Regenbogen im Landkreis Freising:Signal der Menschlichkeit

Regenbogen im Landkreis Freising: Ein sichtbares Zeichen der Toleranz klebt bei einem Optiker an der Unteren Hauptstraße in Freising im Schaufenster.

Ein sichtbares Zeichen der Toleranz klebt bei einem Optiker an der Unteren Hauptstraße in Freising im Schaufenster.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Allianz-Arena in Regenbogenfarben zu beleuchten, hätten viele Sportvereine im Landkreis Freising begrüßt. Queere Sportler fordern, dass der Regionalsport aber auch vor Ort stärker für Vielfalt und Toleranz eintreten müsse.

Von Thilo Schröder, Landkreis

Dass die Münchner Allianz-Arena zum deutschen EM-Spiel gegen Ungarn am heutigen Mittwoch nicht in Regenbogenfarben leuchten darf, sorgt bei Sportvereinen im Landkreis Freising für Unverständnis. Mancher sieht in der Aktion allerdings ein politisches Signal, für das im Sport kein Platz sei. Bezogen auf den eigenen Verein, gibt man sich weltoffen. Ein Sportler und eine Sportlerin aus der queeren Community kritisieren derweil strukturelle Probleme auch im Regionalsport, ungeachtet vordergründiger Toleranz.

Der europäische Fußball-Verband Uefa hatte am Dienstag einen Antrag der Stadt München abgelehnt, die Münchner Arena als "ein weithin sichtbares Signal für unser gemeinsames Werteverständnis" in Regenbogenfarben zu beleuchten. Hintergrund ist ein kürzlich vom ungarischen Parlament beschlossenes Gesetz, das die Rechte von homo- und transsexuellen Jugendlichen einschränkt. Die Entscheidung löste empörte Reaktionen aus. Bundesligisten kündigten an, ihre Stadien stellvertretend in Regenbogenfarben zu beleuchten. Doch wie beurteilt die Basis, der Regionalsport, das Vorgehen? Und inwieweit ist man bereit, selbst aktiv für Toleranz einzustehen?

"Im Regenbogen sehe ich kein Politikum"

"Wir hätten es alle schön gefunden, wenn die Allianz-Arena in Regenbogenfarben geleuchtet hätte", sagt die Zweite Vorsitzende des VfB Hallbergmoos-Goldach, Anna Klug. "Das ist total wichtig und wertvoll." Toleranz, Nächstenliebe und Gemeinschaft seien "selbstverständlich". Man müsse "nicht alles auf die politische Ebene heben", sagt sie mit Blick auf die Uefa. "Im Regenbogen sehe ich kein Politikum." Zum Umgang mit Vielfalt und Toleranz in ihrem Verein sagt Klug: "Wir sind hier sehr weltoffen." Man nehme etwa an den United World Games teil, einem internationalen Jugendsportevent in Klagenfurt. Wären Symbole wie Regenbogen-Kapitänsbinden für sie vorstellbar? "Ja, warum nicht?"

Auch Hans Peter Pohle, Erster Vorsitzender des FC Neufahrn, versteht die Entscheidung der Uefa nicht. "Das ist nichts Politisches, es geht ja darum, Flagge zu zeigen. Der Neuer darf ja auch die Regenbogenbinde tragen. So ist das nicht konform, das finde ich nicht in Ordnung." Nationaltorhüter Manuel Neuer hatte zuletzt eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben getragen, wollte dies auch gegen Ungarn tun. Die Uefa prüfte den Vorgang, bewertete ihn aber anders als die Arena-Beleuchtung als "Zeichen der Mannschaft für Vielfalt und damit für 'good cause'".

Eine Binde in Regenbogenfarben wäre "überhaupt kein Problem"

Beim Bayerischen Fußball-Verband sagt Sprecher Fabian Frühwirth: "Wir hätten uns das gewünscht und das auch unterstützt, wenn die Arena in Regenbogenfarben geleuchtet hätte." Für die Uefa sei das dagegen ein Politikum. Man stehe als Verband dahinter, wenn im regionalen Vereinsfußball solche Signale gesetzt würden. "Wir müssen nur aufpassen, dass wir hier nicht instrumentalisiert werden."

