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Rettungsdienst:Zwei Wochen vor der Küste Libyens

Ulrich Bender

Ulrich Bender aus Neufahrn fliegt an diesem Dienstag nach Malta und rettet dann Menschen.

(Foto: sea-eye.org)

Der Neufahrner Ulrich Bender fliegt am Dienstag nach Malta, wo er einen alten Fischkutter der Organisation Sea-Eye besteigt und dann Flüchtlinge auf dem Mittelmeer mit Wasser und Schwimmwesten versorgt

Wenn Ulrich Bender nervös ist, kann er das gut verbergen. Er sitzt entspannt am Esszimmertisch und redet vor allem darüber, warum er das tut, was er ab diesem Dienstag tut: Dann fliegt er nach Malta und besteigt dort einen ehemaligen DDR-Fischkutter, den die private gemeinnützige Organisation Sea-Eye dafür nutzt, um vor der Küste Libyens schiffbrüchige Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Über 12 000 Menschen, sagt Sea-Eye, seien es bisher schon gewesen.

Ulrich Bender aus Neufahrn ist als Wachgänger eingeteilt, "wenn der Kapitän schläft, wache ich", erklärt er den Posten innerhalb der zehnköpfigen Crew. Der 49-Jährige ist Mitglied der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft und privater Sport-Boot-Skipper, das sind seine Qualifikationen für den Job,zu dem er über seine Frau gekommen ist, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. "Selbst wenn man keine passende Begabung hat, auf dem Schiff kann man immer helfen, und mich hat es interessiert, wie das Ganze funktioniert", sagt Bender. Natürlich steckt mehr dahinter. "Ich lebe hier sicher in einem Haus, mir geht es gut, und ich empfinde es als eine Pflicht, Menschlichkeit zurück zu geben", beschreibt der Industriemeister der Fachrichtung Chemie seine Motivation.

Für den Einsatz vor der Küste Libyens hat er sich extra Urlaub genommen, zwei Wochen. Die Kosten für den Flug trägt er selbst, bezahlt wird nur das Essen auf dem Schiff. Natürlich weiß auch Bender, dass die Einsätze der Nicht-Regierungsorganisationen NGO, die schiffbrüchige Flüchtlinge einsammeln, in Verruf geraten ist. Die Schiffe, so glauben viele, führen erst dazu, dass immer mehr Flüchtende kommen. Bender hält dagegen: "Aber was mache ich mit denen, die kommen und ertrinken? Wie viele nehme ich in Kauf, als Abschreckung, 100 oder 1000?" Schließlich seien die Leute auch schon geflüchtet, als es noch keine NGOs gab, die sie aus dem Meer fischten. Es gebe, weiß Bender, "nicht viele Todesarten, die schlimmer sind, als ertrinken." Er vergleicht das Engagement auf hoher See damit, einem Kind über die Straße zu helfen: "Wie viele Kinder muss ich überfahren lassen, bevor kein Kind mehr einfach über die Straße läuft?"

Bender wehrt sich gegen die einfachen Antworten in der Flüchtlingsfrage. Beispielsweise gegen den Vorschlag, Flüchtlinge einfach nach Afrika zurück zu bringen. Das scheitere schon daran, dass Länder wie Tunesien, wo der nächste Hafen wäre, sich schlicht weigern, Flüchtlinge aufzunehmen. In Libyen drohe den Helfern, von Clanführern, "die Gott spielen", entführt zu werden, um Lösegeld zu erpressen. Normalerweise nimmt Sea-Eye keine Flüchtlinge an Bord, Ausnahme sind Schwangere, Kinder, Bewusstlose oder Leute, die am Ertrinken sind. Die Helfer beschränken sich darauf, Wasser und Schwimmwesten zu verteilen. Werden Personen aufgenommen, geben die kleinen NGOs sie an die italienische Küstenwache oder die großen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen weiter, wo die Leute erst versorgt und nach Italien weiter transportiert werden. Die Schlauchboote versenkt man.

Bender weiß, dass das Stampfen und Rollen auf den alten Fischkuttern erheblich ist, deshalb liegen die Tabletten gegen Seekrankheit ganz oben im Gepäck. Aber, betont er, "angeblich ist von dieser Fischfangflotte noch nie ein Schiff gesunken."