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Pflege-Notstand:"Es ist täglich ein Kampf"

Regina Simnacher, Leiterin der Caritas-Sozialstation in Freising, wünscht sich in der Pflege deutlich mehr Personal und eine Entbürokratisierung, um wieder mehr Zeit für die Menschen zu haben

Interview von Gudrun Regelein, Freising

Eigentlich ist Regina Simnacher ein optimistischer Mensch. Aber beim Thema Pflege verliere sie diesen Optimismus, sagt die Leiterin der Sozialstation der Caritas Freising. "Die Pflege steht vor dem Kollaps." Der neue Pflegebeauftragte der Bundesregierung und auch das neu geschnürte bayerische Pflegepaket seien nur Tropfen auf dem heißen Stein, sagt sie im Gespräch mit der SZ Freising.

SZ: Frau Simnacher, derzeit leben in Deutschland drei Millionen pflegebedürftige Menschen, im Jahr 2045 werden es laut Experten bereits gut 4,5 Millionen sein. Was sagen Sie zu diesen Zahlen?

Regina Simnacher: Das Volumen macht einen wirklich sprachlos. Man fühlt sich fast hilflos angesichts dieser Situation. Eine Kollegin sagte vor Kurzem, dass man nicht mehr von Pflegenotstand, sondern von einem Pflegewahnsinn sprechen müsse. Das kann ich nur unterschreiben.

Aber reagiert die Politik nicht endlich auf die Pflegemisere? In Bayern wird es beispielsweise ein jährliches Pflegegeld von 1000 Euro geben, auch sollen dort 1000 Langzeitpflegeplätze eingerichtet werden.

Pflegeserie - Florian Zwerenz

Für die Betreuung der Pflegebedürftigen bleibt oft zu wenig Zeit - zwei Gründe dafür sind der Personalmangel und die zunehmende Bürokratisierung.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Aber das ist dennoch kein ausreichender Ansatz. Nehmen wir die 1000 Euro: Das ist vielleicht ein schönes Taschengeld, aber damit kann man die Lebensqualität der Betroffenen nicht wirklich verbessern. Wir stehen vor einem Mammutprojekt - solche Maßnahmen sind schön, aber langen bei weitem nicht aus. Es müsste viel mehr passieren, sonst kollabiert die Pflege.

Was müsste denn getan werden?

Eigentlich müsste im gesamten Gesundheitssystem eingegriffen werden, um eine wirkliche Lösung zu erzielen. Es ist eine Grundsatzfrage, wo Mittel im Gesundheitswesen eingesetzt werden. Im Bereich der Pflege derzeit sicherlich zu wenig. Und dann haben wir noch die große Frage nach dem Personal: Der Pflegekräftemangel ist seit langem bekannt. Der Beruf müsste wieder attraktiver gestaltet werden; er müsste besser bezahlt werden und er müsste eine höhere Anerkennung erhalten.

Wie ist die Situation in der Sozialstation? Neulich berichteten Sie, dass im vergangenen Jahr drei neue Kräfte gefunden wurden.

Ja, aber eine Kraft hat schon wieder gekündigt. Bei uns ist die Situation sehr unterschiedlich: Momentan läuft es ganz gut, aber eigentlich sind auch wir immer auf der Suche nach neuen Kräften. Die Belastungen in der Pflege sind sehr hoch. Die Begleitung von sterbenden Menschen ist nicht leicht, nicht jeder kann das. Was uns seit einiger Zeit aber auch immer mehr Zeit kostet, ist eine ständig wachsende Bürokratie. Alles muss genauestens dokumentiert werden. Das ist ein extremer Aufwand, der viel Zeit in Anspruch nimmt und letztendlich auf Kosten der Pflege geht.

Regina Simnacher leitet die Caritas-Sozialstation.

(Foto: Marco Einfeldt)

Oft sind es die Angehörigen, die die Pflege übernehmen. Ist häusliche Pflege aber langfristig überhaupt zu leisten - oder gehört die Pflege in professionelle Hände?

Das ist eine sehr individuelle Entscheidung. Häusliche Pflege ist möglich, aber dafür wäre ein gutes Unterstützungssystem erforderlich. So ein tragendes System haben wir derzeit aber nicht - und mit den 1000 Euro für pflegende Angehörige ist es dann, wie gesagt, nicht getan. Es gibt viele pflegende Angehörige, die in der Betreuung weit über ihre Grenzen gehen. Neulich erst hörte ich von einer Frau, die viele Jahre lang ihre Mutter pflegte - und dann selbst in der Altersarmut endete. Das ist sicher kein Einzelfall.

Was würden Sie sich für die Pflege wünschen?

Eine Vereinfachung des Systems, also an erster Stelle eine Entbürokratisierung. Und dann bräuchten wir mehr Personal. Das ist täglich ein Kampf, wir können den Menschen, die wir pflegen, kaum mehr gerecht werden. Und das ist sehr frustrierend. Ich würde mir nachhaltige Maßnahmen wünschen, die langfristig greifen. 8000 neue Stellen, die der Bundesminister für Gesundheit schaffen will, lösen leider nicht das Problem.

© SZ vom 28.04.2018
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