Für den Ersten Vorsitzenden des FC Moosburg, Robert Heilmaier, zeugt die Entscheidung der Uefa von fehlender Konsequenz. "Das Respekt-Thema sollte man eigentlich unabhängig von der politischen Lage praktizieren, um grundsätzlich ein Zeichen zu setzen. So wäre die Respekt-Kampagne der Uefa glaubwürdig." Den Umgang beim FC Moosburg nennt er "tolerant, wir haben im Verein überhaupt keine Berührungsängste". Eine Binde in Regenbogenfarben wäre "überhaupt kein Problem". Ohnehin spielten Attribute wie Herkunft oder Beruf auf dem Platz keine zentrale Rolle. "Im Sport triffst du immer den Querschnitt der Gesellschaft, da ist der Sport im Vordergrund."

"Natürlich ist das ein politisches Signal"

Er sei "prinzipiell dafür, dass Kirchen und Sport sich aus der Politik raushalten", sagt Dieter Hillenbrand, Erster Vorsitzender des SC Freising. Und ein EM-Stadion in Regenbogenfarben zu beleuchten oder als Nationaltorhüter eine entsprechende Kapitänsbinde zu tragen, sei "natürlich ein politisches Signal". Die Botschaft hinter der Aktion in München sei zwar richtig - "aber muss man da der Lehrmeister Europas sein?" Er betont, selbst "äußerst liberal" zu sein. "Wenn mein Torhüter jetzt morgen eine Regenbogenbinde trägt, dann kann der das machen." Man solle sich jedoch "als Verein nicht auf eine Seite schlagen".

Deutlich kritischer als die Vereinsvorstände beurteilen queere Sportlerinnen und Sportler die Entscheidung der Uefa. "Das macht mich sehr sauer als schwuler, türkischer, Fußball liebender Mensch", sagt Emre Çelik. Der 30-Jährige ist in Neufahrn aufgewachsen, hat in seiner Jugend beim FC Neufahrn gespielt und lebt mittlerweile in München. "Das ist ein Signal gegen die LGBTIQ-Community und das Outing, das ist ein Schlag ins Gesicht."

"Was machen die Vereine konkret: Gibt es Aktionen? Spenden sie?"

Wenn Vereine im Landkreis Freising sich als weltoffen und tolerant bezeichnen, mache ihn das skeptisch. "Die Uefa sagt auch, sie ist ein weltoffener Verband, aber handelt anders. Ich sehe so ein Verhalten auch bei kleinen Vereinen: Was machen die zu dem Thema konkret? Gibt es Aktionen? Spenden sie? Thematisieren sie das im Training? Wirklich zu zeigen, dass man die Community supportet, das passiert oft nicht." Dass Sport per se integrierend wirke, weist er zurück. Attribute wie Herkunft oder Sexualität nehme man mit und lege sie nicht auf dem Platz oder in der Kabine ab. Er habe selbst als Jugendlicher Beleidigung und Ausgrenzung deswegen im Verein erlebt.

Dass es zur gelebten Vielfalt im Sport offenbar noch ein weiter Weg ist, zeigt die anonyme Aussage einer queeren Sportlerin aus Freising. Auf die Frage, ob sie eine Entwicklung hin zu mehr Toleranz im Regionalsport beobachte, sagt sie schlicht: "Sehe ich nicht." Es handele sich dabei um ein strukturelles Problem, das bis dato gemieden werde. "Es fängt in den Vereinen an. Auf die Verbände kann man nicht warten, da muss jeder Vorstand vorangehen." Auch sie sieht in einer in Regenbogenfarben beleuchteten Arena oder einer bunten Kapitänsbinde "kein politisches, sondern ein gesellschaftliches Zeichen".

Emre Çelik spielt inzwischen bei Team München, einem schwul-lesbisch-transgender Sportverein. Mit diesem wollte er am Mittwochabend vor der Allianz-Arena Regenbogenflaggen verteilen. Es sei kein politisches Signal, betont er, sondern eines für Menschlichkeit.

© SZ vom 24.06.2021/ilos
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