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Hilfe für Obdachlose:Dringend notwendig

65 Wochenstunden für externe Beratung von Obdachlosen hat der Freisinger Finanzausschuss bewilligt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Freisinger Finanzausschuss bewilligt einstimmig 65 Wochenstunden für externe Beratung von Betroffenen.

Von Kerstin Vogel, Freising

Die Stadt wird die aufsuchende Beratung der Menschen, die in ihren Notunterkünften leben, für die kommenden vier Jahre an ein externes Unternehmen vergeben. Der Finanzausschuss stimmte am Montag auf Antrag von Linken-Stadtrat Guido Hoyer einer Ausschreibung der Aufgabe über 65 Wochenstunden zu, obwohl die Verwaltung lediglich 40 beantragt hatte. Offenbar war man im zuständigen Amt davon ausgegangen, dass wegen der angespannten Haushaltslage nicht mehr Stunden bewilligt würden. Die Ausschussmitglieder aber entschieden im Interesse der Obdachlosen anders - auch, weil es in der Verwaltung entsprechende Einsparungen bei den Personalkosten gibt, wie sich in der Debatte zeigte.

Hintergrund ist die kürzlich erfolgte Umstrukturierung des Sachgebiets der kommunalen Obdachlosenunterbringung und die Schaffung des neuen Amtes für Obdachlosenhilfe und Sozialwohnungsvergabe bei der Stadtverwaltung. Die allenthalben als unumgänglich eingestufte Basisberatung der Obdachlosen war zuvor von einer Teilzeit-Mitarbeiterin der Caritas mit 25 Wochenstunden und einer Vollzeitkraft der Stadtverwaltung mit 40 Stunden übernommen worden - bei genau dieser Vollzeitkraft aber handelte es sich um Susanne Weber, die mit der Umstrukturierung zur neuen Amtsleiterin befördert worden war.

Die aufsuchende Beratung lag zuletzt allein bei einer Teilzeitkraft

Damit hatte die aufsuchende Beratung zuletzt allein bei der Teilzeitkraft gelegen, wie Weber im Ausschuss schilderte - eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Denn die Menschen in den städtischen Notunterkünften gehörten einem Personenkreis an, "der sehr häufig mit Suchtproblemen, psychischen Problemen, Sprachproblemen, Analphabetismus, Missbrauchserfahrung und ähnlichem zu kämpfen hat", so die Amtsleiterin. Der weit überwiegende Teil sei nicht in der Lage, sich selbst aus dieser Situation zu befreien. Derzeit lebten in den städtischen Notunterkünften gut 200 Menschen in 67 Haushalten, darunter auch Familien. Von den alleinstehenden Personen seien über 80 Prozent Männer.

Um diese Menschen schnell zurück in ein geregelteres Leben zu führen, sei es dringend erforderlich, dass sie unmittelbar nach der Einweisung in die Notunterkunft von einer Fachkraft engmaschig begleitet würden. Diese könne in regelmäßigen, individuell zugeschnittenen Clearingsitzungen die individuellen Problemlagen erörtern und gemeinsam die nächsten Schritte überlegen - etwa ob die Hilfe einer Therapieeinrichtung oder einer Schuldnerberatung beanspruchtwerden soll. Das niederschwellige Angebot sei die Basis, um weiterführende Hilfe zu ermöglichen.

Die Sparbestrebungen der Stadträte gehen nicht so weit wie von der Amtsleiterin befürchtet

Tatsächlich profitiere neben den Betroffenen auch die Stadt von der engmaschigen Basisberatung, warb Weber für ihren Antrag. Denn die Kommune sei etwa in Fällen von einem plötzlichen Verlust der Wohnung verpflichtet, etwas zu tun und müsse stets ausreichend Plätze in den Notunterkünften freihalten. Wenn diese aber von Langzeit-Obdachlosen belegt seien, müsse die Stadt andere Unterbringungsmöglichkeiten finden - zur Not sogar in einem Hotel und das könne teuer werden, so Weber. Abgesehen davon könnten Unterbringungen in Notunterkünften von mehr als einem Jahr zu vermehrten psychosozialen Problemen der Obdachlosen führen, die weitere Folgekosten nach sich zögen. Wichtig sei bei alledem, die Erstberatung von der behördlichen Unterbringung personell und räumlich zu trennen. Der betroffene Personenkreis leide oft unter einer tief verwurzelten "Angst vor Behörden", die eine Clearing-Beratung negativ beeinflusse.

Webers Vorschlag, die Beratung künftig von einem Sozialdienstleister durchführen zu lassen, war im Ausschuss generell unstrittig. Webers Amt hatte beim derzeitigen durchschnittlichen Stundensatz für eine Sozialberatung bei einem Sozialträger ein Maximum an Kosten von 150 000 Euro ermittelt und dafür zumindest 2021 auch Mittel im städtischen Haushalt gefunden. Die Notwendigkeit der Beratung wurde quer durch die Fraktionen bekräftigt - und offenbar gehen die Sparbestrebungen der Stadträte weniger weit, als von Weber befürchtet. Hoyers Antrag, die bisherigen 65 Beratungsstunden auch bei dem Dienstleister "einzukaufen", wurde nach kurzer Debatte einstimmig angenommen - für 2022 bis 2024 aber unter Haushaltsvorbehalt.

© SZ vom 05.05.2021/ilos
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