Nur mageres Taschengeld Inklusion scheitert zu oft am Geld

Behinderte Menschen erhalten oft nur eine Existenzsicherung auf Sozialhilfeniveau. Für Freizeitaktivitäten ist das zu wenig. Dabei sieht die Behindertenrechtskonvention eine echte Teilhabe am Leben vor

Von Gudrun Regelein

Vor knapp zehn Jahren, im März 2009, wurde in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Darin geht es vor allem um die Inklusion, um das Recht auf Teilhabe am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben. "Für die Menschen mit Behinderung ist das aber nach wie vor keine Selbstverständlichkeit", sagt Franz Kratzer, Leiter des betreuten Wohnens und des ambulant unterstützten Wohnens der Lebenshilfe Freising. Der Grund: Die Finanzierung des Lebens behinderter Menschen erfolge in vielen Fällen auf Sozialhilfeniveau - ein Besuch eines Konzerts, ein Kinoabend oder ein Ausflug sei oft nicht möglich, schildert Kratzer. "Es scheitert am Geld."

Fahrdienste sind für Senioren und behinderte Menschen wichtig, am öffentlichen Leben teilnehmen zu können. Oft werden sie über Spenden finanziert.

(Foto: Claus Schunk)

Ein Rentner beispielsweise, der stationär untergebracht ist, bekomme exakt 112,32 Euro Sozialhilfebarbetrag im Monat. Das sei eine Art Taschengeld, das für Freizeitaktivitäten, aber auch für Kleidung, gedacht sei. "Damit kommt man nicht weit", sagt Kratzer. Denn gerade viele der älteren behinderten Menschen bräuchten eine Assistenz oder den Fahrdienst: All das koste Geld - für einen Konzertbesuch müsse mit gut 80 Euro gerechnet werden. "Oft wird man sich so etwas wohl eher nicht leisten können."

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In der Offenen Behindertenarbeit der Lebenshilfe gibt es im Freizeitbereich ein breites Programm, erzählt deren Leiterin Saskia Hobmeier. Ein Jugendtreff im Tollhaus beispielsweise, ein Seniorentagestreff, Kegelabende und Ausflüge werden angeboten. Aber auch hier seien viele Teilnehmer auf unterstützende Assistenzen oder einen Fahrdienst angewiesen. "Allerdings gibt es keinen Topf, aus dem das zu hundert Prozent finanziert werden kann", berichtet Hobmeier. Auch der Fahrdienst, der in der Offenen Behindertenarbeit angeboten wird, werde aus Spendengeldern mitfinanziert. "Anders ginge es gar nicht", sagt Hobmeier. Zwar habe sich in den vergangenen Jahren einiges bei der Finanzierung verbessert, "aber eine uneingeschränkte Teilnahme der Menschen mit Behinderung sehe ich noch nicht", sagt Hobmeier. Es gebe noch immer Fälle, bei denen die Pflegekasse nichts dazu zahle.

Alois Mühlhammer beispielsweise: Der 59-Jährige ist nach einer frühkindlichen Hirnschädigung geistig behindert. Er und seine Frau leben im teilstationär betreuten Wohnen der Lebenshilfe. Alois Mühlhammer hatte Krebs, hat ihn besiegt. Bis er vor etwa zwei Jahren wieder an Krebs erkrankte. Vor einigen Monaten musste ihm deshalb der rechte Arm amputiert werden. "Er ist ein Kämpfer, versucht, mit der Situation zurechtzukommen", schildert Franz Kratzer. Eigentlich wollte Mühlhammer nach der Amputation nicht mehr in der Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten, er traute sich das mit nur einem Arm nicht mehr zu. "Aber dann hätte das Geld nicht ausgereicht, obwohl auch seine Frau arbeitet. Er kann nicht in Rente gehen." Große Sprünge könne sich das Paar dennoch nicht erlauben, das Geld reiche gerade zum Überleben, schildert Manuela Mühlhammer. Zwar würde sie mit ihrem Mann gerne öfters etwas unternehmen, beispielsweise ins Kino gehen. Aber dafür braucht das Paar einen Fahrdienst, der Besuch werde dann schnell teuer. "Oft können wir uns so etwas nicht leisten", sagt sie. Einmal sei sie auch im Deutschen Theater gewesen, der Abend sei sehr schön gewesen - aber habe 40 Euro gekostet. "Wenn man nicht viel Geld hat und sparen muss, dann halt bei solchen Dingen", sagt Manuela Mühlhammer.

Eigentlich besage die UN-Behindertenrechtskonvention, dass auch Menschen mit Behinderung in der Mitte der Gesellschaft einen Platz finden, dass sie in der Gemeinschaft integriert werden sollen, sagt Franz Kratzer. "Aber das gelingt noch nicht wirklich." Teilhabe koste eben Geld, aber die derzeitigen Mittel seien nicht ausreichend. Das erfährt er immer wieder. Seinen 54 Klienten reiche - bis auf die wenigen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Anstellung gefunden haben - dafür das Geld nicht aus. Ein selbstbestimmtes Leben zumindest sei so nicht möglich. "Wenn man sich überlegt, welche großen Ziele wir mit der Inklusion eigentlich haben, ist das bisherige Ergebnis schon ernüchternd", sagt Franz Kratzer.