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Sozialwohnungen:Maßnahmen geduldig erklären

Wer lange eine nachsichtige Gangart an den Tag gelegt hat, sollte eine Kursänderung behutsam erläutern.

Kommentar von Thilo Schröder, Freising

Dass es in Freising wie an vielen Orten an sozialem Wohnraum mangelt, dürfte niemanden überraschen. Groß ist der Andrang in Zeiten explodierender Mieten. Explosiv ist aber auch die Stimmungslage unter jenen, die nach eigener Wahrnehmung seit Jahren bei der Vergabe zu kurz kommen. Hört man Bewohnerinnen von Obdachlosenunterkünften in Freising zu, offenbart sich eine komplexe Gemengelage.

Da ist die Alleinerziehende dreier Kinder, die vor Jahren mal eine weit entfernt gelegene Sozialwohnung abgelehnt hat, weil sich sonst niemand um ihre vierjährige Tochter hätte kümmern können. Heute, sagt sie, würde sie das Angebot womöglich annehmen. Seitdem bekam sie aber keines mehr. Da ist die junge Familie mit drei Kleinkindern - er berufstätig, sie daheim -, deren Obdachlosenunterkunft zunehmend verschimmelt. Das Geld reicht aber nicht für eine Privatwohnung.

Eine vorschnelle 180-Grad-Wende im Umgang mit Betroffenen kann scheitern

Kurzfristig soll der Aufenthalt in einer Obdachlosenunterkunft sein, heißt es bei der Stadt. Sozialwohnungen seien besser für die Leute, insbesondere für Familien. Die zuständige Referatsleiterin, noch nicht lange im Amt, will die Wohnsituation in juristisch korrekte Bahnen leiten. Übersetzen lässt sich das mit: Es soll ein bisschen auf- und ausgeräumt werden. Zugleich hat man die Statistik selbst erarbeitet, wonach viele Berechtigte keine Sozialwohnung bekommen. Schlicht, weil es sie nicht gibt. Das weiß man im Stadtrat und will für mehr sozialen Wohnraum sorgen, kann das aber etwa wegen hoher Bodenpreise nicht im gewünschten Maße tun.

Alle Perspektiven haben ihre Berechtigung. Jedoch erscheint es ratsam, notwendige Maßnahmen so verständnisvoll und geduldig als möglich an Betroffene heranzutragen. Wenn über lange Zeit eine nachsichtige Gangart gefahren wurde, kann eine vorschnelle 180-Grad-Wende sonst scheitern. Der Fall einer Alleinerziehenden, die aus einer Obdachlosenunterkunft in eine winzige Wohnung gezogen ist, zeigt: Zwangsweise besser geht es einem mit Eigeninitiative nicht. Sie hofft immer noch auf eine Sozialwohnung.

Wie berechtigt Hoffnungen sind, beeinflussen jene, die den sozialen Wohnungsbau vorantreiben können. Und das sind nicht nur Verwaltungen und Lokalpolitiker, sondern auch Grund- und Immobilienbesitzer.

© SZ vom 05.02.2021/ilos
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