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Persönlichkeitsentwicklung:Anreize bieten

Der SV Zukunft diskutiert bei seinem Jahresgespräch, wie junge Leute optimal gefördert werden. Orientieren sollte man sich nicht an ihren Defiziten, sondern an ihren Kompetenzen - darin war sich die Runde einig

Von Johannes Schmid, Freising

Selbst das Gebäck, das der SV Zukunft organisiert hatte, zierte ein Vereins-Schriftzug. Das ist wohl dem Unternehmerpaar Stephanie Franke und Stefan Geisenhofer zu verdanken, sie sind Bäcker und zum ersten Mal bei dem Jahresgespräch des Vereins dabei, der es sich zum Ziel gesteckt hat, die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen zu stärken. Unternehmer waren bei der Veranstaltung ein Novum, aber sie ergänzten die Runde um Vorsitzende Birgit Mooser-Niefanger, den Anwalt Michael Zoller und den Geschäftsführer des Jobcenters, Bernhard Reiml, der mit Zahlen und Fakten in das Thema "Ausbildung und Aussichten für alle - eine Utopie?" einführte.

"Wir betreuen ungefähr 3000 Leute", sagte er, "zirka ein Drittel davon sind Jugendliche", 500 davon seien zwischen 15 und 16, also genau in dem Alter, um eine Ausbildung beginnen zu können. Dabei mangelt es nicht an Stellen. Im Raum Freising gebe es insgesamt "1000 zu besetzende Ausbildungsstellen bei rund 800 unversorgten Bewerbern", so Reiml. Ein Teil der Jugendlichen entspreche nicht auf Anhieb den Anforderungen der Unternehmen. Doch gerade diese jungen Leute können wertvolle Teammitglieder werden, wie Stephanie Franke an einem Beispiel aufzeigte: "Wir haben eine junge Auszubildende als Konditorin", sie sei so kreativ und mache die schönsten Torten, aber "sie ist sehr schüchtern und will keine Kundengespräche führen", also müsse die Beratung ein anderer machen.

"Anstatt den passenden Auszubildenden für eine Stelle zu suchen, kann man auch die richtige Stelle für den Auszubildenden schaffen", fügte Stefan Franke hinzu. "Weg von der Defizitorientierung hin zur Kompetenzorientierung", fasste Jeanine Tieling zusammen. Tieling ist eine Regensburger Unternehmerin und arbeitet erst seit kurzem mit dem SV Zukunft zusammen. Sie bietet unter anderem Rhetorikkurse für Erwachsene an, beim SV Zukunft arbeitet sie in Workshops an Schulen mit den Kindern.

Um Jugendliche aus problematischen Verhältnissen wirklich einzubeziehen, "muss sich die Gesellschaft bewegen", gab Michael Zoller, ein Münchner Anwalt, zu bedenken, der für den SV Zukunft unter anderem Projekte und Geldgeber zusammenbringt. Und dazu gehören auch die Ausbildungsbetriebe. "Arbeiten ist ein Geben und Nehmen", sagte ein Zuschauer der öffentlichen Veranstaltung im VHS-Haus. Reiml bestätigte anhand eines kleinen Beispiels aus dem Arbeitsleben, dass die Bedingungen stimmen müssen: "Ich hatte zwei Auszubildende betreut, einer lernte Metallbauer". Er habe im Betrieb eine Möglichkeit zu duschen, "kann so sauber nach Hause fahren und dort zeigen, was er auf der Drehbank gedrechselt hat". Ein anderer Azubi habe Trockenbauer gelernt. "Er musste in dreckiger Kleidung heimfahren und konnte auch nichts herzeigen". Dieser Azubi habe seine Ausbildung dann irgendwann abgebrochen, schilderte Reiml. Stefan Geisenhofer gab ihm Recht: "Wir haben insgesamt sechs Auszubildende bei uns gehabt, fünf sind bei uns geblieben. Die Auszubildenden verbringen bei uns mehr Zeit als mit ihren Familien und Freunden, also muss sich das bei uns für sie wie Familie anfühlen." Wenn man den Jugendlichen Anreize bietet, könne man auch die Motivation erhöhen, so der allgemeine Tenor.

Aber auch an Schulen müsse die Inklusion gefördert werden. Renate Bruckmeier, Schulleiterin der Mittelschule Neustift, sagte: "Inklusion kann man nicht machen, wenn für alle Schüler die gleichen Ziele zu gleicher Zeit gesetzt werden", man habe 100 unterschiedliche Fälle und es brauche nicht zwei oder drei Lösungen, sondern 100. Die Zusatzstunden, die ihrer Schule für Inklusion bewilligt werden, seien "viel zu wenig". Bürgermeister Eva Bönig sagte dazu: "Die Politik muss Geld in die Hand nehmen, um die Leute ausbildungsfähig zu machen".

Abschließend stellte Birgit Mooser-Niefanger die Frage, wie man denn des Problems Herr werden könnte. Eine perfekte Lösung zu finden, sei sehr schwer, darauf einigten sich alle. "Weg von der Defizitorientierung" - dieser Grundsatz wurde als Lösungsansatz final in den Raum geworfen. Mit einem scherzhaften "und hin zu den Backwaren", von denen noch reichlich da war, beendete Zoller die Veranstaltung.

© SZ vom 11.05.2019

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