Reißleine gezogen Der ausgeladene Gast

Rainer Forster, Leiter der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung, will den umstrittenen Schweizer Historiker Daniele Ganser nach Freising holen - nach einem Shitstorm in den sozialen Netzwerken macht er einen Rückzieher.

Von Christian Gschwendtner, Freising

Ebenso spontan, wie man die Veranstaltung zu "Kriegspropaganda und Medienkompetenz" im Kardinal-Döpfner-Haus anberaumt hat, ist sie wieder abgesagt worden. Eigentlich sollte der umstrittene Schweizer Historiker Daniele Ganser am letzten Maisonntag zu diesem Thema referieren. Auf den Domberg hatten ihn die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Freising und das Bildungswerk Kardinal-Döpfner-Haus eingeladen. Doch daraus wird nun nichts. Die Organisatoren reagieren auf Kritik in den sozialen Netzwerken und ziehen die Reißleine. Als eine der Ersten hatte die Moosburger Aktivistengruppe "Erdlinge" auf den Fall aufmerksam gemacht.

Der Historiker Daniele Ganser gilt als Verschwörungstheoretiker. Seinem eigenen Verständnis nach ist er Friedensforscher: Der Schweizer hat sich auf das Aufspüren verdeckter Kriegsführung spezialisiert. An den Universitäten findet Ganser mit seinen Thesen, etwa zu 9/11 oder dem Konflikt in der Ukraine, kaum Gehör. Renommierte Wissenschaftler lehnen seine Herangehensweise ab. Rainer Forster, KAB-Diözesansekretär in Freising, hält die öffentliche Kritik an der Person Gansers dennoch für überzogen. Der Hauptorganisator findet auch nach dem Veranstaltungs-Aus nichts Verwerfliches an den Thesen Gansers. Kritisieren könne man ihn allenfalls für seine Auftritte bei zweifelhaften Medienportalen und Konferenzen - etwa bei "Russia Today" oder der "Anti-Zensur-Konferenz", sagte er. Dazu passt auch ein Zusammentreffen mit dem Neonazi Karl-Heinz Hoffmann vor einiger Zeit. Ganser diskutierte mit ihm über das Oktoberfestattentat. Initiiert worden war das Treffen vom rechten Verschwörungsmagazin Compact.

"Ich habe von Anfang gewusst, dass es kritische Stimmen gibt. Dass sich die Stimmen jetzt so deutlich artikulieren, habe ich nicht vorausgesehen", erklärte Forster. Da war das Ende der Veranstaltung bereits besiegelt. Die Angelegenheit wurde Forster zu brenzlig. Zuletzt hatte sich sogar der KAB-Bundesverband aus Köln eingeschaltet. Auch dort fand man den Schweizer Referenten "etwas suspekt" und erinnerte an eine "verbandsgerechte Veranstaltungsplanung". Forster hatte den Historiker Ganser eigenmächtig nach Freising eingeladen - ohne sich vorher mit seinem Vorgesetzten abzustimmen. Der befindet sich gerade im Urlaub, ist nicht zu erreichen und hat womöglich noch gar nichts vom Shitstorm über dem Domberg mitbekommen.

Angeblich soll Daniele Ganser für einen Vortrag mehrere tausend Euro nehmen. Für die KAB und das Bildungswerk bot sich vor drei Wochen jedoch die Gelegenheit, ihn gratis nach Freising zu holen. Ein Filmemacher stellte dazu den Kontakt her. Tags darauf spricht der streitbare Historiker sowieso für die ÖDP in München. Seitens des Bildungswerks und der KAB hätte man nur für Kost und Logis im Kardinal-Döpfner-Haus aufkommen müssen. Das Bildungswerk gibt sich angesichts der jüngsten Entwicklung selbstkritisch. Man habe den Vortrag Gansers sehr wohl "pädagogisch begleiten" wollen, sagte Kathrin Steger-Bordon, Referentin für Gesellschaftspolitik. Aber das Setting sei wohl nicht ganz durchdacht gewesen. "Wir hätten an diesem Abend gerne kontrovers über die Thesen Daniele Gansers diskutiert, aber scheinbar war der Rahmen der Veranstaltung falsch gewählt oder wurde missverstanden", so begründet Steger-Bordon die Absage auf Facebook. Ursprünglich sollte vor dem Vortrag ein Dokumentarfilm gezeigt werden, Thema: "Die dunkle Seite von Wikipedia". Beides findet nun nicht statt.

Forster will trotz des aktuellen Gegenwinds weiter "kritische Veranstaltungen" organisieren. Man könnte natürlich nur noch Kaffeekränzchen machen. Sein Stil sei das nicht. Strittige Events will er nicht mehr auf Facebook bewerben. "Mir raubt das Zeit und Nerven - und am Ende kommt nichts dabei raus." In Richtung seiner Kritiker hat er zwischenzeitlich sehr wohl über Facebook ausgeteilt. "Zuerst in Moosburg und jetzt die Ganser-Veranstaltung in Freising" war da auf der KAB-Seite zu lesen. Eine Anspielung auf die Rechtspopulismus-Vorwürfe gegen Moosburger Lokalpolitiker. Den Post hat Forster dann wieder gelöscht. Seine Reaktion sei überhastet gewesen, man dürfe die Diskussion nicht auf dieser Ebene führen.