Verkehrspolitik in FreisingJeder denkt zuerst an sich

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Zwischen Gehweg und neuen Parkplätzen sollten sich die Radfahrenden in dem Freisinger Verkehrsversuch bewegen – eine Idee, die nicht bei allen gut ankam. Inzwischen sind die gelben Markierungen wieder abgefräst worden. 
Zwischen Gehweg und neuen Parkplätzen sollten sich die Radfahrenden in dem Freisinger Verkehrsversuch bewegen – eine Idee, die nicht bei allen gut ankam. Inzwischen sind die gelben Markierungen wieder abgefräst worden.  Marco Einfeldt

Nach dem gerichtlich erzwungenen Ende eines Verkehrsversuchs zum besseren Schutz für Radfahrer hat die Stadt Freising jetzt die Betroffenen befragt. Das Ergebnis zeigt, dass es schwierig ist, es Fußgängern, Radfahrenden und Autofahrern recht zu machen.

Von Kerstin Vogel, Freising

Die Sache mit den gelben Streifen hatte im Sommer vergangenen Jahres durchaus Wellen geschlagen – auch über Freising hinaus: Im Interesse einer Verkehrsberuhigung und größerer Sicherheit für die Radfahrenden hatte die Stadt Freising an der Erdinger Straße und entlang der Straße Gute Änger im Stadtteil Lerchenfeld nicht nur Schutzstreifen gelb markiert, sondern auf den Guten Ängern auch noch beidseitig versetzte Parkplätze eingezeichnet. Tatsächlich auf der Straße, also links neben dem Radfahrstreifen.

Ein Verkehrsversuch sollte das sein – als „Schildbürgerstreich“ aber kam es bei vielen an. Nach einem vom Münchner Verwaltungsgericht empfohlenen Vergleich mussten die Streifen schließlich wieder abgefräst werden. Das eigentliche Problem aber ist ungelöst und eventuell sogar unlösbar – wie nun eine etwas verspätet angesetzte Bürgerbefragung gezeigt hat.

Neben der Farbe Gelb waren es vor allem die Parkplätze, die für Empörung gesorgt und anliegende Gewerbebetriebe auf die Barrikaden gebracht hatten. Zum einen hielt man es für gefährlich, dass die Autofahrer jetzt im Zickzack durch die stark verengte Fahrbahn kurvten. Protest gab es aber auch – und wahrscheinlich vor allem –, weil mit den neuen Markierungen Parkplätze wegfielen. Von bis zu 50 war da an den beiden Straßen die Rede - in Summe waren es am Ende tatsächlich nur 15, das ging in der Empörung unter.

Die Verantwortlichen bei der Stadt hatten sich durchaus etwas gedacht bei der Anordnung. Zusätzlich zu den Schutzstreifen sollten die versetzten Stellplätze zur Verlangsamung des Verkehrs im Bereich von Real- und Montessori-Schule beitragen – und durch eine neue Beschränkung auf Personenwagen außerdem die Lastwagen hier verbannen.

Zumindest die Unterstützer des Radentscheids Freising hielten beide Maßnahmen für gut und richtig. Damit sei „eine wichtige Schulwegeverbindung, die bislang aus Gesichtspunkten der Verkehrssicherheit problematisch war“, sicherer geworden, lobte der VCD-Kreisvorsitzende Alfred Schreiber. Der Chef des ADFC-Kreisverbands Freising, Hans Pemp, sah gerade mit den neu markierten Parkplätzen den „Anliegen der gewerblichen Anlieger in Gute Änger Rechnung getragen“.

Durch die Stellplätze auf der Fahrbahn wurden die Autofahrer in einen Zickzackkurs gezwungen. Das sollte den Verkehr verlangsamen,  Lastwagen aber mussten zum Teil auf den Schutzstreifen ausweichen. 
Durch die Stellplätze auf der Fahrbahn wurden die Autofahrer in einen Zickzackkurs gezwungen. Das sollte den Verkehr verlangsamen,  Lastwagen aber mussten zum Teil auf den Schutzstreifen ausweichen.  Marco Einfeldt

Nach einigen Streitereien mit viel Spott und Häme landete die Angelegenheit im Spätsommer 2024 schließlich vor Gericht: Dominic Walter, der im Gewerbegebiet Gute Änger eine GmbH für Autotechnik betreibt, hatte Klage gegen die Stadt erhoben. Beim Ortstermin stellte einer der Richter zumindest die tatsächliche Besonderheit der Lage fest, denn eine Verkehrsführung wie hier habe er „oberbayernweit noch nicht gesehen“. Zuletzt drängte die Kammer auf eine gütliche Einigung und schlug vor, den Verkehrsversuch vorzeitig zum Ende des Jahres abzubrechen. Die Stadt stimmte zu – und auch wenn es bis ins Frühjahr 2025 dauerte, die Streifen wieder von den Straßen zu fräsen, ist der gelbe Exkurs inzwischen Geschichte.

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Das Thema aber beschäftigt Stadt und Stadtteil Lerchenfeld weiter, denn das Problem, das der Auseinandersetzung zugrunde liegt, ist nicht so ohne Weiteres zu lösen. Wie vielerorts ist an den Guten Ängern die Wohnbebauung über die Jahre viel zu nah an die ursprünglichen Gewerbegebiete herangerückt. Weil die früher allein auf weiter Flur waren, hatten sie oft keine Parkplätze auf den eigenen Grundstücken vorhalten müssen – das fällt den Firmen und der Stadt heute auf die Füße.

Die Infrastruktur im Gewerbegebiet Gute Änger sei schon lang an ihrer Kapazitätsgrenze angekommen, so die Klage von Dominic Walter. Die Stadt hätte hier im Interesse ihrer Gewerbesteuerzahler nach 30 Jahren nachbessern müssen. Und: Niemand habe in der ganzen Zeit der Planung jemals mit den Betroffenen geredet, kritisierte er. Nicht mit den Anwohnern und auch nicht mit den Gewerbetreibenden.

Der notwendige Vollausbau ist derzeit nicht finanzierbar

Zumindest diesen Vorwurf hat die Stadt aufgegriffen und – spät, aber immerhin – eine schriftliche Befragung in Lerchenfeld vorgenommen. Das Ergebnis bestätigt das Dilemma, das sich schon im Streit um die gelben Streifen abgezeichnet hatte, denn: Ein einheitliches Meinungsbild lässt sich schlicht nicht ermitteln.  Fußgänger seien für Fußwege, Radfahrer wollten Radwege, Eltern Sicherheit auf den Schulwegen und die Autofahrer Parkplätze, lautete verkürzt zusammengefasst die Erkenntnis der Stadträte in der jüngsten Sitzung des Planungsausschusses.

Die Umfrage habe vor allem gezeigt, „wie schwierig es ist, eine Lösung zu finden, die möglichst vielen gerecht wird“, sagte Mobilitätsreferent Karlheinz Freitag (Freie Wähler). Tatsächlich wäre mindestens für die Erdinger Straße wohl ein mehrere Millionen teurer Vollausbau erforderlich, um alle Bedürfnisse zu erfüllen – und den kann sich die Stadt Freising derzeit schlicht nicht leisten.

Um nun der von Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher angemahnten Pflicht nachzukommen, einen Interessenausgleich für die Bürger herbeizuführen, soll jetzt ein Informationstermin für die Betroffenen anberaumt werden. Möglicherweise kann man sich zumindest auf den von einer Mehrheit der Befragten befürworteten Schutzstreifen für die Radfahrenden einigen. Man sollte ihn nur nicht unbedingt gelb markieren.

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