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SZ-Schulratgeber:Schulbus-Romantik ade

Nicht alle Kinder kommen problemlos mit dem Bus zur Schule.

(Foto: Marco Einfeldt)

Für Dorfkinder ist die Fahrt mit Bus und Zug oft mit langen Wartezeiten oder Umwegen verbunden. Viele Eltern fahren ihren Nachwuchs notgedrungen selbst - auch wenn dies mit den eigenen Arbeitszeiten kollidiert.

Von Eva Zimmerhof, Freising

Früh aufstehen, in der Kälte warten und dann zwischen laut streitenden Mitschülern sitzen, während die Busfahrer kaum Deutsch sprechen und daher nicht eingreifen können, wenn die Situation eskaliert: Für Fahrschüler kann der Schulweg eine Tortur sein. Den Eltern bereiten hingegen vor allem der Mangel an Buslinien und die unpassenden Abfahrtzeiten Bauchschmerzen.

Dass der Schulweg ihrer Kinder zur neuen Lerchenfelder Realschule extreme Ausmaße erreichen wird, befürchten derzeit einige Eltern aus dem Umland. Dabei hat sich das Landratsamt in dieser Sache längst umentschieden - ohne jedoch die Gemeinde zu informieren. Jeden Morgen müsse sie demnächst ihren Sohn mit dem Auto nach Marzling fahren, damit er dort in den Zug nach Freising steigt, um am Bahnhof angekommen, mit einem Bus nach Lerchenfeld weiterzufahren, sorgt sich eine Mutter aus Hangenham. Alternativ könne sie ihren Sohn auch die drei Kilometer bis zum Marzlinger Bahnhof laufen lassen oder ihn aber gleich bis zur Schule zu fahren.

"Und mittags wieder abholen? Das macht doch kein Arbeitgeber mit", sagt ein Hangenhamer Vater. Bei den Eltern aus Marzlings Ortsteilen sorgt dieses vermeintliche Organisationsproblem für Aufregung, nachdem das Landratsamt die Kinder zunächst der Lerchenfelder Schule ab kommendem Herbst zuordnete. Grundsätzlich sei nun aber vorgesehen, dass Schüler aus den Ortsteilen von Marzling weiterhin die Karl-Meichelbeck-Realschule besuchen", erklärt indes Landratsamt-Sprecherin Anita Fußeder. Sie würden wie bisher vom Schulbus eingesammelt. "Das ist ja etwas ganz Neues", sagt die Marzlinger Gemeindereferentin Susanne Röpke dazu.

Das Landratsamt habe bisher keinerlei Andeutung zu einer Änderung gemacht. Die Eltern suchten daher schon seit Monaten nach Lösungen. Es seien deshalb "schon einige Eltern" zu ihm gekommen, berichtet auch Marzlings Bürgermeister Dieter Werner. Dass diese allesamt nicht namentlich genannt werden wollten, läge wohl nur daran, dass die Hangenhamer vielleicht nicht gerne in der Öffentlichkeit stehen würden. Demnächst habe man mit der Schulverwaltung wegen einer neuen Buslinie nach Marzling verhandeln wollen, so Werner. Dass es einen Schulbus gibt, der Kinder aus den umliegenden Ortschaften einsammelt und zur Karl-Meichelbeck-Realschule bringt, nützt jedoch den Kindern nichts, die direkt in Marzling wohnen. Sie werden nicht darum herumkommen, täglich Zug und Bus zu fahren. Denn im Gegensatz zu den Dorfkindern ordnet die Schulverwaltung die Marzlinger Kinder nach dem derzeitigen Stand der Lerchenfelder Schule zu.

Auch in Haag ist die Situation für Fahrschüler schwierig: Die Mutter eines Schülers des Josef-Hofmiller-Gymnasiums berichtet von langen Wartezeiten des Sohnes, da nachmittags kaum Busse führen. Bei späterem Unterrichtsbeginn am Morgen gäbe es das gleiche Problem. Die Fahrschüler könnten sich in der Schule aufhalten, so Schulleiterin Hedwig Stock-Archner dazu. "Im Allgemeinen ist die Busanbindung für unsere Schüler ausreichend, ausgenommen wenige Einzelfälle von Schülern, die in ganz kleinen, aus wenigen Häusern bestehenden Ortschaften wohnen", so die Schulleitung.

Die Haagerin Sabine Dörr sieht das anders: "Wenn man in Freising arbeitet, lässt sich das alles gut organisieren. Sonst aber auch nicht. Es ist so, dass die Jugendlichen hier kaum Bewegungsmöglichkeiten haben." "Natürlich gibt es Gemeinden, die besser angebunden sein könnten. Da sind aber die Gemeinden genauso wie der Kreis gefragt, das zu regeln", sagt Stadtrat Benno Zierer, dem Schulwegprobleme aus Sünzhausen und Kranzberg bekannt sind. Doch dort habe sich "mittlerweile alles eingependelt", sagt Zierer. "Am Anfang des Schuljahres ist es immer so, dass die Busse überfüllt sind und Schüler stehen müssen. Irgendwann gibt sich das, weil Eltern ihre Kinder doch selbst fahren."

Ein generelles Problem von Fahrschülern - unabhängig vom Wohnort - sind jedoch die Streitigkeiten, denen sie räumlich bedingt nicht aus dem Weg gehen können. "Es ist schon eine Herausforderung immer so früh aufzustehen, wenn es meist noch dunkel ist, und immer pünktlich zu sein", beschreibt Schulpsychologin Gertrud Orth die Alltagssorgen der Kinder. "Das Grundproblem ist aber die Situation im Schulbus: Da ist man mit Kindern zusammen, die man mag und auch mit solchen, die man nicht mag. Natürlich kommt es da zu kleineren Streitereien", sagt die Psychologin "In den Bussen sind dann die Busfahrer dafür zuständig, die Situation zu klären und notfalls anzuhalten."

Doch gerade dieses ist gelegentlich nicht möglich. So ist Schulleiterin Renate Bruckmeier von der Sternschule mit dem "gut organisierten" Schulbusverkehr vor ihrer Tür eigentlich zufrieden. "Ein kleiner Wermutstropfen ist allerdings", berichtet Bruckmeier, "dass die Kinder schildern, die Busfahrer würden nur schlecht Deutsch sprechen und sie nicht verstehen. Die können dann wiederum nicht eingreifen, wenn es zu Rüpeleien oder Beleidigungen unter den Kindern kommt."

Zumindest für die Wartezeiten gibt es daher an zwei der Freisinger Grundschulen eine von der Stadt beauftragte Busaufsicht. "In Pulling wären die Kinder circa 20 Minuten auf sich alleine gestellt. Lehrer haben schließlich nicht die Pflicht, die Kinder zu beaufsichtigen, wenn die Schule aus ist", sagt Gabriele Knödler vom Amt für Kindertagesstätten, Schulen und Sport. "Es ist noch nie passiert, dass ein Kind seinen Bus verpasst hat," sagt die Pullinger Aufsicht Sophia Knuff. "Ich gucke immer in der Aula und in den Toiletten nach." In Neustift sei eine Aufsicht vor allem deshalb zugegen, um "die Sicherheit der Kinder" zu gewähren, so Knödler. Dort führen schließlich immer wieder mehrere Busse direkt auf das Gelände der Sternschule. Bei Kindern ginge es nun einmal etwas "lebhafter" zu.

© SZ vom 18.03.2015

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