Freising hat seinen Rubens zurück. Nein, leider nicht das Original, das einst im Mariendom hing. Das verschwand 1804 im Zuge der Säkularisation nach München. In der Geschichte der Stadt spielt aber auch die kunstvolle Kopie, die nach Abschluss der Restaurierung derzeit im Stadtmuseum ausgestellt ist, eine besondere Rolle – obwohl sie nie so prominent platziert war wie eine zweite Nachbildung, die seit hundert Jahren den Hochaltar des Doms schmückt. Die Wege der Kopie waren deutlich verschlungener und noch immer ranken sich viele Rätsel um das Werk.
Ein Datum immerhin ist genau überliefert: Am 20. September 1896 erwarb der Historische Verein Freising das Bild mit dem Titel „Heilige Maria als apokalyptisches Weib mit dem Jesuskind“ für seine Sammlung. Davor befand es sich in der Gottesackerkirche in Freising. Wie lang es dort war? Das ist unklar. Wie es dorthin gekommen war? Auch dazu finden sich bisher keine Quellen.
Der Künstler ist ebenfalls unbekannt, obwohl das Gemälde qualitativ sehr hochwertig ist, wie Eva Willberg, Leiterin des Stadtmuseums Freising, betont. Der Maler habe das Rubens-Original nicht einfach kopiert, sondern Details neu, im Stil des beginnenden 18. Jahrhunderts, gestaltet. Das Hochaltarbild von Peter Paul Rubens ist gut hundert Jahre älter.
Die kunsthistorische Spurensuche ist spannend. Bei der Vorstellung des restaurierten Bildes im Stadtmuseum stellte Günther Lehrmann, Vorsitzender des Historischen Vereins, eine mögliche Erklärung vor, zu welchem Anlass die Kopie entstanden sein könnte. 1724 war in Freising die Gründung des Bistums tausend Jahre zuvor durch den Heiligen Korbinian groß gefeiert worden – wie übrigens auch das 1300-jährige Bestehen im vergangenen Jahr. Lehrmann verweist auf einen Bericht des zeitgenössischen Chronisten Karl Meichelbeck über einen Festzug im Oktober 1724, bei dem zehn Festwagen, „jeder von sechs Pferden gezogen, mit haushohen Aufbauten durch die Straßen wankten“. Auf einem befand sich demnach das „Freisinger Rubensbild“.
Tatsächlich war die Zeit um 1720 in Freising von einer großen Aufbruchstimmung geprägt. Die beiden prägenden Künstler des südbayerischen Spätbarock, Cosmas Damian und Egid Quirin Asam, begannen damals mit der Neugestaltung des Freisinger Doms. Einige Details der Rubens-Kopie hätten einen befreundeten Restaurator spontan an Asam-Bilder erinnert, erzählt Eva Willberg, etwa die Darstellung des Engels rechts mit dem Lorbeerkranz. „Das ist nicht Rubens.“



Gut ausgearbeitet sei zudem die Rückenpartie des Engels unten, der mit dem Drachen kämpft. Willberg hält es für möglich, dass das Bild aus der Asam-Schule stammt. Nur, Beweise dafür gebe es keine, betont sie. Ebenso wenig dafür, dass es das beschriebene Ausstellungsstück auf dem Festwagen war. Die Wahrscheinlich aber sei groß. Vermutlich hat das Bild Freising nie verlassen.
Für diese Theorie spricht das Format des Bildes. Es ist rechteckig. Das Hochaltarbild von Rubens aus dem Dom, das sich in der Alten Pinakothek befindet, hat einen halbrunden Abschluss. Außerdem ist es mit einer Höhe von 5,54 und einer Breite von 3,70 Meter sehr viel größer. Die Kopie ist lediglich 1,74 Meter hoch und 1,01 Meter breit. In beiden ist unten rechts der Freisinger Domberg abgebildet.

Der Zustand des Gemäldes war denkbar schlecht. Mit finanzieller Unterstützung der „Hubert und Edeltraud Glaser Gedächtnisstiftung“ konnte es der Historische Verein in den vergangenen Monaten restaurieren lassen. Der Würzburger Restaurator Georg Pracher berichtete bei der Vorstellung im Stadtmuseum von den aufwendigen Arbeiten.
Das Bild hatte Risse, Beulen und Fehlstellen, zudem wies es Verfärbungen und Verschmutzungen auf. Einige Bereiche waren bei früheren Restaurierungen mit breiten Pinselstrichen übermalt worden. Im unteren Bereich war es einmal feucht geworden, womöglich stand es eine Zeitlang im Wasser, Leinwand und Spannrahmen waren „extrem instabil“.
Bei einer Grundkonservierung habe er zunächst die Malschichten gesichert, schilderte Pracher, mit selbst angerührtem Leim. Er nahm den Firnis ab und kittete die Fehlstellen. Zudem beseitigte er die „grauenvollsten Übermalungen“ und entfernte den Schmutz. Selbst den Spannrahmen musste er abnehmen, „da blutet einem das Herz als verantwortungsbewusster Restaurator“, sagte Pracher. Vor dieser Entscheidung habe er „einige schlaflose Nächte“ gehabt. Der Zustand sei jedoch einfach zu schlecht gewesen. Aufwendig waren auch die Retusche und das Überarbeiten der Fehlstellen.

Gebrüder Asam:Moderne Kunst-Stars ihrer Zeit
Cosmas Damian und Egid Quirin Asam erarbeiteten sich auch mit dem Freisinger Mariendom den Ruf als bedeutende Vertreter des süddeutschen Barock und wurden fürstlich bezahlt. Egid baute sich gar seine ganz persönliche Kirche mitten in München mit Privatblick auf den Altar: die Asamkirche in der Sendlinger Straße.
Lehrmann freut sich, dass die Rubens-Kopie „in repräsentativem Zustand“ zurück ist. „Viele in Freising haben zu dem Bild eine sehr tiefe Beziehung.“ Für ihn ist es nicht weniger als eine „Ikone Freisings“. Er wünscht sich, dass sie künftig fest im Stadtmuseum zu sehen ist. Das aber ist mit neu konzipierter Dauerausstellung erst vor einem Jahr neu eröffnet worden. Die kann nicht so einfach wieder umgestoßen werden. Nun soll nach einer Lösung gesucht werden, wie die apokalyptische Madonna künftig präsentiert werden kann.
Die Studioausstellung „Rubens aus der Gottesackerkirche“ ist bis Sonntag, 2. November, im Stadtmuseum Freising, Marienplatz 7, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, Dienstag 15 bis 21 Uhr. Am Donnerstag, 16. Oktober, beginnt um 16 Uhr eine Führung.

