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Pflegekräftemangel:Echinger Sozialstation sperrt zu

Weil es kein Personal mehr gibt, bricht ein wichtiger Baustein im Konzept der Altenwohlfahrt weg. Die Versorgung läuft nur noch bis Ende Juni.

Von Klaus Bachhuber, Eching

Wahrscheinlich haben auch in Eching vor Jahresfrist mehrere Menschen auf den Balkonen gestanden und zu Ehren der Pflegeberufe geklatscht. Die Situation der Pfleger freilich hat das nicht verbessert. Eine der Rückkoppelungen dieser fatalen Situation erreicht nun Eching. Weil kein Pflegepersonal mehr zu bekommen ist, sperrt die Sozialstation im Alten-Service-Zentrum zu. Eine der zentralen Säulen der zukunftsweisenden und beispielgebenden Seniorenbetreuung in Eching ist damit weggefallen.

"Der Markt für Pflegepersonal ist völlig leergefegt", schildert ASZ-Leiterin Siglinde Lebich die Situation, "es gibt keine qualifizierten Bewerbungen". Von den gut zwölf Planstellen der Einrichtung fehlen mindestens 3,5 Kräfte. Über die vergangenen Monate seien "vielerlei Gespräche von allen Verantwortlichen geführt worden, juristische Stellungnahmen eingeholt, alle Möglichkeiten ausgeschöpft", so Lebich. Es seien aber "alle Anstrengungen leider ohne Erfolg geblieben".

Hilfe vom Bund kommt für Eching zu spät

Das ASZ habe damit ein Notstand erreicht, der auch andere Häuser schon getroffen habe und der noch weitere Kreise ziehen werde, befürchtet Lebich. Sie zitiert aktuelle Schätzungen, nach denen etwa 45 000 Arbeitskräfte in der Kranken- und Altenpflege fehlten. Die Branche befürchte pandemiebedingt eine Kündigungswelle. Bekenntnisse und Ansätze in der Bundespolitik, dem Zustand zu begegnen, kämen "für Eching leider zu spät", so Lebich.

Bürgermeister Sebastian Thaler nannte in einer ersten Reaktion "die Pflege am Ort einen essenziellen Bestandteil der Daseinsvorsorge". Er wolle sich "daher für einen Erhalt der Pflege am Ort einsetzen und mit möglichen sozialen Anbietern sprechen und mögliche Konzepte eruieren". Die Aufgabe dürfe "nicht allein privaten Playern überlassen werden".

Die Sozialstation war ein wesentlicher Baustein im Grundansatz des Echinger Konzepts der Altenwohlfahrt, alten Menschen so lange als möglich ein selbstbestimmtes Leben im gewohnten Umfeld zu ermöglichen. Die qualifizierten Fachkräfte leisteten Grundpflege, wie etwa Hilfe beim Waschen, Anziehen, Essen oder anderen Tätigkeiten, und Behandlungspflege nach ärztlicher Verordnung im Haushalt der Pflegebedürftigen.

Mobile Dienste sollen nun ausgebaut werden

Das ASZ leiste diese pflegerische Versorgung noch bis Ende Juni, so wurde es den Betroffenen und ihren Angehörigen mitgeteilt. Auch Beratung zu alternativen Diensten erfolge dann durch die Mitarbeiter des Service-Zentrums. Mittelfristig will das ASZ seine mobilen Dienste ausbauen.

Hier übernehmen meist ehrenamtliche Helfer Einkaufs-, Reinigungs- oder Fahrdienste bei Senioren, die Unterstützung brauchen. Auch diese hauswirtschaftliche Betreuung soll es erleichtern, im eigenen Haushalt zu bleiben, auch wenn ein Hilfsbedarf besteht. Auch im Haushalt, beim Putzen oder der Gartenarbeit, als Begleitung zu Behörden oder zum Arzt oder bei sonstigen Freizeitaktivitäten sind die Helfer im Einsatz. Inhaltlich begleitet werden sie vom Fachpersonal im ASZ, aber im Gegensatz zu den Beschäftigten der Sozialstation sind das eben keine Fachkräfte und somit zu vielen Erledigungen und Aufgaben nicht befugt.

Vom umfassenden Ansatz des Echinger Konzepts vor über 30 Jahren ist mit der Sozialstation schon ein dritter Pfeiler aus politischen Gründen weggebrochen. In den Anfängen des ASZ musste bereits die Tagespflege geschlossen werden, später auch noch die Kurzzeitpflegestation, für die in dem Haus eine eigene Etage reserviert war. Bürgermeister Thaler erinnert daran, dass die bayerische Sozialministerin erst kürzlich im ASZ zu Gast gewesen sei und das Modell gelobt habe: "Traurig, dass es an einer entsprechenden Finanzierung in unserem Land mangelt für solche Konzepte."

© SZ vom 14.05.2021
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