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Die ganze Welt in Freising:Traum von der Selbständigkeit verwirklicht

Servet Tuncaloglu

Socken, Geschirrtücher, in der Corona-Krise auch Stoffmasken verteilt der Neufahrner Unternehmer Servet Tuncaloglu mit seiner Firma.

(Foto: oh)

Angefangen hat der Neufahrner Unternehmer Servet Tuncaloglu als Taxifahrer, vor einigen Jahren ist er in die Textilbranche gewechselt und beliefert Supermärkte mit Alltagsware wie Socken, Handtücher oder Strickmützen.

Von Thilo Schröder, Neufahrn/München

Die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung meldet sich mit "Servet". Servet Tuncaloglu nennt eher ungern seinen Nachnamen, wie er sagt. "Für viele Menschen ist das immer noch sehr, sehr fremd, obwohl meine Familie seit 1970 in Deutschland lebt", sagt der 32-Jährige. Darum biete er etwa Geschäftspartnern an: "Sie können mich mit meinem Vornamen siezen, wenn Sie möchten." Tuncaloglu lacht, wenn er das sagt. Der gebürtige Münchner lebt seit drei Jahren mit Frau und zwei Kindern (fünf und drei Jahre) in Neufahrn, in der Landeshauptstadt hat er sich derweil über viele Jahre einen Textilgroßhandel aufgebaut.

An seinem Wohnort bekannt geworden ist Servet Tuncaloglu zuletzt durch eine Stoffmasken-Spende. 2500 Stück hat er für die Grundschulen am Fürholzer Weg und am Jahnweg sowie für die Jo-Mihaly-Mittelschule ausgeliefert. Anfang des Jahres habe er angesichts der Corona-Pandemie sein Sortiment um Stoffmasken erweitert, sei einer der ersten liefernden Händler in der Region gewesen. "Manche Firmen hatten Wartezeiten von sechs, sieben Wochen, meine Partner haben dagegen ab Bestellung im Umkreis von München innerhalb von drei Stunden Ware bekommen."

Der Jahresumsatz liegt jetzt im Millionenbereich

Tuncaloglu wirkt stolz, wenn er das sagt. Sind seine beiden Firmen, die Trend Nonfood GmbH und die Stil-Tex GmbH, in jüngerer Vergangenheit stark gewachsen, hat er doch erst seit Anfang des Jahres zwei Mitarbeiter. "2017 hatten wir einen Jahresumsatz von 30 000 Euro, mittlerweile sind wir im Millionenbereich." Angefangen mit sechs Supermärkten als Abnehmer, beliefere er inzwischen bayernweit knapp 300 Supermärkte mit diversen Textilartikeln für den Alltagsbedarf: von Socken und Strümpfen über Geschirr- und Badetücher bis zu Handschuhen und Strickmützen.

Servet Tuncaloglu

Socken, Geschirrtücher, in der Corona-Krise auch Stoffmasken verteilt der Neufahrner Unternehmer Servet Tuncaloglu mit seiner Firma.

(Foto: oh)

Angefangen hat der gelernte Bürokaufmann bei Zeitarbeitsfirmen, mit 20 macht er sich selbständig, zunächst als Taxifahrer. "Seit der Kindheit wollte ich unbedingt selbständig sein", erzählt Tuncaloglu. "Servet muss selbständig sein, das stand immer im Raum." In der Taxibranche habe er dann keine Zukunft mehr gesehen, angesichts konkurrierender Mobilitätsangebote, und sich im Socken- und Strumpfhandel ein zweites Standbein aufgebaut.

Probleme macht nur der Nachname

Tuncaloglus Familie kam einst aus der Türkei nach Deutschland. Einen persönlichen Bezug zu dem Land bilde für ihn heute allein die Familie, sagt er, da viele Verwandte weiter dort lebten, und ein bis zwei Urlaubsbesuche im Jahr. Integrationsprobleme habe er keine, in beiden Ländern. Einzig diese Sache mit dem Nachnamen. Geschäftlich ist die Türkei indes eine Einkaufsquelle.

"Unsere Rohstoffe bekommen wir ausschließlich aus der Türkei", sagt der 32-Jährige. In der Vergangenheit habe er viel aus China gekauft, unter anderem die Pandemie habe jedoch gezeigt, dass der europäische Markt einfacher zugänglich sei in schwierigen Zeiten.

Trotz steigender Umsätze wirtschaftet Tuncaloglu weiterhin auf bescheidenem Fuß. Er arbeite in einem Ein-Raum-Büro mit zwei Schreibtischen in München, seine Ware lagere auf 300 Quadratmetern in Maisach; beim Umpacken könne es da schon mal eng zugehen, sagt er. Seine Kunden beliefere er nach Möglichkeit mit der Post oder über eine Spedition. Oder eben in Eigenregie mit einem geliehenen Sprinter, wie zuletzt beim Verteilen der Kinderschutzmasken in Neufahrn.

Er selbst nennt sich "Next-Socken-König"

Der Unternehmer übt seinen Job offenkundig mit Leidenschaft und Hingabe aus. Und mit Humor, auf der Businessplattform Linked-In nennt er sich "Next Socken-König". Derzeit gebe es eine neue Socken-Kollektion, auf der ein durchgestrichenes Coronavirus abgebildet sei, erzählt Tuncaloglu. Seit zwei Monaten vertreibe er neben Textilprodukten zudem verschiedene Sorten von Desinfektionsmitteln, mit Duftstoffen wie Meeresbrise und Kirschblüte versetzt. "Die haben nicht diesen schweren Alkoholgeruch, den man von normalen Mitteln kennt", sagt er.

Doppelte Leistung

Im Juli dieses Jahres hat die SZ in ihrem Buch Zwei ein "Tischgespräch" geführt, bei dem sieben Menschen mit Migrationshintergrund miteinander über Rassismus in Deutschland geredet haben. Dabei hat die erfolgreiche Berliner Unternehmerin Aynur Boldaz-Özdemir erklärt, dass viel öfter positive Beispiele gelungener Integration gezeigt werden müssten, "damit sich etwas verändert". Samuel Fosso, Migrationsreferent der Stadt Freising, empfindet es so, dass Menschen mit Migrationshintergrund in allem doppelte Leistung bringen müssen: "Menschen, die sichtbar anders sind, müssen sich ständig beweisen", sagt er. Die Freisinger SZ hat in der Fortsetzung ihrer Serie "Die ganze Welt in Freising" positive Beispiele gesucht und gefunden und die Betroffenen gefragt, ob sie es wegen ihrer Wurzeln tatsächlich schwerer haben und hatten. Heute: Servet Tuncaloglu.

Mittlerweile ist Tuncaloglu als Unternehmer zwar erfolgreich, den steinigen Weg dorthin aber hat er nicht vergessen "Während der Taxi-Zeit, da war ich verschuldet, musste einen Kredit aufnehmen." Auch der Start als Textilhändler verlief ruckelig. "Am Anfang war mein Sortiment nicht ausreichend, von Januar bis März konnte ich kaum Umsätze erwirtschaften. Im Februar 2018, daran kann ich mich gut erinnern, bin ich heulend herum gefahren in der Hoffnung, dass die Märkte mir Ware abnehmen. Ich habe sehr, sehr harte Jahre hinter mir."

Im Nachhinein, sagt Tuncaloglu, höre sich alles immer ganz Bilderbuch-mäßig an, ungeachtet vieler schlafloser Nächte. Über die Jahre habe er eine große Wertschätzung gegenüber Arbeit und Leistung entwickelt. "Am Ende, wenn man an etwas glaubt, an die Arbeit, an die Leistung, wenn man mit Liebe, Leib und Seele dabei ist", sagt Servet Tuncaloglu bestimmt, "irgendwann wird man dafür belohnt."

© SZ vom 29.10.2020/av

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