Freisinger Kopf Der Schach-Prof mit dem eisernen Willen

Als Autodidakt trainiere er nach Lust und Laune, sagt Frank-Martin Belz. Er habe sich fast alles selbst über Bücher angeeignet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Freisinger Professor Frank-Martin Belz ist ein "Ironman": Beim Sport, im Beruf und in seiner Freizeit. Da tüftelt er mit Schach-Büchern an der besten Strategie für die jeweils nächste Partie.

Interview von Clara Lipkowski, Freising

Nach Freising zu gehen, war damals eine rein berufliche Entscheidung. 15 Jahre später ist die Stadt für Frank-Martin Belz zum denkbar schönsten Ort zum Wohnen geworden. Hier leitet der 50-jährige Professor den Lehrstuhl für unternehmerische Nachhaltigkeit an der TU in Weihenstephan. Nebenher geht er rekordverdächtigen Hobbys nach: dem Sport als "Ironman" und dem "Spiel der Könige". Ein Schachgespräch.

SZ: Herr Belz, Sie sind Schachspieler und Ironman. Ihre Hobbys sind nicht nur vielseitig, sondern vor allem zeitintensiv.

Frank-Martin Belz: Mein Englischlehrer hat mal gesagt: "When a thing is worth doing, it is worth doing well." Ich glaube, das war schon immer mein Wesen. Wenn ich etwas gemacht habe, habe ich es richtig gemacht. Oder gar nicht. Wenn ich etwas mache, habe ich hohe Ansprüche. Im Café einfach eine Partie Schach zu spielen, scheint nicht meinem Wesen zu entsprechen.

Wenn Sie an die Schach-WM der Amateure zurückdenken, welche der neun Runden war die härteste?

Die letzte. Mein Gegner hat mich schon im ersten Zug überrascht. Weil ich den Start anders erwartet hatte, musste ich alle möglichen Muster abrufen. Später, zwischen dem 20. und 30. Zug, habe ich, um nicht zu nervös zu werden, auf mein Mentaltraining zurückgegriffen. Mit Tricks wie positiven Assoziationen, kann ich mich im Spiel beruhigen. Zum Ende des Spiels habe ich eine riskante Strategie gewählt, was ich sonst nicht mache. Ich habe zwei Bauern geopfert. Das hat sich bezahlt gemacht.

Wie begann Ihre Schachkarriere?

Mit neun oder zehn Jahren habe ich angefangen, Schach von meinen Großvätern zu lernen. Das waren die schönsten gemeinsamen Stunden, die wir hatten. Nach etwa drei Jahren habe ich im Schachverein gespielt und "blind" gegen meinen Großvater gewonnen. Im Studium habe ich dann von heute auf morgen mit dem Schach aufgehört, weil es einfach zu viel wurde. Mehr als 25 Jahre lang habe ich keine Schachfigur mehr angefasst. Erst später habe ich durch eine App, in der ich online gegen Andere gespielt habe, das Schach wiederentdeckt.

Ist Schach für Sie Sport oder wie der Großmeister Robert Hübner sagte, ein Wettstreit um wissenschaftliche Erkenntnis?

Schach ist für mich Sport, Wissenschaft und hat sogar eine künstlerische und poetische Dimension, weil man versucht, sich auszudrücken, obwohl man in dieser kleinen Welt aus 64 Feldern gefangen ist.

Wie wirkt sich das Schachspielen auf ihren Alltag, ihre Arbeit an der Uni aus?

Es gibt wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Kinder, die Schach spielen, später sehr erfolgreich sind. Das Wichtigste, was ich beim Schach gelernt habe, ist, sich auf eine Sache zu fokussieren und konzentriert zu sein. Das nutze ich in der Wissenschaft. Das Zweite ist, strategisch zu denken. Bei einem Forschungsaufenthalt in Kanada habe ich lange über die kommenden Jahre nachgedacht. Dann habe ich ein neues wissenschaftliches Kapitel aufgeschlagen und die Disziplin gewechselt. Das war der Übergang in den Bereich nachhaltiges Unternehmertum. Als Drittes habe ich gelernt, analytisch und viertens immer in Plänen zu denken. Ich habe im Beruf meist nicht nur einen Plan A, sondern auch noch Plan B und C - wie beim Schach auch, wo ich immer bedenken muss: welche Züge könnten auf meinen letzten Zug folgen?

Nach internationalem Ranking haben Sie eine "Performance" von 1980, der Profi-Schachweltmeister Magnus Carlsen hat 2800. Schon mal daran gedacht die nächste Stufe "Experte" zu erklimmen oder wie Carlsen Großmeister zu werden?

Experte ist das Ziel, ja, ich habe bereits verschiedene Partien auf dem Level bis 2200 gespielt, daher denke ich, ist das Potenzial da. Der Großmeister kommt in meinem Alter wohl nicht mehr in Frage, dafür muss man früher anfangen und länger intensiv spielen.

Momentan herrscht wieder Fußballfieber. Warum wird Schach niemals so populär werden?

Beim Fußball werden Emotionen viel offensichtlicher gezeigt. Wird ein Tor geschossen, sieht man sie sofort. Wenn jemand beim Schach einen genialen Zug gemacht hat oder eine Taktik aufgegangen ist, passiert das vielmehr im Stillen. Trotzdem, Schachpartien werden schon lange auch im Fernsehen übertragen. Heute kann man sagen, folgt dies dem Trend zur Langsamkeit.

Sie sind bereits 20 Mal "Ironman" geworden. Hilft Ihnen der Sport beim Schach?

Jeder Schachspieler muss heute auch körperlich fit sein, auch ein Magnus Carlsen hält sich mit Sport fit. Außerdem ziehe ich Kraft aus dem Mentaltraining des Iron-man. Ich denke, der Begriff "Ironman" im Sinne eines "eisernen Willens" lässt sich auch auf Schach übertragen, denn hier gilt es genauso, Höhen und Tiefen zu überwinden und nicht vorzeitig abzubrechen.

Wie trainieren Sie Schach?

Ich spiele zwar aktiv im Schachverein in Freising, bin aber Autodidakt und trainiere eigentlich nach Lust und Laune. Fast alles habe ich mir selbst über Bücher angeeignet. Ich habe eine Schachbibliothek mit etwa 100 Büchern. Viele Schachpartien wie die legendären vom kubanischen Schachweltmeister Capablanca habe ich nachgespielt und so geübt.

Turnierpartien gehen teils länger als drei Stunden. Wie bleiben Sie dabei konzentriert?

Natürlich hilft es, sich mal vom Brett zu entfernen, sich im Freien die Beine zu vertreten oder einen Kaffee zu trinken. Aber durch das jahrelange Spielen habe ich gelernt, mich wirklich auf eine Sache zu fokussieren. Was auch hilft, ist mentales Training abzurufen.

Was machen Sie nach Ihrer wissenschaftlichen Karriere?

Ich könnte mir gut vorstellen, in zehn bis 15 Jahren bei der Senioren-Weltmeisterschaft mitzuspielen. Und das Wissen über Schach weiterzugeben, sprich mich zum Trainer auszubilden und dann Kinder und Jugendliche in diesem Sport zu unterrichten.