Gerade einmal zwei Stunden hat es gedauert, dann war schon der erste Storch da und hat neugierig den neuen Horst hoch über dem Kamin inspiziert. „Das ist eine neue, artgerechte Luxusunterkunft für unsere Störche“, sagt Uschi Schmidt-Hoensdorf, Vorsitzende des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz (LBV) Kreisgruppe Erding. Schmidt-Hoensdorf, eine 71-jährige pensionierte Juristin und Vogelexpertin, initiierte das Projekt, bei dem es um ein neues Zuhause für zwei Jungstörche in Dorfen ging.
Die beiden hatten bereits im vergangenen Jahr den Horst über einem Kamin eines Mehrfamilienhauses in Dorfen bezogen. „Der Kamin wird aber noch betrieben“, berichtet Schmidt-Hoensdorf. Die Störche saßen in ihrem Nest im Rauch und husteten. Eier haben sie zwar sogar noch gelegt - aber nicht ausgebrütet. „Die beiden haben dann den Horst verlassen. Ob es nur am Rauch lag, weiß ich nicht. Aber wohlgefühlt haben sie sich sicher nicht“, sagt Schmidt-Hoensdorf. Störche aber seien standorttreu, sie kommen immer wieder zurück. Tieren in Not müsse geholfen, eine Lösung gefunden werden.

Also beschloss der LBV Erding, den Störchen ein neues Zuhause zu bauen und veränderte den Nistplatz in Absprache mit der Oberen Naturschutzbehörde. Er wurde auf dem Kamin nach oben versetzt. Dafür wurde ein neuer, künstlicher Horst gefertigt: Auf einem Gestell wurde ein riesiger Metallkorb mit einer Schutzschicht aus Aluminium ummantelt und mit dünnen Holzstöcken befüllt. Das habe etwa 2500 Euro gekostet - und an den Kosten wäre das Projekt beinahe gescheitert, erzählt Schmidt-Hoensdorf.
Denn die beantragten Zuschüsse wurden nicht genehmigt. Der Freistaat habe die Mittel für Naturschutzmaßnahmen zuletzt drastisch gestrichen. „Das ist eine Katastrophe, wir sind nur noch am Schauen, wie wir Löcher stopfen können.“ Schmidt-Hoensdorf kam dann auf die Idee, in einer lokalen Zeitung einen Spendenaufruf zu starten - und war über den Erfolg selber überrascht: Innerhalb kurzer Zeit war die notwendige Summe zusammen. „Ich habe mich wahnsinnig darüber gefreut.“

Vor einer guten Woche wurde nun der Metallkorb mit einem Durchmesser von etwa 1,50 Meter mit einer Hebebühne der Feuerwehr Dorfen auf den Kamin gesetzt. Der aufsteigende Rauch sollte die Störche jetzt nicht mehr stören, sagt Schmidt-Hoensdorf. Wenn das Jungpaar vom vergangenen Jahr noch am Leben sei, werde es dort wieder einziehen. Die Nistplätze seien umkämpft. Im Landkreis fehlten Horste, insgesamt gebe es 13, drei davon allein in Dorfen, berichtet die Vogelschützerin.
Manche der Weißstörche versuchten im vergangenen Jahr deshalb auf Wiesen zu brüten, was wegen Beutegreifern wie Füchsen, Iltissen oder freilaufenden Hunden nicht optimal sei. Einige Nester und Jungvögel seien auch dem starken Regen zum Opfer gefallen. „Mangelnde Brutplätze sind ein limitierender Faktor“, sagt Schmidt-Hoensdorf. Sorgen mache sie sich aber keine, denn mittlerweile gebe es im Landkreis Erding wieder genügend Störche. Etwa 17 Brutpaare seien es inzwischen.
Das war aber nicht immer so. Lange Zeit waren die Störche in Deutschland vom Aussterben bedroht. In den Sechzigerjahren gab es kaum noch welche, berichtet Schmidt-Hoensdorf. Dann wurde ein länderübergreifendes Artenschutzprogramm mit Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz ins Leben gerufen. In den Jahren danach wurden Störche in Großvolieren gezüchtet und nach vier Jahren ausgewildert. „Das war sehr erfolgreich“, sagt die Vogelexpertin. Die nachfolgenden Generationen hätten sich den hiesigen Bedingungen angepasst. Das und der Klimawandel seien die wichtigsten Gründe, weshalb mittlerweile viele Störche in der kalten Jahreszeit in Deutschland bleiben. Im Landkreis Erding waren es zuletzt etwa 30 bis 40 Störche, die im Eittingermoos überwinterten. Heute gelte der Storch als nicht mehr als gefährdet. Etwa 2100 brütende Störche habe man zuletzt in Bayern gezählt.

Der Landkreis Freising biete historisch gesehen für Störche keinen geeigneten Lebensraum, sagt Manfred Drobny, Geschäftsführer des Bund Naturschutz Freising. Zur Jahrtausendwende gab es in der gesamten Region kaum ein Brutpaar. Das habe sich in den vergangenen Jahrzehnten aber verändert: „Die Lebensbedingungen haben sich für die Störche deutlich verbessert.“ So sei etwa das Biotop des Freisinger Mooses mithilfe gezielter Maßnahmen attraktiver geworden.
Im vergangenen Jahr seien alle sechs Horste im Landkreis besetzt gewesen, „ich gehe davon aus, dass das auch in diesem Jahr wieder so sein wird“, sagt Drobny. Der Horst auf dem Kamin der alten Versuchsbrennerei auf dem Weihenstephaner Berg sei bereits seit einigen Wochen von zwei Störchen belegt, auch in der Innenstadt habe er im Horst in der Nähe des Kriegerdenkmals schon zwei klappernde Störche gesehen, berichtet Drobny.
Im Landkreis Freising gebe es inzwischen eine gefestigte Population. „Viele der Störche überwintern mittlerweile hier“, sagt Drobny. Auf dem Gelände der Wurzer Umwelt GmbH finden die Störche ausreichend Nahrung. Manche aber ziehen noch immer in wärmere Gefilde. Dann aber häufig nicht mehr nach Afrika, bei einer Reise, die mit großen Verlusten verbunden ist, sondern nach Spanien.

