Öffentlicher Nahverkehr Passnummer und Bakschisch im Linienbus

Wer sich über die Verspätungen der S-Bahn aufregt, sollte in Syrien mal Bus fahren. Danach sieht man alles entspannter.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wie ein syrischer Flüchtling Klagen über den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland sieht und welche Erinnerungen wach werden.

Von Aladdin Almasri, Freising

Als ich vor einigen Wochen mit der S1 von München nach Freising fahren wollte, kam auf einmal eine Durchsage: Der Zug fährt als Ganzes zum Flughafen, statt sich wie sonst in Neufahrn zu teilen. Während ich auf die nächste S-Bahn gewartet habe, stand ich neben einem Mann: Er war um die 50 Jahre alt und sportlich gebaut, hatte graue Haare und trug einen schwarzen Anzug. Er murmelte vor sich hin, der Ärger war ihm ins Gesicht geschrieben. Immer wieder checkte er seine Armbanduhr und das Handy. Bei der S1 gibt es immer wieder Verspätungen. Aber hätte dieser Mann einmal den öffentlichen Nahverkehr in Syrien ausprobiert - es würde ihn deutlich entspannter werden lassen.

Die Verbindung zwischen München und Freising ist heute viel weiter entwickelt als vor 40 Jahren. In Damaskus dagegen sind von der Tram, deren Netz sich einmal über die Stadtteile und Vororte erstreckt hat, nur noch in einigen Straßen Spuren der Gleise übrig. Die meisten aber sind unter Asphalt begraben. Die erste elektrische Tram wurde in Damaskus im 1907 eröffnet, sie führte vom Marjah-Platz ins Zentrum der Hauptstadt bis zur Al-midan-Gegend. 55 Jahre später, 1962, ist die Entscheidung gefallen, das Tramunternehmen aufzulösen: Die Gründe waren angeblich Fehler der Firma. Die wunderschöne Tram ohne Abgase wurde ersetzt durch den sogenannten "Regierungsesel": So könnte man den Namen übersetzen, den die Syrer den großen, dieselbetriebenen Bussen gegeben haben, die ab dem Zeitpunkt ihr Gift in der Stadt verbreitet haben.

Bis 1993 hat sich nichts geändert, dann wurde es richtig schlimm. Die "Ratten" sind in Syrien eingefallen. Die "Ratten" sind kleine, asiatische Busse, sie fahren schnell und mit Diesel, in einen von ihnen passen etwa 15 Menschen. Sie haben keine Sicherheitsgurte und sind auch sonst nicht sicher. Die Busse kamen nach Syrien, weil ein Partner der Assad-Familie einen Deal abgeschlossen hat unter dem Vorwand, die Verkehrskrise zu beheben. Allein in Damaskus gibt es 15 000 dieser Busse, die Abgase in die Luft verströmen.

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Fahren ohne Fahrplan und unter polizeilicher Beobachtung

Damaskus gehört heute zu den am meisten verschmutzten Städte der Welt. Und weil die Busse in privater Hand sind, bestimmt der Fahrer die Regeln. Bis heute gibt es keinen wirklichen Fahrplan - alles ist dem Zufall überlassen. Was aber am beunruhigendsten ist für die, die in Syrien öffentliche Verkehrsmittel nutzen, ist psychologische Einschüchterung. Viele Taxis gehören zum Sicherheitsdienst, die Fahrer sind Geheimagenten. In den Bussen hängen überall Bilder vom früheren Präsidenten Hafez al-Assad und von seinem Sohn, dem aktuellen Präsidenten Bashar al-Assad, dazu Sprüche, die für sie werben.

Außerdem muss jeder Passagier immer, wenn er Bus fährt, seine persönlichen Daten und die Passnummer auf eine Liste schreiben: Auf der stehen die Namen aller, die vom Hauptbahnhof losfahren. Fährt der Bus los, übergibt der Fahrer die Liste einem Polizisten. Warum die ganze Prozedur? Sie ist sinnlos. Wer gesucht wird oder kriminell ist, vermeidet den Bahnhof einfach, indem er ein Taxi nimmt oder mit einem privaten Auto fährt. Der Zweck ist, dass die Bürger sich beobachtet fühlen und Angst haben.

Ich persönlich kannte diese Angst noch nicht, als ich zwölf Jahre alt war. Einmal bin ich mit dem Bus gefahren, ich war alleine und hatte noch keinen Pass. Am Tor des Bahnhofs hat der Polizist den Bus angehalten und wegen eines fehlenden Namens auf der Liste nachgefragt. Er hat seinen Kopf durch das Fenster gestreckt, mit einer Zigarette im Mund, und kontrolliert, wie viele Passagiere im Bus sitzen. Ich wusste, dass ich gemeint war, und war nervös. Aber dann hat der Fahrer schnell reagiert. Ich merkte, dass er dem Polizisten etwas in die Hand gegeben hat. Ich habe nicht verstanden, was passiert ist - aber später ist mir klar geworden, dass jeder Fahrer dem Polizisten die Summe eines Passagiertickets zahlen muss - jedes Mal, wenn aus dem Bahnhof herausfährt.

In den vergangenen zehn Jahren ist das Thema Umweltschutz präsent geworden. Nach Syrien wurden riesige grüne Busse gebracht, sie kommen aus China und dem Iran und fahren mit Diesel. Tatsächlich sind sie nicht umweltfreundlich und auch nicht gut für die Syrer: Nach dem Ausbruch der Revolution 2011 funktionierte sie das Regime zu Militärbussen um und transportierten Sicherheitskräfte. In letzter Zeit bringen sie außerdem Gegner des Regimes aus allen Teilen des Landes in den Norden von Syrien, weil sie fliehen müssen. Die grünen Busse sind für die meisten Syrer ein weiteres Symbol für die Diktatur geworden.

Aladdin Almasri, 34, floh 2013 aus Syrien in die Türkei. 2015 später kam er nach Bayern. In loser Folge schreibt er in der SZ Freising über verschiedenste Themen. Übersetzung: Nadja Tausche.

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