Kinder aus Suchtfamilien:Nicht reden, nicht vertrauen, nicht fühlen

Kinder aus Suchtfamilien: In Deutschland leben etwa 2,65 Millionen Kinder mit alkoholkranken Eltern unter einem Dach. Bei einer Aktionswoche soll auf das Problem aufmerksam gemacht und den Kindern aus suchtbelasteten Familien eine Stimme gegeben werden.

In Deutschland leben etwa 2,65 Millionen Kinder mit alkoholkranken Eltern unter einem Dach. Bei einer Aktionswoche soll auf das Problem aufmerksam gemacht und den Kindern aus suchtbelasteten Familien eine Stimme gegeben werden.

(Foto: Alexander Heinl/dpa)

Eine bundesweite Aktionswoche macht auf die Probleme von Kindern suchterkrankter Eltern aufmerksam. Ihr Risiko, später selbst auch suchtkrank zu werden, ist sehr hoch. In Freising bietet die Beratungsstelle Prop eine Anlaufstelle.

Von Gudrun Regelein, Freising

Die Zahlen sind erschreckend: Fast jedes sechste Kind in Deutschland lebt in einer Suchtfamilie. "Schätzungsweise 2,65 Millionen Kinder haben alkoholkranke Eltern, 40 000 bis 60 000 Kinder haben Eltern, die von illegalen Suchtmitteln abhängig sind", sagt Beatrice Brinninger, systemische Therapeutin bei der Freisinger Suchtberatungsstelle Prop. Bei einer noch bis zu diesem Samstag, 24. Februar, laufenden, bundesweiten Aktionswoche standen und stehen diese Kinder im Fokus, "sie sollen gesehen und gehört werden". Initiiert wurde diese Aktionswoche unter dem Hashtag "Wir sind Millionen" von dem Berliner Verein "NACOA Deutschland", einer Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien.

Betroffene Kinder haben aber nicht nur eine belastete Kindheit und Jugend, sagt Brinninger. Ihr Risiko, als Erwachsener auch selbst suchtkrank zu werden, sei im Vergleich zu anderen Kindern bis zu sechsfach höher. Etwa ein Drittel wird im Erwachsenenalter selbst alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig. Ein Drittel entwickelt psychische oder soziale Störungen - und nur ein Drittel kommt mehr oder weniger unbeschadet davon und kann ein normales Leben führen.

Einer ihrer Klienten, sie nennt ihn Daniel, gehört zu dem ersten Drittel. Der Vater des 52-Jährigen war Alkoholiker, er ging jeden Sonntag zum Frühschoppen - sein Sohn hat ihn begleitet. Als Daniel 17 Jahre alt war, fing er selber mit dem Trinken an. An der Sucht des Vaters zerbrach auch die Ehe der Eltern, die Streitereien wurden immer häufiger - und immer schlimmer. Irgendwann rief die Mutter dann die Polizei, die den Vater aus der Wohnung verwies. Als Daniel 13 Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Er wurde in einer kaputten Familie groß, in der das Geld nie ausreichte. Harmonie hat er nie erlebt.

Kinder aus Suchtfamilien: Die systemische Therapeutin Beatrice Brinninger berät Klienten bei der Freisinger Suchtberatungsstelle Prop.

Die systemische Therapeutin Beatrice Brinninger berät Klienten bei der Freisinger Suchtberatungsstelle Prop.

(Foto: oh)

Der Alkohol sei seinem Vater immer wichtiger gewesen als seine Familie. Er hörte trotz massiver körperlicher Schäden nie mit dem Trinken auf und starb, als er 54 Jahre alt war. Auch Daniel hat durch die Trinkerei viel verloren, seine Arbeit, seine Freunde - seine ganze Existenz. Aber er hat den Absprung geschafft. Heute wird er von Prop im Rahmen des Betreuten Einzelwohnens (BEW) begleitet. "Bislang ist er stabil", sagt Brinninger.

Kinder und Jugendliche leiden extrem in dieser Situation, sagt die Therapeutin. Sie müssen sehr früh für sich selbst Verantwortung übernehmen. "Rede nicht, vertraue nicht, fühle nicht: Das sind oft die ungeschriebenen Regeln in diesen Familien, die die Kinder prägen. Für ihr weiteres Leben bedeutet das eine schwere Bürde", erklärt Brinninger. Beständigkeit und Zuverlässigkeit würden sie in der eigenen Familie nicht kennenlernen, nur selten Liebe und Zuneigung erfahren.

Liebe wird mit Kümmern verwechselt

Das führe dann oft dazu, dass sie selbst Probleme haben, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. "Liebe wird mit Kümmern verwechselt - und das bedeutet, früh Verantwortung übernehmen zu müssen", sagt Brinninger. Die Kinder lieben ihre Eltern, schämen sich aber gleichzeitig für sie und versuchen, sie zu schützen. Die Folge: Sie versuchen, die Probleme bei sich zu Hause gegenüber Nachbarn, Lehrern und Freunden zu vertuschen.

"Wir betreuen viele Familien, die ein Suchtproblem haben", sagt Brinninger. 2023 waren es insgesamt etwa 760 Suchterkrankte, darunter etwa 250 vor allem erwachsene Menschen, die selbst in einer Suchtfamilie aufgewachsen sind. Um diesen Kindern und erwachsenen Kindern eine Stimme zu geben, haben Prop und die Jugendhilfe Freising bereits im Herbst 2017 eine Kooperation geschlossen. In dem Fachkreis "Schulterschluss" wurden Strukturen geschaffen, um Betroffene schnell auffangen und fördern zu können, berichtet Brinninger. Ziel sei, einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu der Prop-Beratung zu schaffen. So gibt es beispielsweise jeden Mittwochnachmittag eine offene Sprechstunde. Daneben bietet Prop eine Jugendsprechstunde an.

Weitere Informationen über die Suchtberatungsstelle Prop und ihre Angebote finden sich unter www.prop-ev.de.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusKindermedizin
:Rezept für eine gesunde Kindheit

Désirée Ratay ist Kinderärztin im Landkreis Freising. In ihrem neuen Buch "Kindergesundheit beginnt zu Hause" regt sie zu einem Umdenken in der Kindermedizin an - und empfiehlt Familien, mehr auf Bindung und Entspannung zu setzen. Zum Wohle der Kinder.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: