Oberding grenzt direkt an den Flughafen München. Näher ran kommt keine andere Gemeinde im Landkreis Erding. Der Airport hat die einst landwirtschaftlich geprägten Gemeindeteile mit dem Hauptort Oberding in den vergangenen 30 Jahren stark verändert. Hotels und Park&-Fly haben viele Bauernhöfe ersetzt, internationale Unternehmen haben sich angesiedelt, aber in allen Oberdinger Ortschaften gibt es quicklebendige Vereine, die die Dorfgemeinschaft hochhalten. Ein bisschen Stadt also und noch immer viel Land.
Insgesamt 7000 Einwohner hat Oberding inklusive aller Ortsteile, auf Gemeindegrund befinden sich unter anderem: eine Grund- und Mittelschule und eine Realschule, eine moderne Dreifachsporthalle, mehrere Hotels, ein E-Werk, eine Tankstelle, ein Seniorenzentrum, Pizzeria, Supermarkt, Friseur und Apotheke, Rathaus, Gewerbegebiete mit internationalen Logistikern und leider viel Verkehr. Was es auch gibt: Nicht wenige Landwirte haben ihren Betrieb in einen Parkservice für Flughafengäste umorganisiert.


Aber nein, als Kleinstadt würde er seine Kommune niemals bezeichnen, sagt Oberdings Bürgermeister Bernhard Mücke (CSU). Trotz all der Umwälzungen, die die Ansiedlung des Münchner Flughafens 1992 mit sich gebracht hat, hätten sich doch alle Ortsteile „etwas Ländliches“ erhalten. Die verschiedenen Gemeindeteile hätten eigene Feuerwehren, eigene Vereine und Verbände. „Deswegen haben wir auch jedes Jahr ein Maibaumaufstellen, denn in irgendeinem Ortsteil ist es wieder so weit“, so Mücke. Aber ein Dorf ist Oberding auch nicht. Also, was überwiegt? Da muss Mücke kurz nachdenken. „Wir sind ein Hybrid“, sagt er schließlich.
Weil größere Flächen des Flughafens auf Oberdinger Flur liegen, ist die Gemeinde zugleich Sicherheitsbehörde für das internationale Drehkreuz im Erdinger Moos. Was immer der Flughafen München zwischen seinen Terminals an Veranstaltungen plant – ohne einen entsprechenden Bescheid der Oberdinger Verwaltungsgemeinschaft geht nichts.
Das Gewerbegebiet in Schwaig in direkter Nachbarschaft zum Airport ist begehrt, auch bei international agierenden Unternehmen. Wirtschaftlich profitierte und profitiert Oberding von den vielen Betrieben. Viele Jahre konnte der Kämmerer mit Gewerbesteuereinnahmen bis zu 30 Millionen Euro rechnen, nach Corona sackte der Betrag ab, inzwischen peilt die Gemeinde laut Bürgermeister „um die 20 Millionen“ an. Davon kann manch größere Stadt nur träumen, ebenso von den modernen Gebäuden der Dreifachturnhalle und der Grund- und Mittelschule im Hauptort Oberding.


Die Nähe zum Airport hat ihren Preis. Die nahen Flieger sind nicht zu überhören und der Verkehr hat stark zugenommen. Am meisten verändert hat sich wohl Schwaig. Rainer Hellinger, Gemeinderat der Wählergemeinschaft Schwaig und Pressesprecher des FC Sportfreunde 1913 Schwaig, ist hier verwurzelt. Von allen Ortsteilen sei Schwaig am wenigsten noch ländlich geprägt, sagt der Redakteur. Zwei Landwirte gibt es noch. Einer hält mitten im Ort auf seinem Grundstück eine Gruppe Damwild, ab und zu zeigt sich ein Tier hinter dem Zaun. „Heute gibt es hier doppelt so viele Hotels wie Höfe.“
Mit dem Bau des Flughafens haben viele Bauern ihre Felder an den Airport verkauft, sind weggezogen. „Das waren Familien, die Jahrhunderte in der Gemeinde ansässig waren“, erklärt Hellinger. Die fehlten in der Ortsgemeinschaft, im Fußballverein oder im Kirchenchor.


Während Alteingesessene weggingen, erlebte Schwaig zugleich einen großen Zuzug. Schwaig musste sich „neu sortieren, neu aufstellen“, so Rainer Hellinger. Und das sei auch mithilfe des FC Schwaig gelungen. Gerade Sportvereine seien prädestiniert dafür, Menschen zu integrieren. Beim Fußballspielen zähle „nicht die Herkunft oder die Hautfarbe, da geht es darum, eine Mannschaft zu bilden, zusammenzuspielen“. Der FC Schwaig sei heute „die größte Klammer, die die Ortschaft zusammenhält“.



Auch Michael Miesbauer stammt aus Schwaig. Er hat ein paar Jahre in München gelebt, aber als die Kinder kamen, sei er „in die Heimat zurückgegangen“. Miesbauer ist Vorstand beim Verein Moosmotor Schwaig. „Wir wollen das Brauchtum erhalten und auch das kulturelle Leben vor Ort“, sagt er. Dabei gehe es gar nicht so sehr um ausschließlich bayerische Traditionen. Dazu gehöre zum Beispiel ein breites Angebot für Kinder und Jugendliche. Für die „Moos Kidz“ organisiert der Verein Ausflüge ins Oberdinger Moos, wo ältere Schwaiger den jüngeren erzählen, wie dort früher Torf gestochen oder Tee angebaut wurde. „So bringen wir Jung und Alt zusammen“, erklärt Miesbauer.
Er sieht die Gemeinschaft innerhalb der Ortschaft „auf einem sehr guten Weg“. Der Zusammenhalt auch unter den Vereinen sei groß. Gegenüber vom Sportplatz des FC Schwaig steht der Heiglhof, eines der ältesten Gehöfte im Ort. Die Gemeinde hat das verlassene Haus gekauft und es den Vereinen überlassen. Sie werden den Hof wieder mit Leben erfüllen. Der Moosmotor hat in Eigenregie bereits einen Raum umgebaut und renoviert. „Wir wollen, dass möglichst viel von der historischen Substanz erhalten bleibt.“
In Oberding kann der Gemeindeteil Notzing immerhin mit einem Schloss aufwarten, die ehemalige Wasserburg aus dem 14. Jahrhundert wird privat bewohnt. Ein wenig abseits befindet sich ein idyllischer Naturbadeteich, der Notzinger Weiher. Leider ist die Gemeinde aber auch am meisten von allen von Autoverkehr geplagt.
Aufkirchen hat ein Tauchzentrum, Niederding einige Hofläden
Aufkirchen wiederum liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat ein Tauchzentrum zu bieten. In diesem Gemeindeteil, haarscharf an der Grenze zur Großen Kreisstadt Erding, steht auch die Oberdinger Flüchtlingsunterkunft, um die sich der Helferkreis „Starke Hände“ kümmert. In Niederding sieht man immer wieder Bulldogs fahren, es gibt hier Hofläden sowie eine größere PV-Anlage, unter der Schafe grasen.
Und dann gibt es auch noch den ehemaligen Gemeindeteil Schwaigermoos. Rund um den Weiler gedieh einst die englische Pfefferminze. Als der Flughafen München im Erdinger Moos in Betrieb ging, verließ ein Bewohner nach dem anderen die Ortschaft. Die duftenden Teefelder, die Äcker und Moore sind längst verschwunden, die Wohnhäuser und Ställe sind heute überwucherte Ruinen. Aber das ist eine andere Geschichte.

