Pandemie im Landkreis Freising:Testverweiger wie Schulschwänzer behandeln

Einige Eltern lehnen es ab, ihre Kinder vor dem Unterricht auf eine Corona-Infektion hin überprüfen zu lassen. Schulleiter sind erleichtert über eine Anweisung des Kultusministeriums, wie mit so einem Verhalten umzugehen ist

Von Gudrun Regelein und Alexandra Vettori, Freising

- Seit Beginn des Schuljahres gibt es keine Maskenpflicht mehr am Platz im Klassenzimmer. Die Corona-Testpflicht aber besteht weiter, auch die Schulen im Landkreis sind inzwischen routinierte Massen-Tester. Dreimal die Woche wird ab Jahrgangsstufe fünf mit Stäbchen getestet, an Grundschulen finden zweimal die Woche klassenweise Pool-Tests statt. Wer sich nicht an der Schule testen will, muss sich einen gültigen PCR- oder POC-Antigentest besorgen. Oder bleibt daheim und wird mit Lehrmaterial versorgt - oder erhält sogar Distanzunterricht. Damit aber soll jetzt Schluss sein.

An vielen Schulen lehnen Kinder, Jugendliche und vermutlich vor allem ihre Eltern die Tests vor Ort ab, weil sie diese Situation als zu belastend empfinden. Das Bayerische Kultusministerium erfasst Testverweigerer nicht gesondert, da es auch Unterrichtsbefreiungen aus anderen Gründen gibt. Man schätzt die Zahl bayernweit aber auf 1600. Von sofort an will sie das Ministerium wie Schulschwänzer behandeln, das Fehlen kann sanktioniert werden - mit Verweisen oder sogar einem Bußgeld. Zukünftig wird es für diese Schüler auch keinen Distanzunterricht mehr geben. Diese Entscheidung begrüßen viele Schulleitungen. Andrea Bliese, zum Beispiel, die Leiterin des Freisinger Camerloher-Gymnasiums. Drei Testverweigerer gab es hier bislang, in der 5., der 6. und der 8. Klasse. Das Fünftklasskind ist wieder im Unterricht, das erste Mal in diesem Schuljahr. Die beiden anderen fehlen seit vor den Sommerferien. Andrea Bliese befürchtet, dass das so bleiben wird, bislang hätten die Eltern nicht auf ihr Schreiben, in dem auf die Neuregelungen hingewiesen wurde, reagiert. Schon seit Langem habe man versucht, diese argumentativ zu überzeugen, sagt sie. Bislang erfolglos. "Manchen scheint ihre Ideologie wichtiger zu sein als das Kindswohl."

Für die Lehrer sei es aber eine Erleichterung, dass sie nicht noch zusätzlich Distanzunterricht leisten müssen. "Die Klassen haben viel nachzuholen, es ist natürlich eine Belastung, dann noch einzelne Schüler mit Unterrichtsmaterialien versorgen und Videokonferenzen halten zu müssen." Insofern findet Bliese die ministerielle Entscheidung "gut und richtig", betont aber: "Ich sehe nicht ganz, wo das hinlaufen soll. Das ist nicht wirklich durchdacht." Zwar könne man nun Verweise wegen unentschuldigten Fehlens erteilen, aber mit der Polizei dürfe man ein Kind nicht an die Schule holen lassen. Denn es gebe zwar eine Testpflicht - nicht aber einen Testzwang. "Schlimm ist, dass es die Kinder trifft", sagt Bliese. Ihnen werde nicht nur die Bildung verwehrt und es fehlten ihnen die sozialen Kontakte in der Schule, Sondern, im schlimmsten Fall, werde das Kind sogar durchfallen: wenn es unentschuldigt bei Prüfungen fehle, müsse die Note 6 vergeben werden.

Schulstart in Sachsen

Die Corona-Testpflicht besteht weiter, auch die Schulen im Landkreis sind inzwischen routinierte Massen-Tester.

(Foto: dpa)

Auch am Freisinger Domgymnasium gibt es Testverweigerer, das seien - wie im bayernweiten Durchschnitt - etwa 0,3 Prozent der Schüler, berichtet Leiter Manfred Röder. Die Schüler fehlen seit dem Beginn der Testobliegenheit, also seit Mitte April. "Testverweigerer haben wir nicht, aber drei Kinder bringen an den Testtagen Testergebnisse von extern mit", sagt dagegen Stefan Bäumel, Leiter am Neufahrner Oskar-Maria-Graf-Gymnasium. An der Freisinger Realschule Gute Änger wiederum spricht Leiterin Andrea Weigl von "einigen wenigen" Schülern und Schülerinnen, die den Unterricht noch immer nicht besuchen. Den allgemeinen Distanzunterricht hinzugezählt, waren sie seit Dezember nicht mehr an der Schule. "Wir haben natürlich versucht, die Eltern zu überzeugen, ihre Kinder wieder am Präsenzunterricht teilnehmen zu lassen", berichtet Weigl. Bislang aber habe das nicht geklappt. An der Schule sei das Testen inzwischen im Alltag integriert - aber zwingen könne man natürlich niemanden dazu.

