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Primizfeier in Hallbergmoos:Ein Fest für das ganze Dorf

Frau Graf als Primizbraut

Karl-Heinz Zenker hat die Bilder abfotografiert. Oben ist das geschmückte Abstreiterhaus zu sehen, unten Christa Graf mit Pfarrer Wigbert Richter.

(Foto: Privat)

Früher war die Primiz, die erste Messe eines neugeweihten katholischen Priesters in seiner Heimatgemeinde, ein großes Ereignis - mit Kirchenzug, Gottesdienst im Freien und einer Primiz-Braut als Symbol für die Kirche.

Von Alexandra Vettori, Hallbergmoos

Viele können es sich heutzutage kaum noch vorstellen, welch große Rolle die Religion noch vor einigen Jahrzehnten im Alltag der Menschen gespielt hat. Ein Beispiel dafür ist die Primiz, also die erste Heilige Messe, die ein neugeweihter römisch-katholischer oder alt-katholischer Priester in seiner Heimatgemeinde feiert. Während heute nur noch Betroffene und regelmäßige Kirchgänger überhaupt etwas mit dem Begriff anfangen können, war die Primiz früher ein großes Fest für das ganze Dorf, das an einem Sonntag gefeiert wurde. Der Hallbergmooser Lokalhistoriker Karl-Heinz Zenker hat dazu eine Geschichte aufbereitet angeregt von den Erinnerungen und Fotos einer alteingesessenen Goldacherin.

Christa Graf, ehemalige Inhaberin des Alten Wirts in Goldach, hat als Kind die Primiz von Pfarrer Wigbert Richter am 29. Juli 1951 miterlebt und als Primiz-Braut sogar eine tragende Rolle dabei gespielt. Wigbert Richter war mit seiner Mutter und zwei Brüdern während des Zweiten Weltkriegs aus der alten Heimat in Tschechien geflohen, die Familie wohnte im Abstreiterhaus in der Theresienstraße 23 in Hallbergmoos. Das Haus wurde Abstreiterhaus genannt und gehörte Christa Grafs Eltern, den Wirtsleuten des Alten Wirts in Goldach. Christa Grafs Vater war gleichzeitig Metzger und eröffnete später im Abstreiterhaus eine Metzgerei-Filiale. Heute befindet sich hier eine Pizzeria.

Das Wohnhaus des Priesters zierten Girlanden

Üblicherweise wurde die Primiz an einem Sonntag in der Heimatgemeinde des neuen Pfarrers gefeiert. Das Fest begann schon am Vorabend, wenn der Neupriester feierlich von seiner Gemeinde empfangen wurde. Oft wurden dazu der Ortseingang, ebenso wie das Wohnhaus des Priesters, mit Girlanden und Blumen geschmückt. Auch in Hallbergmoos war das der Fall, die alten Fotografien von Christa Graf zeigen, wie viel Mühe man sich mit den Girlanden um das Abstreiterhaus gemacht hat. Es wurde nicht nur ein Primizbogen errichtet, wie das Foto zeigt, sondern es wurde das gesamte Haus festlich geschmückt.

Am Tag der Primiz wurde der Neupriester dann mit einem Kirchenzug, Vereinsabordnungen und Blasmusik inklusive, vom Elternhaus abgeholt und zum Ort des Gottesdienstes begleitet, der wegen der großen Anteilnahme meist im Freien stattfand. Auch Wigbert Richter feierte seinen ersten Gottesdienst im Juli 1951 im Freien, der Kirchenzug führt von seinem Wohnhaus zu einem Freialtar in Birkeneck, so wie es auch bei Hochzeiten Brauch war. Nach dem Festgottesdienst wurde im Gasthaus Klösterl, das 2004 dem Edeka-Neubau wich, gefeiert.

Zu Primizfesten fuhr man auch in die Nachbarorte

Und da, erinnerte sich Christa Graf, habe sie ein Gedicht aufsagen müssen. Doch, es sei in der damaligen Zeit schon eine Ehre gewesen, die Primizbraut darzustellen, aber so ungewöhnlich sei das damals auch gar nicht gewesen. Sie kann sich noch erinnern, dass sie selbst mit ihrer Familie auch nach Günzenhausen und auch nach Freising zu Primizfesten gefahren ist. Der Brauch der Primiz-Braut fußt auf der Vorstellung einer geistlichen Hochzeit, die der Pfarrer eingeht, die weiß gekleidete Primiz-Braut symbolisiert dabei die Kirche.

Das Mädchen trug dazu auf einem edlen Kissen eine "Primizkrone" oder einen Kelch voraus. Die Krone oder der Kelch wurden auf dem Altar als Zeichen des Zölibats "geopfert".

Später hat der Pfarrer Christa Graf getraut

Später wirkte Wigbert Richter dann als Pfarrer in Regensburg, und da sei er, wohl als Dank für ihren damaligen Dienst als Primiz-Braut, extra nach Goldach gekommen, um sie und ihren Mann zu trauen, am 12. Juni 1967. Viel später, bei einem Kuraufenthalt, habe sie zufällig in einem Gespräch vom aktuellen Wirkungsort Richters erfahren, das war Walldürn, eine Stadt in Baden-Württemberg. Und dann habe sie nachgeforscht, habe Zeitungsausschnitte über ihn bestellt, und sich bei ihm gemeldet. "Er war ein sehr beliebter Mann in Walldürn, weil er sich um den Wallfahrtsort im Odenwald verdient gemacht war und einfach ein Mann des Volkes war", erzählt Christa Graf. Aus Anlass seines 25-jährigen Priesterjubiläum hatte er sie und ihren Mann dann auch eingeladen. An seinem 70. Geburtstag, weiß Christa Graf, sei er sogar zum Ehrenbürger der Stadt Walldürn ernannt worden.

© SZ vom 10.04.2021/av
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