Novum in Neufahrn Bauhofmitarbeiter wollen hoch hinaus

Die einen klettern in ihrer Freizeit, Thomas Reisacher (rechts) und Jonathan Fritz dagegen sind dienstlich unterwegs - diesmal untersuchen sie die Sicherheit der Bäume am Mühlsee.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Team hat zwei Baumkletterer in seinen Reihen. Die beiden entfernen kaputte Äste und lichten Kronen aus. Da sie bei ihren Einsätzen keine Hebebühne benötigen, schonen sie Boden und Umwelt

Von Birgit Grundner

Das ältere Ehepaar hat einen Stammplatz: Die Liegen stellen sie immer unter dem selben Baum westlich des Mühlsees auf. "Da liegen wir seit 25 Jahren drunter", erzählen die beiden. Gleich in der Früh ist da normalerweise nicht viel los, nichts stört die Ruhe. An diesem Tag ist genau dieser Baum aber schon besetzt. Jonathan Fritz hat sich in der Krone eingespreizt und entfernt kaputte Äste, sein Kollege Thomas Reisacher ist noch am Boden und schneidet mit einer Zugsäge am Ende einer langen Teleskopstange weitere Äste ab. Neben den Werkzeugen gehören auch Helme, Seile und Karabinerhaken zu ihrer Ausrüstung, dazu Sonnencreme und Insektenschutz. Die beiden Männer sind die bislang einzigen qualifizierten Baumkletterer am Bauhof Neufahrn.

Sie machen "seilunterstützte Baumpflege", wie es offiziell heißt. Damit machen sie jetzt in vielen Fällen den Einsatz einer Hebebühne überflüssig, und das hat viele Vorteile. Anders als mit der Hebebühne erreichen die Baumkletterer am Seil fast jede Stelle in der Baumkrone. Sie verursachen weder Lärm noch Abgase, und es schont auch den Boden, wenn dort keine schwere Hebebühne aufgestellt werden muss. Nicht zuletzt spart sich die Gemeinde aber auch viel Geld, wie Bauhofleiter Wolfgang Huber betont. Eine professionelle Hebebühne kostet schließlich etwa 600 Euro Miete pro Tag. Über das Jahr kam da bisher eine ordentliche Summe zusammen.

Da hat die Gemeinde lieber in die Zusatzqualifikation von Jonathan Fritz (29) investiert. 14 Tage lang wurde der Gärtner in einem speziellen Schulungszentrum in Gilching ausbildet. Auf dem Stundenplan standen Material- und Ausrüstungskunde, Sicherungs- und Knotentechnik. Thomas Reisacher (50) war dagegen ohnehin schon viele Jahre Baumkletterer, als er am Bauhof eingestellt wurde. Bei seinem neuen Arbeitgeber konnte er diese Fähigkeiten zunächst nicht einsetzen: Aus Sicherheitsgründen dürfen nur zwei ausgebildete Baumkletterer gemeinsam losgeschickt werden. Zum Glück bekam er dann aber mit Jonathan Fritz einen neuen Kollegen, der sich gleich für das Thema interessiert hat.

Von seinen neuen Möglichkeiten ist der junge Gärtner begeistert: "Wenn man die körperliche Anstrengung mag, ist das geil", strahlt er. Die Arbeit geht auch nicht aus. Um mehrere Tausend Bäume kümmert sich der Neufahrner Bauhof. Dabei geht es bei weitem nicht nur um optische Fragen. Die Gemeinde hat auch eine Verkehrssicherungspflicht, wie Huber erklärt. Die in einem Kataster erfassten Bäume müssen jedes Jahr mindestens zweimal überprüft werden.

Derzeit ist zum Beispiel das Eschentriebsterben ein großes Problem. Auch am Mühlsee nehmen sich die Baumkletterer an diesem Tag eine mächtige Esche vor: Zunächst begutachten die beiden Männer den Baum vom Boden aus und besprechen, was gemacht werden muss - wo der Baum zum Beispiel zurückgeschnitten werden muss und wo womöglich Totholz ist. Gleichzeitig wird geprüft, ob der Baum auch bruchfest und standsicher ist - andernfalls dürften die Baumkletterer gar nicht rauf.

Im konkreten Fall gibt es damit kein Problem, und die beiden Männer können loslegen. Das Ehepaar am Nachbarbaum verfolgt das Geschehen interessiert von den Liegen aus, die mittlerweile wieder an ihrem Stammplatz stehen - im Schatten der frisch gepflegten Baumkrone.

Nach Feierabend wird man die beiden Neufahrner Baumkletterer übrigens eher nicht mit Seil und Karabiner antreffen. Jonathan Fritz klettert nur beruflich, wie er sagt, und auch Thomas Reisacher bleibt lieber bei seinen Bäumen. Nur einmal habe er sich an einer Felswand versucht, erzählt er, und man merkt gleich, dass das nicht so ganz seine Sache gewesen ist. "Der Baum ist ein dreidimensionales Gebilde", sagt er, "das ist was anderes, als in der Wand zu hängen."