktionskette, und damit auch die Frage nach den Rohstoffen." Diese würden fast ausschließlich aus der Region angeliefert. So produziert das Bucher Unternehmen Leipfinger Bader die Ziegelsteine für die Sonnenhäuser.

Großer Wert wurde zudem auf Nachhaltigkeit gelegt. So sollen alle Produkte nach dem Abbau der Häuser in ferner Zukunft recycelbar sein. "Nachhaltiges Bauen klingt nett, doch was steckt dahinter?", meint Heinz hierzu. Was er sagen will: Je weiter der Weg, den die Rohstoffe zurücklegen müssen, desto schlechter wird die Klimabilanz. Doch selbst bei Leipfinger Bader wisse er nicht, woher der Hersteller seine Rohstoffe für die Ziegel bekomme. Die Kette sei nicht transparent. Hierfür wären Zertifikate nötig, die es so momentan noch nicht gibt, meint Heinz. Schwer sei es außerdem, beim Bauen einzusparen: Die Preise würden stetig steigen, was die Freiheit beim Bauen erschwere. Deshalb müsse man sich mit Kompromissen abfinden: "Die Fläche, die einem zur Verfügung steht, muss man bewusst und intelligent ausnutzen", so Heinz.

Moosburgs Stadtplanung und Bauen hätten sich durch den Klimawandel bisher nicht wesentlich verändert, meint Bauamtsleiter Herbert Held: "Nur in unserem Neubaugebiet Amperauen hat der Stadtrat beschlossen, auf fossile Brennstoffe komplett zu verzichten." Haushaltsmittel wurden laut Held bislang nicht für klimafreundliches Bauen verwendet. Moosburgs Klimaschutzmanagerin Melanie Falkenstein nennt den bayerischen Verwaltungsapparat als eine der größten Hürden beim Thema Energiewende. Zudem fehle es an Personal in der Verwaltung und an Veränderung generell.

Die Moosburger Solarfreunde, die stets eng mit Citrin Solar zusammenarbeiten, befürworten das moderne Bauprojekt. Deutlichen Nachholbedarf sieht stellvertretender Vorsitzender Andreas Mayerthaler jedoch im Engagement der Stadt hinsichtlich der Energiewende: "Moosburg hat mit manchen Aktionen wie dem Bauen von PV-Anlagen zu lange gewartet, beispielsweise bei der neuen Obdachlosenunterkunft."

Zum Klimaimage Moosburgs meint Koller: "Beschlüsse sind nun dringend nötig, wenn die Stadt, wie beschlossen, bis 2035 komplett CO2-neutral sein möchte. Wer A sagt, muss auch B sagen." Die Nachfrage an den Sonnenhäusern jedenfalls sei hoch.

© SZ vom 05.05.2020

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