Trotzdem sei sie froh um die jüngste Entscheidung, "ich bin froh wegen der Kinder, so kann es ja nicht weitergehen", so Weigl. Für die Schüler sei es das Beste, in der Schule zu sein, das hätten die vergangenen Monate deutlich gezeigt. Abgesehen davon könne der Unterrichtsstoff nicht alleine zu Hause bewältigt werden. "Man hat keine Chance, am Ball zu bleiben", sagt sie. Irgendwann verliere man den Anschluss, ein Schuljahr mindestens gehe dadurch verloren. Wie man mit den Testverweigerern aber umgehen solle, dafür fehlten bislang die Richtlinien. Das Schule schwänzen müsse bestraft werden, aber das eigentliche Ziel sei ja, die Kinder wieder in die Schule zu bringen. Weigl hat die betroffenen Eltern erneut angeschrieben und in diesem Schreiben darauf hingewiesen, dass das Kind auch außerhalb der Schule, beispielsweise in einer Apotheke, getestet werden könne. Wenn das nicht akzeptiert werde, müsse sie die Fälle dem Ordnungsamt melden. Für eine gewisse Zeit aber werde man die Schüler noch mit Unterrichtsmaterialien versorgen, auch Distanzunterricht werde es noch geben. "Auf Dauer aber wird das nicht möglich sein." Das sei schade für die Kinder, man wolle sie nicht hängenlassen.

Verweigerer im eigentlichen Sinne gibt es an der Grund- und Mittelschule Neustift in Freising nicht. Es gibt aber Kinder, die Anzahl ist im einstelligen Bereich, deren Eltern sich extern um Tests kümmern, berichtet Leiterin Sabine Jackermaier. Das bedeutet, dass derzeit alle Kinder am Präsenzunterricht teilnehmen. Die Eltern wurden per Elternbrief über das von der Staatsregierung vorgegebene Procedere informiert. "Mein Eindruck ist, dass die Eltern und Kinder es schätzen, dass wieder Präsenzunterricht stattfinden kann."

Pandemie im Landkreis Freising: Andrea Weigl, Leiterin der Realschule in Freising.

Andrea Weigl, Leiterin der Realschule in Freising.

(Foto: Marco Einfeldt)

An der Mittelschule wird dreimal in der Woche getestet, mit dem bereits bekannten "Nasentests". Das klappe sehr gut, die Lehrkräfte und Jugendlichen seien in die Thematik mittlerweile gut eingearbeitet. An der Grundschule wird der sogenannte Lolli-Test verwendet. Da es sich um PCR-Tests handelt, reiche zweimal in der Woche eine Testung aus. Der organisatorische Aufwand im Vorfeld allerdings sei enorm gewesen. "Wir konnten deshalb auch nicht in der ersten Woche damit starten, da es schlicht unmöglich war." Mittlerweile habe sich aber auch das eingespielt.

Das bestätigt Elke Horn von der Grundschule am Fürholzer Weg in Neufahrn. "Wir sind sehr froh, dass fast alle unserer 317 Schülerinnen und Schüler am Pooltest teilnehmen." Nur wenige brächten Testnachweise aus Praxen oder Apotheken mit. Allerdings seien für die Schule die Vorbereitung, die Handhabe der Software, die Datenübermittlung und Personalisierung der Etiketten sehr arbeitsintensiv. An den zwei Testtagen müssen alle Teströhrchen mit Etiketten versehen und aufwendig verpackt werden, bevor sie der Fahrer holt und, wie alle Schulproben aus dem Landkreis, nach Ebersberg in ein Labor bringt.

"Es hat sich eingespielt wie das tägliche Zähneputzen", beschreibt auch Marietta Hager, die Leitern der Neufahrner Jo-Mihaly-Mittelschule das Testprozedere an ihrer Schule. Es laufe quasi problemlos. Dennoch sei es ein Zeitfresser, man müsse all die Materialien ja bestellen und alles dokumentieren. An ihrer Schule gibt es zwei Testverweigerer, sie erhalten die Schulmaterialien, aber keinen Fernunterricht. "Das können wir personell einfach nicht leisten", erklärt Hager. Sie macht sich Sorgen um die Kinder und hofft, dass sie nun mit dem neuen Druck an die Schulen zurückkehren werden. "Elternwille in allen Ehren, aber die Schulpflicht ist ein hohes Gut." In einem Punkt hat aber auch Marietta Hager Bedenken. Sie befürchtet, dass die Beschwerden der Eltern dann in den Schulen auflaufen und nicht im Kultusministerium.

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