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Überalterung der Gesellschaft:Für Pflegegutachter klatscht niemand

ECHING: Buchautor RUDOLF HAUKE

Der 66-jährige Rudolf Hauke kennt den Themenkomplex der Pflege von mehreren Seiten. Bis zur Pensionierung war er Vorstand einer Krankenkasse in Hannover.

(Foto: Johannes Simon)

Der Echinger Autor Rudolf Hauke hat sich für seinen neuen Roman eine eher außergewöhnliche Titelheldin ausgesucht: In "Auf Distanz und doch so nah" beschreibt er das Leben der Pflegegutachterin Martha Liebscher.

Von Klaus Bachhuber, Eching

Als sich die Besucherin im Auftrag einer Organisation vorstellt, die sich entfernt wie eine Behörde anhört, fliegen schon die Fäuste. Martha Liebscher kann durch einen beherzten Sprung auf die Treppe gerade noch entkommen, bevor es Schläge gibt. Eine andere Station, keine Stunde Fahrt von München, aber was für eine andere Welt, fast archaisch. Gesprochen wird nicht, solange das Essen am Tisch steht, und dass der alte Knecht darniederliegt, ist Sache der Bäuerin, nicht seine eigene. Hier gibt's keine geballten Fäuste gegen Martha Liebscher, auf dem Hof sind sie so froh, dass sich jemand um den alten Mann kümmert, dass sie als Dank Eier und Speck mit nach Hause bekommt.

Die Romanfigur Martha Liebscher ist Pflegegutachterin bei einem der 15 Medizinischen Dienste der Krankenversicherungen (MDK) in Deutschland. Das ist nun kein Berufsbild, um das sich Heldenepen ranken, wohl kaum wird es Schulkindern beim Einschlafen als Lebenstraum gesungen, für Pflegegutachter klatscht niemand auf Balkonen; es verströmt das Fluidum einer Sachbearbeiterstelle in einem Nischenberuf, kenntlich nur Eingeweihten.

Doch die Überalterung der Gesellschaft und ihr daraus resultierender Pflegebedarf ist ein zwar verdrängtes, aber extrem zukunftsträchtiges Thema, die finanzielle Dimension des Pflegesektors bindet enorme private und öffentliche Mittel - und älter wird schließlich jeder. "Diese Schnittstelle im Pflegedienst wird aber wenig beleuchtet", sagt Rudi Hauke, "ich wollte mal diesen Teilbereich der Pflege ins Licht rücken."

Der 66-jährige Wahl-Echinger, seit mehr als vier Jahren Vorsitzender des TSV, kennt den Themenkomplex von mehreren Seiten. Bis zur Pensionierung war Hauke Vorstand einer Krankenkasse in Hannover. Selbst krebskrank, steht er seit 2018 dem bundesweit ersten Patientenbeirat am Deutschen Krebsforschungszentrum vor. Und auch als Autor hat Hauke bereits Erfahrung. Mit der autobiografischen Geschichte "Der fremde Tropfen in meinem Blut" thematisierte der gebürtige Augsburger 2015 seine eigene Krebserkrankung.

"Auf Distanz und doch so nah", die Geschichte der Martha Liebscher, ist nun ein fiktionaler Roman - einerseits. Martha Liebscher, ihre Biografie und die dramatische Handlung des Romans um berufliche Überforderung und einen alles verändernden Schicksalsschlag sind frei erfunden. Die Episoden aber, die sie bei ihren Besuchen als Gutachterin erlebt, vom schweigenden Mahl im Bauernhof bis zur Prügelandrohung, hat Hauke quasi protokolliert; jedes einzelne Erlebnis ist Pflegegutachtern genau so zugestoßen.

Nach einem Vortrag vor Führungskräften des Medizinischen Dienstes in Rain am Lech landete Hauke vor einigen Jahren beim Abendessen am Tisch mit lauter Pflegegutachterinnen. Die tauschten beim Essen ihre Erlebnisse aus dem Berufsalltag aus - und der Zuhörer war begeistert. "Das war so berührend", erinnert er sich, "emotional, skurril, lustig, traurig . . ."

Hauke wandte sich an den MDK Bayern und stieß dort mit der Idee seines Romans auf Aufgeschlossenheit. Über das betriebliche Intranet wurden Gesprächspartner für das Buchprojekt angefragt. Hauke hat sich viele reale Geschichten angehört, zum Themenkomplex Pflege recherchiert und auch mal eine MDK-Begutachtung mitgemacht; eine unspektakuläre freilich, die nicht im Buch verewigt wurde.

Im MDK hat das Werk einen Nerv getroffen. "Man fühlt sich als Gutachter wertgeschätzt", hat dem Autor eine seine Gesprächspartnerinnen nach der Lektüre des Romans geschrieben, "er beschreibt anschaulich bis teils lustig unseren Alltag - wir finden uns in jeder Geschichte wieder." Das Buch biete "auch Außenstehenden die Möglichkeit, unseren Beruf etwas besser zu verstehen".

Eine andere findet, der Roman zeige, "es sind ja auch nur Menschen, die hinter dem Gutachter stecken, und es ist eben nicht nur das PC-Formulare Befüllen, Plaudern und Kaffeetrinken, was unsere Arbeit ausmacht." Auf einem öffentlichen Forum urteilte ein Leser, dem Autor gelinge es "mit seiner episodenhaften Erzählweise aus dem beruflichen und privaten Leben einer Pflegegutachterin ausgesprochen gut, das eher trockene Thema lebendig und transparent darzustellen und damit einer eher vernachlässigten Berufsgruppe ein Stück Öffentlichkeit und Respekt zu verschaffen".

Brandaktuell ist das Buch zudem: Zu den Umwälzungen im Leben der Martha Liebscher, die das dramatische Geschehen des Romans auslösen und vorantreiben, gehört schon die Corona-Pandemie. Unter diesen radikal veränderten Bedingungen muss die zweifache Mutter ihren fordernden Job und das Familienleben meistern; eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich dann plötzlich noch komplett verkompliziert . . .

"Auf Distanz und doch so nah - Aus dem Leben der Pflegegutachtern Martha Liebscher" ist überall im Online-Handel, im örtlichen Buchhandel, beim Verlag (www.bod.de im Buchshop) und beim Autor (www.rudolfhauke.de) erhältlich.

© SZ vom 26.03.2021/sonn
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